Zuckersüß 523: Weltwissen, Erzähltradition, Tastatur-Interface

raureif an gartengatter
Raureif ist SO verrückt

…mit wenig Gebackenem, zwei Lokalen (&Flora, Elvis), einer Ausstellung (Fahrrad und Hummer im MAK), einem dünnen Buch (Carrier Bag Theory of Fiction), einer Konferenz (39c3), zwei Strick- und einem Häkel-Nähprojekt (My Dream Cardigan, The Next Hoodie und iPad-Hülle) und wie immer, den besten Links der vergangenen Woche.

Seit dem letzten Zuckersüß habe ich leicht creepy Glücksschwein-Kekse und 2026-Jahreszahlen (nach dem Rezept für Quark-Schmetterlinge von 2010) und Zimtschnecken (nach diesem Rezept von Bravetart von 2017) gebacken. Außerdem habe ich Tiramisu gemacht, mit Karamell/Biscoff-Keksen statt Löffelbiskuits (lose nach dem Rezept für Lebkuchenhaus-Tiramisu von 2016). Und dann habe ich noch angefangen, Plunderteig zu machen, für eine Galette des Rois.

Gegessen

Kaiserschmarrn. Käsebrot. Veggie-Lasagne. Ein vegetarisches full English Breakfast zu Neujahr, beim besten aller Nachbarn.

Palak Channa, d.h. Kichererbsen und Spinat mit Reis (14,90€) von BioFrische, in einem seltenen Anfall von „lasst uns doch einfach Essen bestellen!“. Pad Thai mit Tofu (11,50€) von der Som Kitchen (1150), in einem noch selteneren Anfall von to-go-Essen.

&Flora

Einige Teller im sehr hübschen &Flora im Hotel Gilbert (1080), in das ich schon ewig mal wollte. Absoluter Favorit: Die Pilzspieße „shish Kabab style“ (24€), rauchig, leicht süß-würzig mariniert, fleischig in der Konsistenz, dazu frischer Joghurt, knackiger Kohl und ein Minipita.

Elvis Pizzazz

Ich bin recht selten außerhalb von Wien essen, aber in diesem Fall hat sich der kurze Ausflug aufs Land klar gelohnt: Die Pizza im erst kürzlich eröffneten Restaurant Elvis in Amstetten (3300) ist außerordentlich gut, Snacks, Dessert und Weinauswahl haben mir ebenso gut getaugt – ich werd noch extra drüber schreiben.

Gesehen/Gelesen

Fahrrad und Hummer im MAK und die Carrier Bag Theory of Fiction

Ich bin am ersten Jännersamstag ins MAK, eigentlich um die Helmut Lang-Ausstellung anzuschauen. Aber da war sehr viel los und ich hatte kaum Zeit, weshalb ich stattdessen kurz in die Fahrrad & Hummer -Sonderausstellung schaute (noch bis 1. Februar). Dort ist Christbaumschmuck aus Gablonz (heute Jablonec nad Nisou, Tschechien) ausgestellt, der hauptsächlich aus komplexen Glasperlen, aber auch Elementen aus Textil und Holz besteht. Das Design der Ausstellung – sehr zurückhaltend mit dunklen Farben und thematisch zusammengestellten Objekten, kein Baum weit und breit – hat mir gut gefallen und lässt viel Raum für die teils kitschigen Ornamente. Die Erklärtexte lieferten eine Steilvorlage für Recherche-Rabbit-Holes:

Ich habe z.B. gelernt, dass das größte Schiff der k.u.k.-Monarchie mit Linienbetrieb Triest–Bombay (hier ein Modell in der Sammlung des Technischen Museums) nach der böhmischen Stadt benannt war und dass Krüge, Körbe, Taschen und andere Gefäße als Zeichen des Wohlstands und der Fülle galten.

In dem Zusammenhang fand sich eine Referenz zu Ursula K. Le Guins Carrier Bag Theory of Fiction im Ausstellungstext: „Am Anfang war nicht der Speer, sondern die Tasche. Vor der Waffe stand das Behältnis.“ Das war besonders erstaunlich, weil ich erst ein paar Minuten zuvor mit einem Freund über eben diesen Text gesprochen hatte, den ich nach wie vor immer nur am Rande hier im Blog erwähnt habe (z.B. im Zusammenhang mit einem Besuch einer anderen MAK-Ausstellung 2023, in Zuckersüß 454, oder zum Storytelling-Meetup in Zuckersüß 480). Ich habe mir also das dünne kleine Buch nochmal aus dem Regal geholt (ich hatte es 2023 gemeinsam mit einer Kuchentragetasche geschenkt bekommen, von einer wortspiel-, feminismus- und literaturaffinen Freundin).

Le Guin argumentiert darin, dass wir uns von der Heldengeschichte mit Waffen und Gewalt verabschieden sollten, und uns stattdessen die Geschichte(n) des Lebens anhand von Behältern voller Menschen statt Helden erzählen sollten:

I would go so far as to say that the natural, proper, fitting shape of the novel might be that of a sack, a bag. A book holds words. Words hold things. They bear meanings. A novel is a medicine bundle, holding things in a particular, powerful relation to one another and to us.

Ursula K. Le Guin: The Carrier Bag Theory of Fiction

Narrative sollte nicht auf Konflikt reduziert werden, SciFi anders gedacht werden:

If however, one avoids the linear, progressive Time’s-(killing)-arrow mode of the Techno-Heroic, and redefines technology and science as primarily cultural carrier bag rather than weapon of domination, one pleasant side effect is that science fiction can be seen as a far less rigid, narrow field, not necessarily Promethean or apocalyptic at all, and in fact less a mythological genre than a realistic one.

Ursula K. Le Guin: The Carrier Bag Theory of Fiction

Das wiederum ließ mich an A Psalm for the Wild Built von Becky Chambers denken (s. Zuckersüß 518). Dieser Solarpunk-Roman befolgte eben diese Grundsätze – und nervte mich damit endlos. Mit der Meinung stand ich in meinem Buchclub relativ alleine da, vielleicht hatte ich einfach noch nicht genug Berührungspunkte mit diesem Genre… So grundsätzlich würde ich mich damit schon anfreunden wollen. Denn Siobhan Leddy argumentiert bei The Outline (erstmals in Zuckersüß 455 verlinkt) ziemlich überzeugend, warum es sich ~für die Zukunft der Erde~ lohnt, mit dieser Art des Narrativs warm zu werden:

The kind of story we need right now is unheroic, incorporating social movements, political imagination and nonhuman actors. In this story, time doesn’t progress in an easily digestible straight line, with a beginning, middle and end. Instead there are many timelines, each darting around, bringing actions of the past and future into the present. It collapses nature as a category, recognizing that we’re already a part of it. In a climate change story, nobody will win, but if we learn to tell it differently more of us can survive.

We should all be reading more Ursula Le Guin – The Outline

39c3: Power Cycles

das war beim 35c3

Ich liebe es, auf Konferenzen mit Tech-/Gesellschaftsfokus zu gehen, und wenn ich es nicht hinschaffe, versuche ich zumindest aus den Aufzeichnungen etwas mitzunehmen. So auch beim 39. Chaos Communication Congress des CCC, der kurz vor Jahreswechsel wieder in Hamburg stattfand. Weil ich SO viele Vorträge von dort gestreamt habe (ein ganzer Tag Backen und Kochen!), bekommt das Event hier einen eigenen Abschnitt.

Die Känguru-Rebellion: Digital Independence Day

Mark-Uwe Kling hat schon mit seiner Qualityland-Buchserie (s. Zuckersüß 271) gezeigt, dass er nicht nur ziemlich links, sondern auch ziemlich tech-affin ist. Beim CCC ließ er auch sein Känguru über das Thema digitale Souveränität reden und las außerdem ein bisschen aus seinem neuen Graphic Novel Elon und Jeff on Mars. Das war aber alles nur Vorbereitung für den eigentlichen Gedanken des Vortrags: Der Digital Independence Day. Der soll immer am ersten Sonntag des Monats stattfinden (also grade erst!) und zum „Wechseln auf die gute Seite“ anregen. Das heißt: Schritt für Schritt weg von den monopolistischen Big-Tech-Plattformen, hin zu dezentralen, gemeinwohlorientierten Alternativen.

Ich muss zugeben, dass ich lange nicht mehr in meinen Mastodon-Account geschaut habe (den hatte ich bei meinem IRL-Besuch auf dem 35c3 im Jahr 2018 angelegt, s.a. mein Rückblickspost zur Konferenz) und Insta weiterhin mein liebstes soziales Netzwerk ist. Aber die Zuckersüß-Serie ist in sich schon auch ein kleiner Schritt Richtung DI-Day. Ich schreibe hier alles auf meiner eigenen Webseite zusammen, was ich unter der Woche so ins flüchtige Social Web poste und halte es so unter meiner Kontrolle und dezentral. Firefox ist mein Standardbrowser, meine Mails laufen nicht über gmail, meine Buchbestellungen über die Buchhandlung ums Eck. Ich werd bis zum nächsten DI-Day mal überlegen, welche souveräne/dezentrale Alternative ich mir noch in den Alltag holen könnte.

Doomsday-Porn, Schäferhunde und die „niedliche Abschiebung“ von nebenan

Katharina Nocun beschäftigt sich schon lange mit Verschwörungserzählungen, Schwurblerei und deren Einsatz im recht(sextrem)en politischen Lager. In diesem Vortrag fragt sie, wie sich KI-generierte Inhalte zur bevorzugten Kommunikationsstrategie dieser Akteur_innen gemausert haben, und warum sich genau hinschauen lohnt. Ihre ganze Argumentation erinnerte mich an die Arbeit von Roland Meyer aka bildoperationen, der z.B. auf der vergangenen re:publica über Generative KI als die Ästhetik des digitalen Faschismus gesprochen hat.

Peep-Show für die Polizei. Staatliche Überwachung von Queers in Hamburger Toiletten bis 1980

WTF. Dass in der BRD so spät noch Steuergelder für Überwachungskammerl in öffentlichen Toiletten draufgingen – für nicht mehr als die Drangsalierung und Kriminalisierung homosexueller Menschen – ist wirklich bestürzend.

Blackbox Palantir

Constanze Kurz und Franziska Görlitz geben einen Überblick darüber, wie weit sich Palantir mit seiner Überwachungssoftware schon in deutsche Polizeibehörden eingeschlichen hat. Kaum überraschend ist Bayern dabei vorne dran, Kontrollmechanismen für diese pauschalen Analysen gibt es kaum.

AI Agent, AI Spy

Meredith Withaker und Udbhav Tiwari von Signal sprechen über die Gefahren von KI-Agenten auf Betriebssystemebene und welch fundamentalen Paradigmenwechsel deren Implementierung bedeuten würde: Computer werden dadurch noch mehr zu fremdbestimmter Infrastruktur und noch weniger zu Werkzeugen, die man nach eigenen Vorstellungen anpassen kann, ganz abgesehen davon, dass es quasi unmöglich würde, sichere Kommunikation zu garantieren.

Dass ich kürzlich nach fast 20 Jahren mit Windows-Rechnern auf einen Mac umgestiegen bin, hat auch damit zu tun, dass mir Microsofts Zukunftsvision eines Betriebssystems zutiefst zuwieder ist (und natürlich lässt sich streiten, ob MacOS im Wesentlichen besser ist). Die Windows-„Recall“-Funktion, die in diesem Talk ausführlich Platz findet, ist mir z.B. ehrlich gruselig.

Gestrickt, gehäkelt und genäht

Weiter an The Next Hoodie (pattern von Elida Virack bei ravelry). Weiter an meiner My Dream Cardigan (pattern von Wool & Beyond bei ravelry), jetzt fehlen nur noch ein paar Zentimeter am zweiten Ärmel und natürlich das Steeking. Ein genähtes Futter für die iPad/Computerhülle, die ich schon vor ein paar Wochen (s. Zuckersüß 520) gehäkelt hatte. Den Stoff dazu hatte ich 2015 am Markt vor der Fondation Orient-Occident in Rabat gekauft, im Juni dieses Jahres tauchte er erstmals als Fotohintergrund auf, beim Kleinen Kirschauflauf. Wie lang ich Zeug immer herumliegen lasse, bis ich was damit anstelle!

Veröffentlicht

Im Blog: Nix.

Anderswo: Ein Text für die futurezone.at und dann noch einen für den Kurier:

Rezepte

Eggnog Sparkle Sheet Cake – How Sweet Eats
Vermutlich muss ich die Zuckermenge dieses SEHR amerikanischen Rezepts *etwas* anpassen, damit ich damit froh werde, aber das Konzept mag ich.

What To Bake This Year KP+
Nicola Lamb ruft 2026 zum Jahr der Canelés aus… I’m up for it! (Wer schenkt mir Kupferformen?)

Texte

Soda Bitters Is Still the Best Nonalcoholic Cocktail – Punch Drink
Hot Take, aber ich bin gewillt, das mal auszuprobieren (erstmal mit gesprudeltem Wiener Leitungswasser, weil sowas in Flaschen kaufen??!).

It seemed like we were primed for a new golden era of the bitters and soda, a sterling epoch for which I was chuffed to serve as the great big booming town cryer. Bitters and soda is good, I proclaimed! Surely this not-a-cocktail but also definitely-a-cocktail was primed to take the post-pandemic drinking milieu by storm! 

Späte Elektrifizierung der Wiener Stadtbahn – ORF Topos
Im Zusammenhang mit der Einstellung von ORF Topos entdeckt (und wieder ein tolles Medienprodukt weniger…). Interessant: Warum die S-Bahn als so unpraktischer/dezentraler Ring gebaut wurde:

Der Grund dafür: Mehrheitseigentümer der Stadtbahn waren zur Zeit der Monarchie die k.k. Staatsbahnen, und deren Planungen orientierten sich an militärstrategischen Überlegungen. Wien war von Kopfbahnhöfen umgeben, von denen privat geführte Bahnlinien sternförmig in alle Himmelsrichtungen des Kaiserreiches führten. Die Stadtbahn, später auch gerne „Rundherum“-Bahn genannt, wurde ringförmig um die Stadt gebaut und sollte dazu dienen, Soldaten und Kriegsmaterial so schnell wie möglich von einem Kopfbahnhof zum nächsten zu befördern. Personenverkehr war Nebensache.

Generative AI has access to a small slice of human knowledge | Aeon Essays
Mangelndes Weltwissen und fortgeschriebener Kolonialismus mit gravierenden Konsequenzen.

When AI systems lack adequate exposure to a language, they have blind spots in their comprehension of human experience. For example, data from Common Crawl, one of the largest public sources of training data, reveals stark inequalities. It contains more than 300 billion web pages spanning 18 years, but English dominates with 44 per cent of the content. What’s even more concerning is the imbalance between how many people speak a language in the physical world and how much that language is represented in online data. Take Hindi, for example, the third most spoken language globally, spoken by around 7.5 per cent of the world’s population. It accounts for only 0.2 per cent of Common Crawl’s data. The situation is even more dire for Tamil, my own mother tongue. Despite being spoken by more than 86 million people worldwide, it represents just 0.04 per cent of the data. In contrast, English is spoken by approximately 20 per cent of the global population (including both native and non-native speakers), but it dominates the digital space by an exponentially larger margin. Similarly, other colonial languages such as French, Italian and Portuguese, with far fewer speakers than Hindi, are also better represented online.

147: The Vib(e)-O-Cracy – Marcus Bösch (via Phoneurie)
Diese Analyse unserer gegenwärtigen Medienkultur finde ich sehr treffend: Wir leben in einer post-literarischen Gesellschaft, und sind dank Videos überall in einem neo-mündlichen Modus gelandet.

All of this happens in a “neo-oral” environment via audio-visual fragments (TikToks, memes, sound snippets) that vibe. A symptom and a product of contemporary media infrastructures where epistemic authority shifts.

Audio/Video

Small Parisian Artist’s Workshop Turned Bright, Flexible Home, 33sqm/355sqft
Ich habe keine Ahnung, wie ich bei diesem Video gelandet bin, aber sollte ich jemals eine winzige Wohnung einrichten müssen, werde ich diese Art der Schreibtisch/Bett-Kombi in Betracht ziehen – sehr cool!

Kontu (FULL SET) LICHTUNG FESTIVAL *24
Von einem Freund wieder an dieses Set erinnert worden, das ich live enorm gefeiert habe und das auch zum Teig-Tourieren Spaß macht.

Sonst So

New in the collection, pt. 1 Keyport 717 – Shift Happens Newsletter
Tastaturen, die quasi grafische Interfaces waren, bevor grafische Interfaces ein Ding waren. Interessante Technologie-Sackgasse!

Backkatalog:



Hi, ich bin Jana.
Seit 2009 veröffentliche ich hier wöchentlich Rezepte, Reiseberichte, Restaurantempfehlungen (meistens in Wien), Linktipps und alles, was ich sonst noch spannend finde. Ich arbeite als Redakteurin bei futurezone.at, als freie Audio-/Kulinarikjournalistin und Sketchnoterin. Lies mehr über mich und die Zuckerbäckerei auf der About-Seite.

Meine Sketchnotes:
jasowieso.com

Creative Commons Lizenzvertrag
Porträtfoto: (c) Pamela Rußmann

IMPRESSUM

DATENSCHUTZERKLÄRUNG

Newsletter

Meine Lieblingslinksammlung Zuckersüß wöchentlich direkt in deinem Postfach!

Powered by Buttondown. Ohne Tracking!

Rechtliche Angelegenheiten

Impressum
Datenschutzerklärung
Creative Commons Lizenzvertrag
Alle Bilder und Texte der Zuckerbäckerei sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Wenn du Fragen zur Verwendung meiner Inhalte hast, schreib mir einfach eine E-mail. Danke!

Kategorien

Tags

Archiv

Zuckersüß

Im Zuckersüß sammle ich (fast) jeden Sonntag meine liebsten Links der Woche: Rezepte für die Nachback-Liste, lesenswerte Blogposts, Zeitungsartikel und Longreads, Podcasts oder Musik, die mir gerade gefällt und oft genug auch Internet-Weirdness. Außerdem schreibe ich auf, was ich sonst so interessant fand: neue Rezepte in meiner Küche, Lokale, in denen ich gegessen, Pullover, die ich gestrickt oder Texte, die ich geschrieben habe.