zuckersuess375

Zuckersüß 375

…mit einem Wochenrückblick in Kuchen, Essen in dreierlei Restaurants (Floh, Bruder, Mochi Ramen) und einem Besuch im MAK (Show Off und Sitzen 69 revisited).

In dieser Woche habe ich zweimal Kaiserschmarrn gemacht, Mini-Cheesecakes gebacken und Cocktails gemixt (Painkiller, Jungle Bird).

Floh, Bruder und Mochi Ramen

Außerdem war ich gleich dreimal in spannenden Restaurants. In der Gastwirtschaft Floh in Langenlebarn habe ich für eine Radiosendung beim Karotten-Verkostungsworkshop mitgemacht und anschließend ein fünfgängiges Karotten-Menü gegessen, über das ich noch extra schreiben werde. Tags darauf war ich endlich mal wieder im Bruder, wo ich auch dieses Mal zwei völlig überraschende und auch ansonsten beeindruckende neue Gerichte kennengelernt habe. Und dann war ich auch noch im Mochi-Ramen am Vorgartenmarkt, obwohl es für Suppe eigentlich viel zu heiß war.

MAK: Show Off & Sitzen 69 Revisited

Als Ferienprogramm habe ich mir einen Besuch in der Bakelit-Ausstellung im MAK vorgenommen. Dort angekommen bin ich aber schließlich für fast drei Stunden in der Show Off-Ausstellung über Mode in Österreich versumpft und war dann auch noch schnell in die mittlerweile geschlossene Sitzen 69 revisited.

Zeitgenössische Mode designed/made in Austria steht im Fokus der ersten umfassenden Großausstellung zu österreichischem Modedesign. Eine Zeitreise durch das Modedesign mit all seinen Facetten von den 1980er Jahren bis heute zeigt das vielfältige Spektrum von DesignerInnen, die aus Österreich stammen, hier arbeiten oder hier eine Modeausbildung absolviert haben.

MAK, SHOW OFF. Austrian Fashion Design

Die Mode-Ausstellung begann mit „Talking Heads“, mehreren überdimensionierten Videowänden, mit minutenlangen Clips im Loop und einer großen Videoinstallation zu den Abschlusswerken vergangener Modeklassen an der Angewandten. Sowas nervt mich in Ausstellungen für gewöhnlich sehr, denn wenn eins nicht zufällig den Beginn eines Videos erwischt, muss eins einfach damit klarkommen – fast so schlimm wie im linearen Fernsehen, nur dass es eben irgendwann wieder von vorne anfängt. Wie ich gerade bemerkt habe, gibt es die Videos erfreulicherweise auch auf der Webseite der Ausstellung, und, wenn auch nicht gelistet, auf Youtube.

Letztlich hab ich mich doch bei zwei Wänden hingesetzt und so mehr als eine halbe Stunde mit schwarz-weiß-Interviews u.a. mit Gery Keszler (Life-Ball-Initiator), Elisabeth Längle (Modejournalistin) und Monica Titton (Modesoziologin) geschaut. Letztere führte das Aufkommen von Mode- und Streetstyleblogs als wichtiges „Karrierestarter“-Moment an, weil Mode(medien) so aufeinmal zugänglich für „alle“, oder zumindest etwas demokratischer wurde(n).

Von den maßgeblichen frühen österreichischen Modeblogs blicablica und Tschilp hatte ich noch nie gehört, beide sind seit Jahren eingestellt. Sie atmen mit ihrem Design und der Blogroll in der Sidebar noch die prä-Instagram-Blogosphäre, die ich so viel lieber habe als alle „Blogger_innen“, deren Content hauptsächlich auf Social Media stattfindet. Das Vorletzte, was vor recht genau fünf Jahren bei Tschilp veröffentlicht wurde, handelt von der Customer Experience beim Luxusonlinehändler Net-a-Porter – ein Beitrag, der weit über meine Fashionblog-Klischeevorstellungen der Style-Posts und „schön-Aussehen-als-Hauptaufgabe“ hinausgeht.

Nach gefühlten Stunden kam ich dann zu dem Part der Ausstellung, in dem auch tatsächlich Kleidung anzuschauen war. Dass die Seiten des zweistöckigen„Modeturms“, an der die Entwürfe österreichischer Designer_innen ausgestellt sind, nach Themen sortiert sind, habe ich vor Ort nicht verstanden. Nach einem Blick auf die Webseite ist mir das Konzept aber klar geworden: Vorne sind die österreichischen „Modehelden“ Helmut Lang und Rudi Gernreich, der sich in den 1960ern z.B. den Monokini hat einfallen lassen, zu sehen. An einer Seite gehts um Muster, an einer zweiten um skulpturale Shilouetten, an der dritten um Modernes. Im Inneren ist Mode zum Thema Tradition zu sehen, z.B. ein über und über mit Bändern besticktes Rüschen-Tüllkleid von Lena Hoschek, das mich sehr beeindruckt hat, und verfremdete Trachten von Vivienne Westwoods österreichischem Ehemann Andreas Kronthaler. An den Wänden hängt Modefotografie aus Magazinen und für Werbungen, mit denen ich größtenteils wenig anfangen konnte.

Im letzten Raum der Ausstellung geht es dann um Kataloge und Mode-Magazine. Obwohl ich sehr begeisterte (Indie-)Zeitschriften-Sammlerin war/bin, finde ich die meistens eher uninteressant, geht es doch oft nur um Oberflächliches (und nicht etwa darum, wie bestimmte Kleidungsstücke hergestellt werden, in welcher Tradition irgendwelche Muster stehen, was sich Designer_innen/Fotograf_innen bei ihren Werken gedacht haben…). Aus diesem Grund habe ich auch nur kurz über die ausgestellten Magazine geschaut, bei einem bin ich allerdings wegen des aufgeschlagenen Artikels hängengeblieben: Der DIVA vom April 2016 mit einem Feature über Elfie Semotan. Die Arbeit der österreichischen Fotografin ist mir letzten Sommer im C/O Berlin, wo ich eigentlich für eine Food-Fotografie-Ausstellung war (über die ich bedauerlicherweise nie geschrieben habe), erstmals begegnet und ich finde sie als Person ziemlich cool.

Eigentlich hatte ich mir ja nach einem Jahr im Business (mehr oder weniger…) bei Migrants du Monde in Rabat vom Thema Mode entfernt, weil es auf meiner ellenlangen Interessensliste eigentlich schon immer eine ziemlich untergeordnete Rolle spielt. Doch seit ich 2020 (auch dank Corona-Slowdown) angefangen habe, Anziehsachen abseits von Socken zu stricken und neuerdings auch Kleidung für mich nähe, ändert sich das wieder – über Mode(herstellung) nachzudenken finde ich auf einmal sehr interessant. Deshalb habe ich auch zwei Bücher aus dem Museumsshop – Die Welt der Stoffe von Kassia St Clair und Zur Hölle mit der Mode von Elizabeth Hawes (hier ein interessanter Blogpost der Übersetzerin dazu) – auf meine Wunschliste gesetzt.

Und wenn ich so drüber nachdenke, habe ich in den letzten Monaten auch einiges im Internet gelesen/gehört, das sich dem Thema Mode zuordnen lässt. Der tolle 99% invisible-Spinoff-Podcast Articles of Interest zum Beispiel oder Zadie Smith’s Überlegungen zu transatlantischem Stil oder Anke Gröners Posts über Mode-Ausstellungen (Thierry Mugler oder Jean Paul Gaultier).

In der Mini-Ausstellung „Sitzen 69 revisited“ ging es um die Diskrepanz zwischen dem, was 1969 als DIE neuen Sitzmöbel vorgestellt wurden (sehr altmodisch, spießig, s. Bild links) und dem, was wir heute im Kopf haben, wenn wir an 60er-Jahre-Möbel denken (bunt, plastik, s. Bild rechts).

Im Jahr 1969 fand im Österreichischen Museum für angewandte Kunst (dem heutigen MAK) die Möbelausstellung Sitzen 69 statt, bei der eine umfangreiche Auswahl an gediegenen „Tischlersesseln“ aus Skandinavien, Italien, Deutschland und Österreich präsentiert wurde. Von den vielen bunten und poppigen Sitzgelegenheiten, die uns heute so charakteristisch für diese Epoche erscheinen, war indes keine dabei: Die Ausstellung hatte einen letzten heroischen Versuch unternommen, einer sich immer deutlicher ausprägenden Konsum- und Wegwerfgesellschaft die Tradition qualitativ hochwertiger und handwerklich produzierter Möbel entgegenzuhalten.

MAK, „Sitzen 69“ revisited

Ich fand es recht lustig, die Reihe gediegener Holz- und Korbsessel gegenüber berühmten Designklassikern wie dem Panton Chair oder dem Eames Chair zu sehen, aber mit einer Führung oder anderen Vermittlung wärs wohl noch spannender gewesen…

Hier folgen jetzt noch meine liebsten Links der letzten Woche:

Rezepte

Fresh Grape Cake with Luscious Lemon Sauce – The Kitchn
Gebackene Trauben sind eher selten, warum eigentlich?

Shokupan – Dreams of Dashi
Japanisches super-Fluff-Weißbrot.

Kolar Pitha Recipe – Bon Appetit
Frittierte Bananen-Reis-Küchlein aus Bangladesh.

Cucumber Salad With Roasted Peanuts and Chile Recipe – NYT Cooking
Ich mag Gurkensalat, erst recht, wenn er über klassische Vinaigrette+Dill hinausgeht.

Fregula Sarda mit Salsicce und Fenchel-Tomatensauce – HighFoodality
Fregola habe ich zum ersten und einzigen Mal vor etwas mehr als einem Jahr im bruder gegessen und war sehr begeistert. Dieses Rezept mit der Mini-Kugelpasta klingt ebenfalls sehr gut.

Texte

How social justice slideshows made by activists took over Instagram – Vox
Interessante Überlegungen:

Activist-minded creators have raised concerns about the packaging of modern political messaging. Historically, artists haven’t shied away from the political; if anything, some have sought to subvert or degrade corporate aesthetics and design choices in an attempt to disrupt and craft a new visual language for their own movements. On a platform like Instagram, however, playing against the rules might not necessarily be rewarding, even if it does make a stronger statement of one’s politics. By borrowing the stylistic elements popular within the capitalist sphere, creators are co-opting them for a greater, arguably more moral cause.

Who Pays for Cheap Language Instruction? – Boston Review
Über Sprachlernapps und die gig economy.

Whether a company oversees a language learning app, a live tutoring platform, or some hybrid, a perusal of its job listings and employee roster will lead inevitably to the conclusion that the majority of its permanent employees are software engineers and interface designers, followed by marketing professionals, data analysts, product managers, accountants, linguistics researchers, and leadership. The labor force that generates the actual language content, by contrast, is mostly freelance and therefore ineligible for benefits such as health care.

Die paar Superreichen und wir anderen – oder worüber wir endlich reden müssen – Arbeit&Wirtschaft
Ein Interview mit der Ökonomin Franziska Disslbacher:

Menschen sind sehr schlecht darin, ihre eigene Position in der Vermögensverteilung richtig einzuschätzen. Alle – sowohl die ganz oben als auch die ganz unten – sehen sich in der Mitte. Das hat zur Folge, dass sehr viele Menschen denken, sie wären betroffen von Vermögenssteuern, obwohl sie es gar nicht sind. Vor allem nicht von den Modellen, die derzeit diskutiert werden. Vermögende denken zum Beispiel: Es wird schon noch jemanden geben, der noch viel vermögender ist. Andererseits überschätzen Menschen oft den Wert ihres Vermögens massiv, zum Beispiel von einem ein Haus, das sie selbst gebaut haben. Und niemand möchte ganz unten sein, weil Armut leider oft als Ergebnis fehlender Anstrengungen gedeutet wird.

The tyranny of chairs: why we need better design – The Guardian
In diesem Longread gehts viel mehr um universelles Design als um Sessel allein.

Naturally, there have been plenty of attempts by designers to reinvent sitting. There are kneeling chairs, bouncing balls, perch-style stools with rounded bottoms to encourage shifts in weight and movement. There are flexibly designed chairs such as the Tripp Trapp for children, with pegs for adjusting the seat and leg supports to grow with a young body. Some offices have started to introduce standing desks. But at the average restaurant, in the ordinary classroom, and on trains, buses and aeroplanes, you’ll still find chairs that are mostly at odds with any idea of comfort.

Die neue Arbeit heißt auch Verzicht – DerStandard.at
Dieser Kommentar ist nicht recht viel länger als das folgende Zitat, aber daran ist sehr viel Wahres:

Homeoffice wird dort, wo es geht, fixer Bestandteil des neuen Arbeitens sein. Das klingt gut und nach Selbstbestimmung – tatsächlich wirken dadurch aber neue Selektionsmechanismen. Entscheidend für eine Karriere im Homeoffice wird sein, ob die Wohnung groß genug ist. Ob Kinder da sind oder nicht. Wie lange man schon in der Firma ist und wie gut man die Abläufe kennt, ins Informelle eingebunden ist.

Audio/Video

Erstickt die Erde im Plastik? – Mit offenen Karten – arte.tv
Eine meiner liebsten TV-Sendungen, mit einer erschreckenden Folge (2050 mehr Plastik im Meer als Fische??)

Foto

Nähcontent. Soll mal dieses Kleid hier werden.

Backkatalog:

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