Zuckersüß 527: Überwachungstechnologien, Newsletterei, Yarnbombing

letztes mal Eislaufen für diese Saison :(

…mit wenig Gebackenem, fünf Restaurants (Tofu & Chili, Sipsong, Hausbar, Reznicek, Elvis), zwei Ausstellungen (Kolonialismus am Fensterbrett und The Ultimate Breath im Weltmuseum), einem Häkel- und einem Strickprojekt (Carrie Sweater)und wie immer, den besten Links der vergangenen Woche.

Seit dem letzten Zuckersüß habe ich eine Freestyle-Restlverwertungs-Tarte mit Birnen, die ich in Nelken-Zitronensirup gegart habe und Karottenmuffins bzw. -Schnitten (angelehnt an den Kardamom-Pistazien-Karottenkuchen mit Karottenhalwa-Guss von 2020, aber mit Cashews und Frischkäse-Frosting statt Guss) gebacken.

Gegessen

Nudeln mit Schwammerl-Karotten-Sahnesauce. Penne alla Vodka (nach Serious Eats) für einen ganzen Schwung von Leuten, als Prä-Fortgeh-Stärkung. Kimchi-Käsetoast als „Katerfrühstück“. Weiße Bohnen in Weißweinsauce, dazu scharf angebratenen Pak Choi und Baguette. Brioche mit Faux Gras (Rezept bald im Blog!). Bananen-Pancakes. Kaiserschmarrn.

Tofu & Chili

Für ein frühes Abendessen (17.30 und der Laden war schon zu drei Vierteln voll!) ins Tofu & Chili (1040) am Naschmarkt. Spicy Gurkensalat (5,90€) und anschließend mein all-time-fav dort, süß-pikante Melanzani (9,90€) mit Reis.

Sipsong Bar

Für einen Cocktail und ein paar Snacks in die Sipsong Bar, die vom 8. in den 9. Bezirk, in ein viel größeres Lokal gezogen ist. Details zu diesem Mini-Ausflug nach Thailand hier.

Hausbar

Für 8 Gänge (149€) und 8 Cocktails (69€) in die Hausbar (1010). Verdient eine eigene ausführliche Beschäftigung, hoffentlich bald in einem eigenem Post. Auf den Bildern: Schwarzwurzel-Tartelette mit Apfel, einer meiner liebsten Drinks (Veilchenvodka mit Kurkuma-Vanille-Sirup und Gingerbeer) und Tortellini in Schwammerl-Brodo mit Estragonöl, dazu frittierte Enokipilzen mit Hagebutte und Limettenmayo.

Reznicek

Das Reznicek (1090) bleibt mit Abstand mein liebstes klassisch-österreichisches Restaurant der Stadt. Hier habe ich über meinen jüngsten Besuch geschrieben.

Elvis

Mit zwei Leuten für Pizza und Frittiertes und meinen neuen Lieblingsrotwein (Puszta Libre von Claus Preisinger) bei Elvis Pizzazz (3300). Sehr gute Pizza.

Gesehen

Weltmuseum: Kolonialismus am Fensterbrett und The Ultimate Breath

An meinem freien Freitagnachmittag wollte ich mal wieder ins Museum und entschied mich für die Ausstellung Kolonialismus am Fensterbrett im Weltmuseum (noch bis 25. Mai). Zu sehen sind beliebte Zimmerpflanzen und Objekte die damit in Verbindung stehen – und natürlich Kontext.

Das Usambaraveilchen z. B. kam mit der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft, die das heutige Tansania einnehmen sollte, nach Europa. Ein Erfurter Unternehmen sicherte sich nach der „Entdeckung“ und Erstbeschreibung die Eigentumsrechte.

Das „Haus ohne Augenbrauen“ von „unanständiger Nacktheit“ von Adolf Loos am Michaelerplatz (hier im Wien Geschichte Wiki) ist ohnehin einer meiner Lieblings-Fun-Facts der Innenstadt, nun habe ich gelernt, dass heute vom Denkmalschutz rote Geranien als Blumendeko vorgeschriebenen sind. Dass dieses Storchenschnabelgewächs eigentlich im südlichsten Teil Afrikas heimisch ist und also gar nicht besonders alpenländisch ist, wusste ich nicht, und dass eine deutsche Firma den schleimlösenden und antiviralen Wirkstoff der Pflanze zum Patent angemeldet hatte, auch nicht.

Glücklicherweise wurde das Patent 2010 zurückgezogen, nachdem das europäische Patentamt urteilte, die Wirkstoffextraktion sei keine Erfindung des Unternehmens (die SZ hat 2010 darüber berichtet).

Ich habe in der Ausstellung zum ersten Mal eine Aloe-Vera-Blüte gesehen. Die Pflanze „vertreibt mit seiner scheußlichen Gestalt die Fledermeuß“ und „nimmt das Hauptweh“, wie ich nebenbei aus Adam Lonitzers Kreuterbuch von 1557 erfahren habe.

Irritiert hat mich, dass zwei der Ausgestellten Pflanzen in ihrem geläufigen Namen mit Schwiegermüttern in Verbindung stehen (Misogynie, much?). So z.B. der Goldkugelkaktus, auch als „Schwiegermuttersitz“ bekannt.

Im Nebenraum ist derzeit eine Einzelaustellung der indonesischen Künstlerin Indah Arsyad zu sehen. In The Ultimate Breath verbindet sie javanische mythologische Figuren mit dem Problem der Umweltverschmutzung und Erderhitzung. Die zentrale Videoinstallation kann man hier auf YouTube anschauen, ich fand sie sehr hypnotisch: Zu sehen sind schwarz-weiß-Illustrationen, sowie mikroskopische Aufnahmen von Phytoplankton. Live-Daten der Verschmutzung eines indonesischen Flusses steuern die Schläge auf metallene Klangschalen, bonang genannt.

Für die letzte halbe Stunde schaute ich erstmals in die Wiener Hofjagd- und Rüstkammer im zweiten Stock. So ohne größeren Kontext fühlte ich mich von den unzähligen Rüstungen und Waffen fast erschlagen, also spazierte ich weiter in die Sammlung alter Musikinstrumente.

Gestrickt und gehäkelt

Ich habe eine Hülle für einen NFC-Tag gehäkelt – die Story dazu ist bei der futurezone nachzulesen. Außerdem habe ich den Carrie Sweater nach Kolibri by Johanna (pattern bei ravelry) aus dem glitzrigen Rendevous-Garn von fangirl fibers, das ich 2024 beim Flock Fiber Festival in Seattle gekauft hatte, angeschlagen. Eigentlich wollte ich daraus ja den Sun-Ray Ribbing Pulli stricken, aber die Maschenprobe hat einfach nie gestimmt (s. Zuckersüß 490).

Veröffentlicht:

Im Blog: Sipsong Bar, Reznicek, Café Kandl

Anderswo: Einen Text für die futurezone.at, in dem ich mich mit recht unhingend NFC-Basteleien beschäftigt habe – 7 praktische Ideen, wie euch NFC-Tags den Alltag erleichtern (5.3.2026).

NFC-Tags in Print

Rezepte

Lemon-Honey Nian Gao (Mochi Cake) Recipe – NYT Cooking
Wie mein hawaiianisches Butter-Mochi von 2020, nur mit Honig und Zitrone, klingt gut!

Texte

Dinner Is Being Recorded, Whether You Know It or Not – The New York Times
Das find ich ziemlich dystopisch…

In a recording of her interaction with a customer last month, Ms. Elder, 31, notices his Meta glasses and asks him to stop recording or leave. The man states that he is filming a vlog. “I’m not turning it off,” he replies. The video, which Ms. Elder was unaware of until a reporter contacted her for this story, has been viewed on Instagram nearly 200,000 times.

She Came Out of the Bathroom Naked, Employee Says – SvD
…erst recht nach dieser Recherche.

“We see everything – from living rooms to naked bodies. Meta has that type of content in its databases. People can record themselves in the wrong way and not even know what they are recording. They are real people like you and me”.
The workers describe videos where people’s bank cards are visible by mistake, and people watching porn while wearing the glasses. Clips that could trigger “enormous scandals” if they were leaked.

The View From RSS – Caroline Crampton
RSS als ganz besonderer Aussichtspunkt auf klickgetriebene Medien:

A homepage is a curated display of the articles that its editor wants to present to visitors. An RSS feed includes everything that is published. I find it interesting sometimes to compare what comes through to me on the feeds vs what is given promotion and prominence. When you read via RSS, you see all of the SEO articles that the casual web reader never sees but which drive search traffic towards the site. These are things like videogame cheats, Wordle hints, explanations of movie post-credit scenes, information on how to watch sports matches. Lists with titles like „What’s good to watch on Netflix this month“ or explainers on how to unsubscribe from streaming services are common too. Betting odds — „what are the odds on the Logan Paul-Anthony Joshua fight“ — come up a lot. Instructions on how to circumvent paywalls or get around age verification requirements are becoming more common.

Lohnt sich das Newsletter-Schreiben – Lichtblau
Quentin Lichtblau (der auch den coolen BR Soft Power Newsletter schreibt) zieht ein Fazit zum Privat-Newslettern. Seine Ursprungsmotivation finde ich sehr nachvollziehbar:

Ich habe mich nach dem Verfall von Twitter nach einem ausgeruhteren Online-Ort gesehnt, an dem ich mehr als Tweets schreiben kann. So eine Art Gegenstück zum Zitatkachel-Geballer und der Dauerzuspitzung auf Insta, Bluesky und Co. Also einfach längere Texte, die ich eigenständig in die Welt schicken kann. Außerdem wollte ich thematisch noch mehr auf Tech-Themen eingehen. Der deutsche Tech-Journalismus kam mir oft sehr fanboyhaft vor, weswegen ich mich bei den Digital-Redaktionen dieses Landes mit meinen Themen nicht sonderlich wohl fühlte.

How’d You Do That Jenny Kleeman, Orwell Prize-winning writer and broadcaster – Oliver Franklin Wallis
Nochmal ein Journalistinnen-Werkstattbericht.

In one respect, I’m hopeful about the future of long-form journalism. And there’ll be shortform, and people won’t care if that’s badly written. I think everything in the middle is going to be squeezed out. I think the stuff in the middle, stuff that hasn’t required a lot of human thought and analysis, will go. But I do think there’ll always be a space for heavily reported things where somebody has had to go out, do shoe leather, see things for themselves. And I also think that people value that, and that there are certain publications who will always invest in it.

At Noma, Accusations of Past Physical Abuse – The New York Times
Die Gastro-Geschichte der Stunde. Es brodelte in dem spezifischen Fall ja schon jahrelang, aber das noma blieb trotzdem everybody’s darling. Es braucht offenbar wirklich ein Medium wie die NYT, das die Ressourcen bereitstellt, eine Reporterin mit SO vielen Leuten reden zu lassen, und sich halt vor einem noma nicht fürchtet (in Food-Medien werden das schon einige sein). Gastro-Journalismus ist halt PR- und arbeitgebernah…

The Times has independently interviewed 35 former employees, whose accounts trace a pattern of physical punishment Mr. Redzepi inflicted on his staff. Between 2009 and 2017, they said, he punched employees in the face, jabbed them with kitchen implements and slammed them against walls. They described lasting trauma from layers of psychological abuse, including intimidation, body shaming and public ridicule. Mr. Redzepi, they said, threatened to use his influence to get them blacklisted from restaurants around the world, to have their families deported, or to get their wives fired from their jobs at other businesses.

The Pressure Cooker Baker – A food and culture Namifesto
Das find ich interessant:

“The definition of baking is cooking food with dry heat and without direct exposure to an open flame,” she declared. “So let’s turn this pressure cooker into a stovetop oven.”
We lined the bottom of the pressure cooker with salt, placed a trivet inside, and turned the stove on to let our makeshift “oven” preheat. The salt absorbed the heat from the flame and created the perfectly dry atmosphere we needed for baking. Meanwhile, as eggless vegetarians, she walked me through a basic eggless cake recipe. We didn’t have a whisk so we mixed the batter with a fork. We didn’t have vanilla essence, so we substituted it with cinnamon. Then, we placed this tin in our pressure cooker oven, covered it with the lid without a gasket or whistle, and thirty minutes later, a beautiful sponge cake was born

You’re Welcome, Mr. Supreme Leader – Roya Pakzad (via Eryk Salvaggio auf bsky)
Eine iranische Menschenrechtsaktivistin über die Überwachungstechnologie in ihrem Heimatland, die dem Regime zum Verhängnis werden könnte.

It was the summer of 2017. My husband and I had tagged along on my sister and brother-in-law’s honeymoon, driving near Shiraz, Iran, on one of those dog days when you see shimmering water on hot roads — inferior mirage! Until the optical illusion gave way to the ice-cold reality of intercity police, pulling us over, claiming the car had been flagged for bad hijabi or improper hijab. They said cameras had detected an incident of bad hijabi in Mazandaran, a province nearly 1,000 kilometers from Shiraz, dated to my sister’s wedding day.

The Statues Were Mostly Men or Nude Women. So These Knitters Got to Work. – The New York Times
Über ein Yarnbombing-Projekt in Dänemark.

The author Maren Uthaug posted about those findings on Instagram, making reference to her novel “Eleven Percent,” which imagines a future in which men make up only that share of the population. In the book, the statues of men that once dominated public squares have been gathered into scary theme parks where women can spook themselves with a vision of life under patriarchy.
“It’s going to be really crowded in the horror park, I see,” Uthaug wrote.
That comment inspired Moerup to send Uthaug a photo of the statue she had dressed in the park, and the author posted the picture along with a call for others to engage in “a little activist-feminist handicraft.”
Knitters and crocheters across the country took up their needles, and photos of statues in sweaters — to say nothing of shawls, skirts and bikinis — began pouring in.

The Origins of Agar – Asimov Press (via Mixture)
Sehr lehrreicher Text über ein Geliermittel, mit dem ich bisher wenig zu tun hatte.

Industrial production of kanten (the Japanese name for agar, which translates as “cold weather” or “frozen sky”) began in Japan in the mid-19th century by natural freeze drying, a technique that simultaneously dehydrates and purifies the agar. Seaweed is first washed and boiled to extract the agar, after which the solution is filtered and placed in boxes or trays at room temperature to congeal. The jelly is then cut into slabs called namaten, which can be further processed into noodle-like strips by pushing the slabs through a press. These noodles are finally spread out in layers onto reed mats and exposed to the sun and freezing temperatures for several weeks to yield purified agar. Although this traditional way of producing kanten is disappearing, even today’s industrial-scale manufacturing of agar relies on repeated cycles of boiling, freezing, and thawing.

Audio/Video

MacArthur Park Suite: MacArthur Park/One Of A Kind/Heavens Knows/MacArthur Park Reprise – Donna Summer
Wegen Alysa Lius Olympia-Kür auf Dauerschleife (bin ohnehin voller Disco-Fan).

Sonst So

Lab Waste Dress – Saki the Artist (Instagram)
Beim Wissenschaftsball im Januar hatte ich dieses Ballkleid „in echt“ gesehen (s. Zuckersüß 525). Die Künstlerin dahinter hat nun ein Video gepostet, wo sie dessen Entstehung nachzeichnet.

Backkatalog:



Hi, ich bin Jana.
Seit 2009 veröffentliche ich hier wöchentlich Rezepte, Reiseberichte, Restaurantempfehlungen (meistens in Wien), Linktipps und alles, was ich sonst noch spannend finde. Ich arbeite als Redakteurin bei futurezone.at, als freie Audio-/Kulinarikjournalistin und Sketchnoterin. Lies mehr über mich und die Zuckerbäckerei auf der About-Seite.

Meine Sketchnotes:
jasowieso.com

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Porträtfoto: (c) Pamela Rußmann

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Im Zuckersüß sammle ich (fast) jeden Sonntag meine liebsten Links der Woche: Rezepte für die Nachback-Liste, lesenswerte Blogposts, Zeitungsartikel und Longreads, Podcasts oder Musik, die mir gerade gefällt und oft genug auch Internet-Weirdness. Außerdem schreibe ich auf, was ich sonst so interessant fand: neue Rezepte in meiner Küche, Lokale, in denen ich gegessen, Pullover, die ich gestrickt oder Texte, die ich geschrieben habe.