Zuckersüß 404

Blick auf Hafenindustrie am anderen Elbufer, im Vordergrund einrahmende Laubbäume
Blick auf die Elbe in der Nähe der Hamburger Strandperle

…mit wenig geglücktem Gebackenem, zwei Sternerestaurants (?!), zwei Kinobesuchen – und wie immer, den besten Links der letzten Tage.

Seit dem letzten Zuckersüß habe ich vegane Zitronenkekse (nicht überzeugend), Focaccia, Pfirsich-Mochi-Kuchen nach Sohla El-Waylly (gescheitert), Mandel-Schoko-Cupcakes und Erdnussbutter-Miso-Cookies gebacken. Ich freu mich schon auf meinen Ofen in Wien, der zwar auch nicht besonders gut ist, aber zumindest einen funktionierenden (und mir bekannten) Thermostat hat…

Ich bin in den letzten WOchen ziemlich viel durch Hamburg gefahren und gelatscht, darüber werde ich noch einen extra-Blogpost schreiben. Genauso zu meinen Restaurantbesuchen: Ich war in der 100/200 Kitchen in Hamburg und habe meine übliche Restaurantbegleitung ins Tulus Lotrek in Berlin ausgeführt – innerhalb weniger Tage in zwei Sternerestaurants zu essen, passiert mir wohl auch so schnell nicht wieder.

Und warum das alles? Ich habe die vergangenen drei Wochen ein Praktikum in der Redaktion der Effilee gemacht. Nach fast drei Jahren kulinarischem Radiojournalismus für Ö1 dachte ich mir nämlich, dass print auch mal was wäre. Und weil ich dieses kulinarische Kulturmagazin schon fast zehn Jahre lang abonniert habe und, nebenbei bemerkt, sehr feiere, zog es mich kurzzeitig nach Hamburg. Die Herbstausgabe erscheint am 13. (?) September. Wenn es soweit ist, erzähl ich ein bisschen mehr, was ich so gemacht habe, ich will ja hier nicht spoilern.

Apropos Spoilern, ich war zweimal in der Sneak Preview der Zeise Kinos, in der dienstags um 22.30h Filme gezeigt werden, die erst Wochen später regulär anlaufen. Das Konzept habe ich schon in anderen Kinos gesehen, aber hier gab es ein ganzes Rahmenprogramm, dass mir (als alleine-Kinogeherin besonders!) großen Spaß gemacht hat: Vor Filmstart ein Quiz zu Schauspieler_innen und Filmen (so sollte eins z. B. Antonio Banderas als den 24. most sexy filmstar 1995 identifizieren) und eine Verlosung (Sitzreihe/Platz), bei denen man Getränke und Kinokarten gewinnen kann. Noch dazu kostet der Eintritt nur fünf Euro und die ersten Besucher_innen bekommen eine Tüte (süßes!) Popcorn aufs Haus. An den beiden Abenden an denen ich dort war, liefen zwei deutsche Filme:

In Nahschuss (Trailer) spielt Lars Eidinger einen Berliner Doktoranden, der Nachfolger seiner Professorin werden soll – unter der Bedingung, erstmal für die Stasi zu arbeiten. Er willigt ein und gibt sich Mühe bei seinen Spitzel-Aufgaben, die er aber bald nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Sein Ausstiegs-/Untertauch-Versuch endet vor Gericht und schließlich in einem DDR-Foltergefängnis. Mich hat dieser Film ziemlich fertiggemacht, erst recht, als ich verstand, dass er auf der Lebensgeschichte von Werner Teske basiert, der 1981 als letzter Bürger der DDR zum Tod verurteilt wurde.

Bei Toubab (Trailer) steht mit Abschiebung jetzt auch kein besonders fröhliches Thema im Zentrum. Allerdings sind die Versuche der Hauptfigur Babtou, diese mithilfe seines besten Freunds Dennis zu umgehen, ziemlich lustig. Die Charaktere der Ausländerbehörde sind völlig überspitzt, aber nachdem ich mich vor ein paar Semestern mit den österreichischen Scheinehe-Gesetzen und Berichterstattung dazu auseinandergesetzt habe, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass das gar nicht so weit entfernt von der Realität ist.

Hier folgen meine liebsten Links der letzten Zeit:

Rezepte

Vegan Pie Crust Recipe – NYT Cooking
Könnte ich mal brauchen, das Rezept.

Kitchen Project #22: Salted Apple Caramel Bars – by Nicola Lamb – Kitchen Projects
Mit Buchweizenmehl habe ich (fast) noch nie gearbeitet.

Kitchen Project #35: Tomato & Parmesan Linzer – by Nicola Lamb – Kitchen Projects
Gekochtes Eigelb im Teig!!?!

Salzzitronenbutter- APOKALUEBKE
Als ich in Marokko gewohnt habe, mochte ich Salzzitronen nicht besonders. Vielleicht sollte ich ihnen eine neue Chance geben.

Riccardo’s Lost Recipe – Torta con i ciccioli | Emiko Davies
Grammeln. In Kuchen!

Texte

On Bones – by Alicia Kennedy – From the Desk of Alicia Kennedy
Darüber habe ich noch nie nachgedacht: Fleisch aus dem Labor hat natürlich keine Knochen, Sehnen usw:

All the lab meat being developed for possible future consumption doesn’t have bones. Lab wings would be boneless; lab ribs—how would those work? There wouldn’t be meat stock, gelatinous and thick. It’s funny to me, of course, that the development of these products wouldn’t (or rather, couldn’t) take into account this gastronomically significant aspect of eating animals, one that conscientious meat-eaters are so attached to—would lab meat have fat drippings? With these products, meat would be only its essence. It would perform no other function but its most base function. I know that these products are only about replacing the cheapest, most broadly consumed meat, which means a nutritional experiment for the poorest folks while the rich continue to suck on elegant marrow bones, to have a quart of fresh stock in the fridge.

Oh, wow, what now? – Republik
Über den steilen Aufstieg eines Hafermilchproduzenten.

Die Dynamik zeigt, wie sehr Oatly ein Unternehmen des 21. Jahr­hunderts ist, geprägt vom Silicon Valley und big capitalism: Man wächst nicht wie traditionell üblich langsam und solide, um dann Gewinne in weiteres Wachstum zu stecken. Sondern man holt sich massen­weise Aktien­kapital, baut im Blitz­tempo gigantisch aus – und setzt darauf, dass nicht nur die Kosten, sondern bald auch die Umsätze explodieren würden.Move fast.

Asiatische Küche: „Viele Deutsche sind süchtig nach Glutamat in asiatischem Essen“ | ZEITmagazin
Warum vermeintliche ~Authentizität~ bei Restaurants kein Maßstab ist, pt. 9147982489:

Kambhu: Als ich ein Restaurant eröffnet habe, habe ich gemerkt, wie verschwenderisch das ist.  Also habe ich überlegt: Was wäre der nachhaltigste Weg? Es war ein Schock für die Berliner Szene, die erwartete Mangosalat, Bananenblätter, gebratenen Catfish. Ich finde es eklig, gefrorenen Fisch aus Thailand zu verwenden. Das Gleiche gilt für Gemüse aus Asien, oft sinkt die Qualität. Deshalb habe ich angefangen, lokale Zutaten zu suchen. Zum Beispiel Kohlrabi oder Knollensellerie statt Papaya. Natürlich schmeckt es nicht wie Papaya, aber es ist sehr köstlich. Eine Thai, die für mich arbeitete, hat mir gesagt: Ja, ich nehme immer Kohlrabi, wenn ich keine Papaya finden kann. Ich kann verstehen, dass die westliche Wahrnehmung ist: Warum das denn? Aber ich denke, das ist ein Vorurteil der Westler. Als ob es an ihnen wäre, zu entscheiden, was authentisch ist – was meist auf ihrer eigenen Erfahrung in Thailand basiert.
ZEITmagazin ONLINE: Kennen Sie das auch, Herr Vuong, was Frau Kambhu sagt – dass Deutsche Ihnen erklären, dieses sei authentisch, jenes nicht?
Vuong: Ja! Zum Beispiel haben wir in Vietnam auch Kartoffeln, Brokkoli und Paprika. Das haben die Franzosen damals zu uns gebracht. Ich erinnere mich, dass wir Hühnchencurry anboten, mit Kartoffeln, so wie es meine Mutter zu Hause gekocht hat. Die Leute haben darauf komisch reagiert: Wie, ihr esst auch Kartoffeln? Das ist wie bei Phở. Viele Vietnamesen essen Phở und tun ganz viel Hoisin- oder Chilisoße rein. Aber das heißt nicht, dass es authentisch ist. Wenn ein guter Fond aus hochwertiger Substanz gekocht ist, duftet das schon nach einer guten Phở. Da muss man nicht noch irgendwelche Instantsoßen reinspritzen. Die Deutschen, die einmal in Vietnam waren, glauben, das soll so sein und nicht anders.

Die Spitzenköchin Ana Roš im Interview – SZ Magazin
Sympathisches Interview:

„Wenn ich nach Russland gehe, sagen die Leute, alles, was sie von Slowenien kennen, sind Laibach und mich. In den USA: Melania Trump und mich. In England: Slavoj Žižek und mich. Aber ob die Slowenier stolz sind auf das, was wir tun? Ich glaube, sie ver­stehen es nicht richtig. Die Leute auf dem Land sehen Essen immer noch als Treibstoff fürs Leben. Sie würden niemals 150 Euro für ein Menü bezahlen.“

The Taliban’s Return Is Awful for Women in Afghanistan – The Atlantic
Eine Fotojournalistin erzählt:

Perhaps the silence of life under the Taliban sits with me more than anything. There were very few cars, no music, no television, no telephones, and no idle conversation on the sidewalks. The dusty streets were crowded with widows who had lost their husbands in the protracted war; banned from working, their only means of survival was to beg. People were scared, indoors and out. Those who were brave enough to venture out spoke in hushed voices, for fear of provoking a Taliban beating for anything as simple as not having a long-enough beard (for a man) or a long-enough burka (for a woman), or sometimes for nothing at all. Shiny brown cassette tape fluttered from the trees and wires and signs and poles everywhere—a warning to those who dared to play music in private. Matches in Kabul’s Ghazi Stadium had been replaced with public executions on Fridays after prayer. Taliban officials used bulldozers or tanks to topple walls onto men accused of being gay. People who stole had their hand sliced off; accused adulterers were stoned to death

The Return of the Taliban | The New Yorker
Zum selben Thema:

the key words that will forever be associated with the long American sojourn there will include hubris, ignorance, inevitability, betrayal, and failure.In that regard, the United States joins a line of notable predecessors, including Great Britain, in the nineteenth century, and the Soviet Union, in the twentieth. Those historic precedents don’t make the American experience any more palatable. In Afghanistan—and, for that matter, in Iraq, as well—the Americans did not merely not learn from the mistakes of others; they did not learn from their own mistakes, committed a generation earlier, in Vietnam.The main errors were, first, to underestimate the adversaries and to presume that American technological superiority necessarily translated into mastery of the battlefield, and, second, to be culturally disdainful, rarely learning the languages or the customs of the local people.

The lost history of the electric car – and what it tells us about the future of transport | Motoring | The Guardian
In diesem Longread stecken so viele spannende Aspekte – Pferdemistprobleme in New York, frühe Elektroautos als Frauenfahrzeug, uber und One-Night-Stand-Hochrechnungen…

All of this suggests that personal-mobility data is likely to become a flashpoint in the future. This may seem like an esoteric concern, but the same could have been said of worries about carbon dioxide emissions, which are just as invisible, at the dawn of the automotive era.

Feierabend in der Notunterkunft – taz.de
Working poor in der Großstadt.

Wohnungslosigkeit betrifft deutlich mehr Menschen als die, die am Ende in den Hilfseinrichtungen ankommen. Viele, die ihre Wohnung verlieren, versuchen, sich selbst zu helfen und werden deshalb nirgends erfasst. Sie schlafen bei FreundInnen und Familie. Manche ziehen in Kleingärten oder, wie man es aus den USA kennt, in einen Wohnwagen. Ein Job schützt nicht länger vor diesem Schicksal. Eine Wohnung mieten zu können, wird vielerorts zum Luxus.

It Was That or Starve, by Laurie Penny || Pipe Wrench
Laurie Penny spannt den Bogen von frühen settler colonies zur heutigen Kriminalisierung von Obdachlosigkeit.

So Britain cast its hungry eyes on the world. It exported, along with wool and steel, the half-starved sons and daughters of dockers and factory hands who were used to fighting to survive, and told them that the New World was theirs if they could keep it and didn’t mind a little theft and murder. The colonies functioned as a moral laundry for the sins of industrial capitalism: the fleets that returned with rum and cotton and gold and glory and a grand narrative of White triumph set out with their hulls groaning with the expendable poor. When the centuries of colonial conquest are discussed — if they are discussed at all — this part of the story is usually omitted, just as it was always omitted from the simple stories of empire adventurism that inform what we think of as liberty.

Die Initiative „Pikala Bikes“ in Marrakesch: Neue Fahrradkultur für Marokko – Qantara.de
Wenn ich *irgendwann* mal wieder in Marrakech vorbeikomm, schau ich da vorbei.

Mit seinem Fahrradtour-Konzept hat Pikala frischen Wind in die innovationsarme marokkanische Tourismus-Branche gebracht. Reiseführer wie der “Lonely Planet” bewerben die Freizeitaktivität; vor der globalen Epidemie haben monatlich Hunderte von Touristen an den Fahrten durch die Altstadt teilgenommen. In der Zukunft möchte Pikala, wenn alles nach Plan geht, auch in andere marokkanische Regionen expandieren — zunächst in die mondänen Küstenstädte Essaouira und Agadir, dann vielleicht auch in andere Gegenden des Landes. Corona hat diese Pläne erst einmal ausgebremst, aber Pikala gilt über die Stadtgrenzen von Marrakesch hinaus bereits als Projekt mit Vorbildcharakter.

Die Instagrammisierung von »Germany’s Next Topmodel« – Sofrisch Sogut
Für GNTM habe ich mich noch nie interessiert, für Instagrams Auswirkungen auf die Popkultur allerdings schon. Interessanter Text!

GNTM wurde bislang nicht gerade mit High Fashion assoziiert, das zeigte sich einmal mehr an den diesjährig ausbleibenden Kooperationen. Erstaunlich wenig Designer und Labels aus Berlin – wo die Staffel Corona-bedingt stattgefunden hat – trauten sich, mit GNTM in Verbindung gebracht zu werden (mit Ausnahmen wie Kilian Kerner, bei dem passierte, was wohl einige seiner Kolleg:innen fürchteten, nämlich dass er fortan zwar einem breiten Publikum bekannt – und überraschenderweise beliebt –, aber für immer mit GNTM assoziiert sein wird). Besonders den Models prognostizierte man keine Karrieren auf den Laufstegen von High Fashion Labels, wie auch Heidi Klum immer schon die popkulturelle Seite der Modewelt verkörperte, die doch eigentlich weniger Model als vielmehr Entertainerin und Unternehmerin sei. 

Worn Out — Real Life
Die Argumentation insgesamt scheint mir ein bisschen weit hergeholt, aber ien paar interessante Aspekte hat der Text allemal:

The dominant digital platforms comprise a fragmentary array of individualized spaces rather than a true commons, a zone in which the benefits of fashion are quantified via engagement metrics and monetized for capture by creators and consumers. Today, we typically experience this zone in the form of feed-based social media, a crude substitute for physical reality that is correspondingly limited in its ability to function as ersatz public space. Those constraints are particularly pertinent to the tactile, embodied nature of fashion.

Audio/Video

The Book of Tasty and Healthy Food – 99% Invisible
Über das sowjetische Kochbuch, dass eine neue nationale Identität schaffen sollte.

Solar Power – Lorde
Dieses Album passt irgendwie gut zum Spätsommer in Hamburg.

Sonst So

Acquired Tastes: Stories about the Origins of Modern Food
Das Buch klingt interessant!

The modern way of eating–our taste for food that is processed, packaged, and advertised–has its roots as far back as the 1870s. Many food writers trace our eating habits to World War II, but this book shows that our current food system began to coalesce much earlier. Modern food came from and helped to create a society based on racial hierarchies, colonization, and global integration. Acquired Tastes explores these themes through a series of moments in food history–stories of bread, beer, sugar, canned food, cereal, bananas, and more–that shaped how we think about food today.

Baking with machine learning – Sara Robinson
Lustiges Projekt, erinnert mich an AI Weirdness, die gerade auch mit „Unicorn Cakes“ spielt.

I’m sure you’ll try to do something weird with it (this is the internet after all), just keep in mind that the model has been trained on minimal data and it only knows about 3 things: bread, cake, and cookies. So if you enter the ingredients for a brownie or anything else, it’ll do its best to slot it into the only 3 categories it knows about. Think of it like a baby who only knows 3 words. For example, if I enter 10,000 eggs and nothing else, the model predicts 96% cake. Such is the beauty of machine learning. It’s garbage in, garbage out.

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Hi, ich bin Jana.
Seit 2009 veröffentliche ich hier wöchentlich Rezepte, Reiseberichte, Restaurantempfehlungen (meistens in Wien), Linktipps und alles, was ich sonst noch spannend finde. Lies mehr über mich und die Zuckerbäckerei auf der About-Seite.

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Im Zuckersüß sammle ich (fast) jeden Sonntag meine liebsten Links der Woche: Rezepte für die Nachback-Liste, lesenswerte Blogposts, Zeitungsartikel und Longreads, Podcasts oder Musik, die mir gerade gefällt und oft genug auch Internet-Weirdness. Außerdem schreibe ich auf, was ich sonst so interessant fand: neue Rezepte in meiner Küche, Lokale, in denen ich gegessen, Pullover, die ich gestrickt oder Texte, die ich geschrieben habe.

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