Zuckersüß 392

mit Gebackenem, einem Besuch in der Kunsthalleund wie immer, den besten Links der letzten Tage.

In der vergangenen Woche habe ich mich an Bubble Tea versucht (gescheitert), Buttermilch-Stracciatella-Eis gemacht (geglückt!), eine neue Crepepfanne eingeweiht und Ottolenghi-Muffins gebacken, die ich schon letzten Sommer mal hier verbloggen wollte.

Buttermilch-Stracciatella-Eis
Buttermilch-Stracciatella-Eis

Kunsthalle Wien: Cybernetics of the Poor

Museen haben wieder offen, juhu! Weil keine meiner Jahreskarten (hdgö, MAK und, lange schon aus, KHM) mehr gültig ist, beschloss ich, einfach mal woanders hinzugehen. Mein Ausgangspunkt war das MQ, wo ich mich, wie es sich für einen Ausflug gehört, erstmal auf eine Bank setzte und Leute beobachtete. Als die Sonne hinter den Museen verschwand, musste ich mich für eines entscheiden, und ging wegen des günstigen Eintritts (für Studis nur 2€!) in die Kunsthalle. Tatsächlich ist dort bis April pay what you can, also wärs ggf. auch ohne Ermäßigungen nicht teuer.

Beim Eingang schnappte ich mir die Booklets zu beiden Ausstellungen und ging zuallererst in Cybernetics of the Poor, das folgendermaßen beschrieben wird:

Im digitalen Kapitalismus ist aber der Handel mit der Antizipation selbst profitabel geworden. Die finanzkapitalistische Spekulation, die Finanzialisierung immer größerer Bereiche der Wirtschaft wird kybernetisch gedacht und organisiert, denn das Erheben, Sammeln und Vermarkten von Daten ist längst Kern unserer Ökonomie. Darüber hinaus ist aber eine in Filterblasen, von Bots und personalisierter Ansprache gesteuerte, scheinautonome, in zu propagandistischen Zwecken organisierte Subkulturen zerfallene Öffentlichkeit unter Kontrolle einer Kampagnen-Kybernetik geraten, die auch sogenannte freie Wahlen massiv unter ihren Einfluss bringen konnte. In einem so gewissermaßen total kybernetisch gewordenen kulturellen, sozialen und politischen Universum muss die Kunst auf diesen neuen Stand der Dinge reagieren, in dem Reaktionen, Wirkungen, Intentionen von dieser Realkybernetik überlagert, wenn nicht determiniert werden. Sie muss aber auch ihre neue spezifische Machtlosigkeit gegenüber der kybernetischen Maschine verstehen und zum Ausgangspunkt von Gegenentwürfen machen.

Booklet „Cybernetics of the poor“, S. 7f

Zu Beginn der Ausstellung wird eins von Capture, einem Video von Paolo Cirio empfangen. Darin ist er zu sehen, wie er die Gesichter von Polizisten in riot gear an Pariser Hauswände kleistert. Damit will er das Machtungleichgewicht zwischen der Staatsgewalt und Bürger_innen problematesieren: Erstere nimmt sich heraus, letztere jederzeit mit Gesichtserkennungssoftware zu identifizieren, während die Angehörigen der Exekutive anonym bleiben.

Leider ließ mich der größte Teil der übrigen Ausstellung ratlos zurück, ich konnte mit den wenigsten Werken etwas anfangen bzw. nachvollziehen, worauf sie sich bezogen. Ausnahme davon war einerseits Agnieszka Kurant’s Collective Rorschach Test, ein Lentikulardruck (aka Wackelbild) von dem Pixelkampf um r/place (o. Ä., jedenfalls auf reddit). Andererseits fand ich die GuiltCoin von Coleman Collins sehr lustig. Dabei handelt es sich sowohl um eine Installation als auch um ein ironisches „Finanzinstrument“, denn mit einem Investment in diese Kryptowährung kann eins sich symbolisch von Schuld freikaufen:

Under our current economic system, the most logical and efficient thing to do with any type of social relation is to financialize it. GuiltCoin harnesses the power of the blockchain – utilizing the logic of capitalism to provide an unparalleled mechanism for the reduction of existential guilt.

Die case studies, die die Kunstwerke außenherum historisch einordnen, fand ich spannend. Dort geht es z.B. um (frühe) Kybernetik in der Musik (ich musste an dieses Video denken, das seit Wochen in meinen offenen Tabs „lebt“) oder um die Künstliche Schildkröte der TU Wien (mit einem Abdruck dieses Artikels des „Erfinders“ Heinz Zemanek). Beim Tippen dieses Posts fiel mir auf, dass es auch eine Podcastreihe (mit gut verstecktem Feed…) zur Ausstellung gibt, vielleicht höre ich da noch rein und werde etwas schlauer aus den gezeigten Werken.

In die zweite Ausstellung, Želimir Žilnik. Shadow Citizens, schaute ich dann nur kurz, denn für Filme hatte ich keinen Nerv mehr (und außerdem mag ich in einer Pandemie keine „öffentlichen“ Kopfhörer aufsetzen). Die neun Minuten von „Inventur – Metzstraße 11“ von 1975 gab ich mir dann aber trotzdem (tonlos). Darin stellen sich die Bewohner_innen eines Mietshauses nahe des Münchner Ostbahnhofs vor: Gastarbeiterfamilien aus der Türkei, Italien oder Jugoslawien, alte Leute und eine junge Sekretärin erzählen am Treppenabsatz ein paar Sätze über sich. Ich frage mich, wer wohl heute in diesem Gebäude wohnt…

Nach so viel Museumscontent folgen hier meine liebsten Links der letzten Woche:

Rezepte

Spaghetti mit Zitronenmandelsauce und Mönchsbart – Anke Gröner
Ich hoffe, ich treibe irgendwo Mönchsbart aka barba di frate auf (s. 2019 in Italien)

“Tandoori” Carrots with Vadouvan Spice and Yogurt Recipe | Bon Appétit
So ähnlich bei Anna Burghardt auf Insta gesehen, in den vergangenen Tagen gleich zweimal gemacht.

Lady and Pups | Layered scallion pancraffles
Schaut nach sehr viel Aufwand aus, aber auch extrem interessant.

Orange-Scented Olive Oil Sticky Buns Recipe on Food52
Fürs nächste Wochenendfrühstück.

Ganache-Stuffed Cosmic Brownie Cookies | Love and Olive Oil
Gefüllte Cookies muss ich mal ausprobieren.

Texte

The Lockdown Showed How the Economy Exploits Women. She Already Knew. – The New York Times
Ich glaub ich setz ein Buch von Silvia Federici auf meine Leseliste.

Federici argues that it’s not “natural” that the kinds of work that involve care and sustaining life were the province of any one gender; neither is it natural or inevitable that people be subjugated by an economic system that benefits a very few. These were merely conventions useful to the rise of an economic system that has become so all-encompassing that we no longer dare to imagine another way. It was made this way for someone’s profit, Federici argues. This way of things can be reversed.

Männer unter Männern über Männer: Der Gender-Gap auf Wikipedia – Alltag – derStandard.at › dieStandard
Beatrice Frasl über misogyne Löschdiskussionen auf Wikipedia und was eins dagegen unternehmen kann.

„Sich ein Benutzer*innenkonto anlegen, Artikel schreiben und/oder verbessern und somit unterrepräsentierten Personen, Gruppen und Themen – im Rahmen der eigenen Möglichkeiten – Repräsentanz verschaffen. Darüber hinaus: Aufklären, unterstützen, ‚Banden bilden‘.“
Das ist wichtig, denn wenige Seiten werden so oft aufgerufen wie Wikipedia. Viele nutzen die Enzyklopädie als erste Anlaufstelle für Recherche jeglicher Art und verstehen sie als eine Plattform, die neutrales Wissen bereitstellt. Diese Wahrnehmung könnte aktuell nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Überspitzt gesagt: Auf Wikipedia schreiben Männer unter Männern über Männer.

Schroffer Umgangston: Wikipedia muss anders löschen lernen – Netzpolitik.org
Dieser Artikel von Leonard Dobusch liest sich ein bisschen wie eine Entgegnung auf Beatrice Frasls Text oben.

Wer mit erfahrenen Wikipedianer:innen über das für Neulinge traumatische Erlebnis von Löschanträgen spricht, der erfährt, dass diese paradoxerweise oft dazu dienen sollen, Artikel zu retten. Tatsächlich verschafft oft erst ein Löschantrag einem schlechten Artikel genügend Aufmerksamkeit und damit freiwillige Autor:innen, die daraus einen guten Artikel machen.

Where is the dividing line between you and the world? | Aeon Essays (via mixture)
Warum muss ich bei diesem Text an die mein-Tanzbereich-dein-Tanzbereich-Szene in Dirty Dancing denken??

Like all animals, humans also protect themselves from potential threats by keeping them at a distance. Those of us beginning to see friends again after months of pandemic-induced social distancing can feel this at a visceral level, as we balance the desire for contact against a sense of risk. Once we evaluate something as a potential threat – even if that assessment is informed by public policy or expert prescription – there’s a powerful urge to maintain a buffer of space.

Die ankündigende Zusammenfassung (IJ02) | dvg
So was ähnliches habe ich ja neuerdings im ersten Absatz dieser Blogpostreihe auch (obwohl mir SEO ganzschön egal ist).

Dieses Inhaltsverzeichnis spiegelt dem menschlichen Auge eine Art Übersichtlichkeit vor, sie zeigt, was auf dieser Seite zu erwarten ist und bringt die wichtigsten Begriffe auf den Punkt – aber es ist gar nicht fürs menschliche Auge geschrieben. Diese ankündigende Zusammenfassung ist für die Suchmaschinen geschrieben worden. Sie sollen helfen, Menschen auf die entsprechenden Seiten zu führen. Das funktioniert so gut, dass man ankündigende Zusammenfassungen mittlerweile auf allen Seiten findet, die so genannten evergreen-content in so genannten verticals sammeln. So nennt man nämlich Inhalte, die nicht tagesaktuell sind und hohes Suchvolumen versprechen. Menschen, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren (das in den Schlagworten möglichst umfänglich eingegrenzt werden sollte), werden auf diesem Weg von ihrem Suchinteresse auf Webseiten geführt. Klassische journalistische Nachrichtenfaktoren wie Aktualität oder Nähe spielen hier eine immer geringere Rolle, wichtiger sind Schlagwort-Dichte, glaubwürdige Aufmachung und ein deutliches Nutzungsversprechen, das in der ankündigenden Zusammenfassung ausformuliert wird.

Why Audio Never Goes Viral
Dieser Text ist schon ewig in meinen offenen Tabs, wenn ich mich richtig erinnere, hat ihn Sandro Schröder mal in irgendeinem Podcast erwähnt.

The second explanation is that you can’t skim sound. An instant of video is a still, a window into the action that you can drag through time at will. An instant of audio, on the other hand, is nothing. “If I send someone an article, if they see the headline and read a few things, they know what I want them to know,” a sound artist and radio producer told me. “If I send someone audio, they have to, like… listen to it.” It’s a lot to ask of an Internet audience.

Are you a BOurgeois BOhemian? | | The Guardian
Ein Text aus dem Jahr 2000 (ich hörte das Wort „Bobo“ mit meinem Umzug nach Wien zum ersten Mal, 15 Jahre später).

They are ‚bourgeois bohemians‘ – or ‚Bobos‘ – and they’re the new ‚enlightened élite‘ of the information age, their lucratively busy lives a seeming synthesis of comfort and conscience, corporate success and creative rebellion. Well-educated thirty-to-fortysomethings, they have forged a new social ethos from a logic-defying fusion of 1960s counter-culture and 1980s entrepreneurial materialism.

‘Right now I’m into Libyan reggae’: the music label delving into the Arab world’s back catalogue | Music | The Guardian
Habibi Funk ist so cool!

Stürtz doesn’t like the term “discovered” – “This music existed before I heard it, it’s got a connotation of the white man putting it on the map” – but he had chanced upon a vast, intriguing wellspring of music almost unheard by western ears outside a small group of dedicated collectors. It shows no signs of running dry: he’s currently immersing himself in the unlikely world of Libyan reggae, a subgenre he first encountered while rooting through unsold stock in an abandoned cassette factory in Sousse, Tunisia. “Reggae’s very popular in Libya – to this day, there are dozens of bands there playing reggae. When I asked musicians in Libya how it became so popular, they told me that the classic offbeat rhythm of reggae is very similar to the folkloric rhythm of Libyan traditional music, so for the Libyan ear it’s kind of similar. It gave them a connection, it didn’t sound like something fully alien to them.”

Audio/Video

GAG283: Lola Montez
Wieder was gelernt.

Sonst So

Paper Art Viruses – Gla.ac.uk (via mixture)
Lustige Bastelanleitung.

Iceberger
Lustiges Physik-Onlinespiel.

Foto

Verwackeltes Outtake vom Eis-Fotoshoot.

Backkatalog



Hi, ich bin Jana.
Seit 2009 veröffentliche ich hier wöchentlich Rezepte, Reiseberichte, Linktipps und alles, was ich sonst noch spannend finde. Lies mehr über mich und die Zuckerbäckerei auf der About-Seite.

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Im Zuckersüß sammle ich (fast) jeden Sonntag meine liebsten Links der Woche: Rezepte für die Nachback-Liste, lesenswerte Blogposts, Zeitungsartikel und Longreads, Podcasts oder Musik, die mir gerade gefällt und oft genug auch Internet-Weirdness. Außerdem schreibe ich auf, was ich sonst so interessant fand: neue Rezepte in meiner Küche, Lokale, in denen ich gegessen, Pullover, die ich gestrickt oder Texte, die ich geschrieben habe.