Zuckersüß 286

Die vergangene Woche war für mich das komplette Gegenteil der vorherigen: Ich war (fast) ausschließlich mit Seminararbeiten und Prüfungsvorbereitungen beschäftigt. Um mich nicht ständig von #rp18 auf Twitter ablenken zu lassen, verabredete ich mich zum Arbeiten in der Stadtbibliothek von Nancy (der Campus ist nicht mehr zugänglich, dazu unten mehr). Zum „Feierabend“ schaute ich dann doch hin und wieder in den re:publica Livestream rein, und sketchnotete sogar zweimal:

Nach meinen Prüfungen werde ich mich bestimmt noch ausführlicher mit den diesjährigen Talks beschäftigen, denn die re:publica gehört nach wie vor zu meinen liebsten Konferenzen.

Ansonsten gibt es Neuigkeiten vom Blocus, aber ziemlich unerfreuliche: Nachdem die Besetzung des Campus in der vorherigen (Ferien-!)Woche durch die Polizei aufgelöst wurde, veranstalteten einige der Besetzer_innen in dieser Woche erneut eine Generalversammlung im Campus-Innenhof. Also zumindest haben sie es versucht, denn der Präsident schickte gleich wieder die Polizei. Mit Helm und Schildern (Deeskalation geht anders) vertrieben sie die Aktivist_innen, die ab sofort wohl wirklich nicht mehr dorthin kommen können, vom Gelände. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden nämlich ins fast absurde gesteigert: Zutritt zum Campus bekommt nur, wer Studierendenausweis und einen Nachweis einer stattfindenden Prüfung hat. Es gibt genau zwei benutzbare Eingänge, und es ist „vorsichtshalber“ mit etwa 45 Minuten Wartezeit zu rechnen. Im Endeffekt stand ich für meine Prüfung heute (Montag) nur fünf Minuten an, aber die zwei Kontrolletappen (Ausweiskontrolle durch Uni-Mitarbeiter_innen, Taschenkontrolle durch Sicherheitsfirma) finde ich trotzdem unsagbar. Ein paar hundert Meter neben den einzigen offenen Campuseingängen steht vorsichtshalber auch noch die Polizei mit Mannschaftswägen bereit.

Mein Französisch-Professor fasste die aktuelle Situation der Uni Lorraine vor der Prüfung recht schön zusammen: Um den Unterricht und dessen Qualität schert sich keiner, Hauptsache die Prüfungen können (wenn auch unter Polizeischutz) stattfinden. Einige andere Professor_innen verlegten die Abgabe-Treffen für Papier-Seminararbeiten gleich in irgendwelche Cafés, nicht nur aus praktischen Gründen, sondern auch im Protest gegen die Präsenz der Sicherheitskräfte.

Und überhaupt, die Polizei hier kommt mir öfters recht unverhältnismäßig vor. Ich war am Freitag auf einer (zugegeben sehr großen, sehr club-mäßigen – Virgae legte auf) WG-Party, die gegen drei Uhr morgens aufgelöst wurde. Sechs (!) Polizeistreifen rückten an, um alle Gäst_innen hinauszueskortieren – nicht ohne den Leuten vor dem Hauseingang die Getränkebecher auszuleeren. Meines Wissens war das Ganze nichts anderes als Ruhestörung (ab einem gewissen Punkt sicher ein legitimer Grund, die Polizei zu schicken), niemand schlägerte oder zerstörte irgendwelche Sachen, weshalb mir dieser Einsatz reichlich übertrieben vorkam. Ob freitagabends sonst nix los ist in dieser Stadt?

Am Samstag fuhr ich gemeinsam mit einem Schwung anderer ERASMUS-Studierender nach Strasbourg. Dort liefen wir ein bisschen durch die Stadt und begegneten dann gleich in den ersten Minuten acht Maschinenpistolen-bewaffneten Soldat_innen. Ob man sich an diesen Dauer-Ausnahmezustand irgendwann gewöhnt?

Abgesehen davon war es in Strasbourg aber wirklich cool, denn es stand nicht (nur) Sightseeing auf dem Plan, sondern vor allem der ERASMUS Day 2018. Diese Veranstaltung fand im Lieu d’Europe statt und versammelte ERASMUS-Studierende aus Strasbourg, Nancy, Dijon, Bruxelles, Heidelberg (und wahrscheinlich noch mehr) zu einer Gartenparty. Die war superfancy organisiert: repräsentative Villa, Stehempfang mit Häppchen, Reden von *superwichtigen* Leuten und Live-Musik, alles davon kostenlos! Ich probierte mich durch das internationale Buffet – aserbaidschanischer Kichererbsen-Joghurt-Dip mit Fladenbrot, Sesamkuchen aus El Salvador, Kochbananen mit Sauce aus Kolumbien, Lakritz-Marshmallows aus den Niederlanden usw – und sprach mit sehr vielen jungen Leuten aus der ganzen Welt. Es freute mich sehr, wie einig wir (sowohl Europäer_innen als auch alle anderen) uns waren, dass die EU eine super Sache ist.

Zurück in Nancy musste ich mich leider gleich nochmal furchtbar ärgern, denn in meinem Wohnheim war das WLAN ausgefallen. Es gibt wirklich kaum etwas, das mich mehr nervt, als ein Berg Arbeit (noch mehr Seminararbeiten!) und ein geplantes Zuckersüß ohne Internetzugang. Ich twitterte also das CROUS an, ohne am Sonntag tatsächlich Antwort zu erwarten. Ich sprach mit dem Nachtwächter, der mir immerhin kurz vor Mitternacht einen Gruppenarbeitsraum am anderen Ende des Gebäudes aufsperrte, nachdem ich zufällig den einzigen scheinbar funktionierenden Router ausgemacht hatte. Montagmorgen ging ich natürlich gleich zum Büro, wo ich nur ein unzufriedenstellendes „Der Techniker ist informiert“ erhielt. Am frühen Nachmittag ging dann alles wieder, und ich hatte meine 24h ohne WLAN überstanden. Sicher kann man meine Aufregung darüber als lächerlich abtun, aber wenn mobiles Datenvolumen begrenzt ist und öffentliche Arbeitsplätze (looking at you, Unibibliothek hinter Polizeiautos) unzugänglich sind, ist fehlendes WLAN *daheim* wirklich ein Problem…

Ich hoffe, ihr habt weiterhin Internetzugriff, sonst könntet ihr euch leider nicht einmal durch meine liebsten Links der vergangenen Woche klicken:

REZEPT

Rhubarb and Rose Ramos Gin Fizz Recipe – Food52
Ich hab noch selbstgemachten Rhabarbersirup im Kühlschrank!

Grieß-Käsekuchen mit marinierten Erdbeeren & ohne Boden – Backbube
Sehr schöne Fotos!

TEXT

Altland – eigentlich sollten wir online sein (Digitale April-Notizen) – Dirk von Gehlen
„Nur noch online“ finde ich persönlich bei Magazinen, wie es die NEON mal war (ich las sie zuletzt wohl um 2013), schon etwas wenig. Fotostrecken über Seiten hinweg und spannende Layouts sind auf Papier einfach ansprechender als auf dem immer gleichen Bildschirm.

Ich will mir kein Urteil über die Lebenswelt der heute 20-Jährigen erlauben, ich ahne aber, dass man lange suchen muss, um jemanden in diesem Alter zu finden, der oder die denkt: „Spotify ist schon okay, aber die Musik dort ist leider nur noch digital.“ Auch diesen Satz hört man vermutlich kaum: „Instagram ist ja ganz schön, aber leider nur digital.“ Anders formuliert: Ich kann mir vieles vorstellen aber sicher nicht, dass die heute 20-Jährigen online als kleine, wertlose Schwester von einem undefinierten besseren Früher wahrnehmen.

Weltverschwörungswahn, powered by BMI – FIPU
Wieso gibt es dagegen so viele unerträgliche (rechte/antisemitische/schwurblerische) Magazine auf dem Markt?

Das tatsächliche Novum: die aktuelle Nummer enthält kein Inserat der FPÖ; dafür gleich zwei „entgeltliche Einschaltungen“ blauer Ministerien: Kickls Innenministerium wirbt für den Eintritt in den Polizeidienst (S. 45), Vizekanzler Straches Ministerium für den Öffentlichen Dienst und Sport für den Erwerb des Österreichischen Sport- und Turnabzeichens (S. 15).

Why Film Schools Teach Screenwriters not to pass the Bechdel Test – The Hathor Legacy (via Feminist Frequency)
Ich schrieb gerade an einer Gruppen-Seminararbeit über das Frauenbild in Mainstreamfilmen und stolperte dabei über diesen Bericht (s. a. @ineshaeufler’s Thread zum österreichischen Film Gender Report).

According to Hollywood, if two women came on screen and started talking, the target male audience’s brain would glaze over and assume the women were talking about nail polish or shoes or something that didn’t pertain to the story. Only if they heard the name of a man in the story would they tune back in. By having women talk to each other about something other than men, I was “losing the audience.”

Wenn Journalist*innen über trans Themen schreiben – Ich bins Linus
Ein Kommentar zur Berichterstattung über Chelsea Mannings re:publica-Auftritt:

Chelsea Manning ist der Name der Person, die all diese Dinge getan hat, bevor sie sich öffentlich als trans geoutet hat. Die Person, die diese Dinge getan hat, die Chelsea Manning tat, bevor sie sich outete, ist eine Frau. Es gibt keinen Grund in einem Artikel über ihre Arbeit als politische Aktivistin zu erwähnen, wie ihr früherer Name gewesen ist oder ob sie eine Geschlechtsangleichung hatte.

Anti-Pille – dasbiber
Ein niedrigschwelliger (und ausgewogener!) Text zu einer immer präsenteren Debatte (zumindest in meiner Bubble).

Das Absetzen der Pille erscheint vielen als logische Begleiterscheinung zum selbstbestimmten, gleichberechtigten Leben als Frau. Wenn Männer keine Hormone nehmen, wieso sollten das Frauen tun?

Ein Jahr ohne – therealnicoleschoen.com
Und noch ein etwas persönlicherer Text zum Thema.

Die Kontrolle über die eigene Reproduktionsfähigkeit ist zweifellos real und jede Frau sollte für sich selbst entscheiden, ob sie diese in Form von hormoneller Verhütung mit der Pille sicherstellen möchte. Es ist jedoch so, dass viele Frauen diese Entscheidung nicht fundiert treffen können, weil ihnen Wissen und Kontext fehlen. Wie auch mir lange Zeit.

 

AUDIO/VIDEO

Fuck Yourself (Love Yourself) – Carsie Blanton (via Bust)
Ein Ed-Sheeran-Cover mit einer klaren Message an selbstverliebte Tinder-Typen, sehr witzig!

SONST SO

100 Years Ago: France in the Final Year of World War I – The Atlantic
Berührende Fotos aus dem Krieg.

Berlin im Juli 1945: Die Wunden einer Großstadt – SPIEGEL ONLINE – einestages
Und nochmal schreckliche Kriegsbilder.

FOTO

Seifenblasen in Strasbourg (Foto vom März).

BACKKATALOG

2010: Erdbeer-Joghurt-Törtchen im Glas
2011: Pancakes mit Rhabarberkompott
2012: Mohn-Shortcakes mit Erdbeeren und Heidelbeeren
2013: Erdbeer-Vanille-Éclairs
2014: Abiturkekse Pt. II: Classic Chocolate Chip Cookies
2015: Mispel-Streuselkuchen
2016: re:publica
2017: Brioche-Stangerl

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