zuckersuess280

Zuckersüß 280

In dieser Woche hatte ich ziemlich wenig Uni. Es fielen krankeitsbedingt ein paar Stunden aus, die ich dann in der Bibliothek verbrachte, um mich durch die dortige Magazin-Auswahl zu lesen. Dabei hatte ich nicht nur erstmals die Print-Version des New Statesman, auf den ich hier so oft wegen Laurie Pennys Kolumnen verlinke, in der Hand, sondern auch die großartige Revue dessinée:

Am Donnerstag änderte sich der Grund für den Unterrichtsausfall: Der Campus wurde besetzt! Zeitgleich mit den Streiks der Eisenbahner_innen beschlossen einige Studierende, militanter gegen die geplanten Universitätsreformen zu protestieren. Schon seit meiner Ankunft hingen Transparente mit „Non au Plan Étudiant“ im Innenhof, kopierte Zettel mit Protest-Memes klebten an den Aushangswänden und flatterten durch die Hörsäle. Im Innenhof wurde am Donnerstagmorgen die Beerdigung der Fakultät vorbereitet und mit einer Demo durch die Innenstadt unterstrichen. Die Universitätsleitung sagte daraufhin alle Lehrveranstaltungen für Donnerstag und Freitag ab und auch heute (Montag) bleibt der Campus geschlossen. An anderen Unis (Toulouse, Montpellier, Paris) war Donnerstag ebenfalls Streiktag, teilweise geht die Besetzung aber schon seit einigen Wochen dahin und noch weiter. Mich erinnert die Aktion an Uni brennt von 2009/10, das mittlerweile sogar schon einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Hoffentlich ist der Kampf der Aktivist_innen gegen die zukünftigen Zugangsbeschränkungen erfolgreich!

Vor der Besetzung der Universität habe ich mir noch zwei Bücher aus der Bibliothek und eines aus dem Französischkurs-Fundus ausgeliehen. Erstmals seit sehr vielen Jahren hatte ich also mehrere fiktionale Papier(!)-Bücher auf dem Nachtkästchen, die ich tatsächlich las. Robert Seethalers Der Trafikant las ich innerhalb von drei Tagen, wobei ich es am liebsten gar nicht weglegen wollte. Die Tatsache, dass ich die Schauplätze der Geschichte im Kopf habe (Wien!) und nicht besonders viel über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich weiß, machte den Roman sehr interessant für mich. Außerdem hatte ich große Freude, ein bisschen Dialekt zu lesen, wo er mich nun nicht mehr tagtäglich umgibt. George Orwells Animal Farm habe ich nach einem Gespräch mit einem italienischen Bekannten spontan als kurze Zwischenlektüre (knappe 100 Seiten) in meinem Mini-Buchclub (s. Qualityland von Marc-Uwe Kling im Zuckersüß 271 und Der Große Glander von Stevan Paul im Zuckersüß 275 und 276) hinzugefügt. Es enthält einige englische Wörter, die mir noch niemals begegnet waren (über Bauernhöfe lese ich recht selten, egal in welcher Sprache), was dazu führt, dass ich mein Englischvokabular zumindest passiv aufbessere. Das ist ein praktischer Nebeneffekt zur Tatsache, endlich den Originaltext eines Buches zu kennen, das so oft zitiert wird.

Nicht zur Buchclublektüre, weil auf französisch, gehört Terre des hommes von Antoine de Saint-Exupéry. Diesen Roman habe ich spontan aus der Bücherkiste meines ERASMUS-Französischkurses ausgeliehen. Der Name des Autors war mir durch den Kleinen Prinzen geläufig und ich dachte, die anderen wichtigen Werke der französischen Literatur (Proust, Baudelaire und andere klingende Namen) wären schwieriger zu lesen. Ich kann nicht sagen, in wie weit das stimmt, jedenfalls habe ich mit Terre des hommes schon genug zu kämpfen. Ich habe praktisch keine Probleme, mich auf französisch zu unterhalten, Uni-Vorlesungen zu folgen oder Filme anzusehen, aber Lesen ist eine sehr große Herausforderung und dauert soooo lange. Ich werde aber nicht aufgeben, ich will schon noch wissen, wie die Geschichte der französischen Post-Piloten Anfang des letzten Jahrhunderts ausgeht!

Abgesehen von verstärkt in Papier-Büchern lesen, habe ich mich halbwegs spontan (nach dem Lesen dieser Seite) entschieden, meinen Smartphone-Startscreen Digital-Detox-mäßig aufzuräumen. Darauf finden sich jetzt nur mehr Messenger-Apps, „Werkzeuge“ (Notizen, Wörterbuch, Maps, Kamera…) und mein Podcatcher. Instagram, Twitter und Feedly (Facebook habe ich ohnehin schon lange deinstalliert) wanderten auf die zweite Seite. Ich glaube zwar, dass ich in den letzten Tagen weniger oft Twitter oder Insta-Stories gecheckt habe, kann aber bisher keinen Effekt auf meinen Gemütszustand feststellen. Mal sehen, wie das weitergeht.

Jetzt folgen einige tolle Links, die es trotz eingeschränktem Twitterkonsum in meine wöchentliche Empfehlungsliste geschafft haben:

REZEPT

Chocolate Sprinkle Crinkle Cookies – Joy the Baker
Falls ich in die Nähe eines Ofens kommen könnte, wären diese Cookies eine Option: Kein Mixer, keine Backform nötig. Und: viel Schokolade!

French Onion Soup – Shutterbean
Die schaut wahnsinnig gut aus!

Brown Rice Mujadara – Gimme Some Oven
Ein Rezept für einige Mittagessen aus der Lunchbox.

Feine Zitronen-Madeleines von Julie Jones – Backbube
Ich habe in irgendeinem Umzugskarton noch niemals benutzte Madeleine-Förmchen herumliegen…

Uovo in Raviolo – Ei in Raviolo mit Salbeibutter oder Alle mögen Eggporn – ziiikocht
Auch bei mir immer im Kühlschrank: Eier, Parmesan und Butter.

TEXT

Facebook’s Surveillance Machine – NYTimes
Zeynep Tufekci über den Cambridge-Analytica-Skandal:

This wasn’t a breach in the technical sense. It is something even more troubling: an all-too-natural consequence of Facebook’s business model, which involves having people go to the site for social interaction, only to be quietly subjected to an enormous level of surveillance. The results of that surveillance are used to fuel a sophisticated and opaque system for narrowly targeting advertisements and other wares to Facebook’s users.

Silicon Valley oder die Zukunft des digitalen Kapitalismus – Blätter
Über die vielen Verflechtungen zwischen „klassischem“ und digitalen Kapitalismus (leider in irgendwie anstrengend holpriger Übersetzung)

Das viele Geld kommt aus der ganzen Welt, oft von im Auftrag staatlicher Vermögensfonds agierender Finanzinvestoren. Deren Profitgier trifft auf eine Weltwirtschaft, die jene hohen Renditen nicht länger garantieren kann, die viele Pensionsfonds und Staatsfonds erwarten. So erklärt es sich, dass Ubers Wert auf über 60 Mrd. US-Dollar veranschlagt wird und der Wert von Airbnb auf zwischen 40 und 50 Milliarden. Es erklärt zugleich, warum es so leicht ist, derart gigantische Investitionen anzulocken, ohne dafür Zugang zu den Kapitalmärkten suchen zu müssen.

The Gun Owners of the Parkland Generation – New Yorker
Erstaunliche Fotoreportage.

Shooting generally places few physical demands; advocates present it as a safe sport, with little incidence of injury (unlike soccer, or, for that matter, skiing). With no discernible disparity between the sexes, it is also portrayed as an empowering one. Millennials’ attitudes about guns cut along seemingly opposing lines: most support fewer restrictions on which weapons can be bought but tighter regulations on who can buy them.

Gendern ist schon auch sehr anstrengend… – Das Nuf Advanced
Ich finde „die Kulturtechnik des Mitgemeintseins“ trifft das generische Maskulinum ziemlich gut.

Als Frau kenne ich die Kulturtechnik des Mitgemeintseins, ich habe Übung. Wie beim Autofahren rufe ich lediglich einen Automatismus ab. „Lieber Kunde,“ und klar, ich weiß, dass ich mitgemeint bin.

Sprache: Es geht nicht um das „Mitgemeintsein“ von Frauen – Antje Schrupp
Über Das Nufs Text oben habe ich diesen gefunden:

Ich glaube tatsächlich, dass ihnen [den Männern], gerade aufgrund der Struktur unserer Sprache, hierfür die Übung fehlt. Während Frauen aufgrund des generischen Maskulinums von klein auf üben (müssen), zu unterscheiden, ob sie gemeint sind oder nicht, werden Männer daran gewöhnt, dass sie immer gemeint sind, dass es prinzipiell immer um sie geht, es sei denn, es ist ausdrücklich von Frauen die Rede. Das sind dann diese „Frauenthemen“, die sie nichts angehen und nicht betreffen.

17 Euro für Shampoo, Klopapier und Familienplanung – Suüddeutsche.de
Nochmal ein Text zu Armut und wie besonders Frauen davon betroffen sind:

Hartz-IV-Empfänger müssen für Verhütungsmittel die 17 Euro aus dem Regelsatz nutzen, die pro Monat für die sogenannte Gesundheitspflege vorgesehen sind – also etwa Shampoo, Klopapier oder Make-Up. Wenn im Winter noch Taschentücher und Fiebermittel gekauft werden müssen oder im Frühjahr ein Nasenspray gegen Heuschnupfen, kann das knapp werden.

Auch 2018 gehört mein Uterus noch immer nicht mir – Journelle
Die Debatte um den unsäglichen Paragrafen zum Schwangerschaftsabbruchs-Informationsverbot hört nicht auf. Journelle’s Rant dazu:

Schwanger werden können ist in der Tat etwas, das nur Frauen (bzw. Menschen mit Gebärmutter) können, aber Männer fühlen sich viel zu oft mitgemeint und nehmen für sich in Anspruch über den Körper von Frauen entscheiden zu dürfen. Als 1933 der §218 verschärft wurde, gab es nur männliche Reichstagsabgeordnete. Bis heute melden sich bei dieser Diskussion zu gern Männer zu Wort und stimmen gegen die körperliche Selbstbestimmung von Frauen.

About reading – Lucie – Medium
Ich kann gut nachvollziehen, was Lucie da schreibt.

I started to use Twitter, I started to use Facebook. Not mobile on a phone at first, that was all a slow process. Of course I can’t really remember when the amount of books I read dropped, and I’m far from blaming it on social media like some silly millennial bashing thinkpiece. I owe a lot to social media and my use of it, especially Twitter. It brought me connections, ideas and friendships that ultimately led to me moving to Berlin (which I had thought about for a long time), learning how to code and switching careers (which I had thought about for a long time), and, well, love!

Bayern – neues deutschland
Sehr krass formulierter, zugespitzer Text, aber so weit weg von der Wahrheit ist er meinem Empfinden nach auch wieder nicht.

Es gibt noch immer Lebensverhältnisse in Bayern, in denen es für einen schwulen Teenager einfacher ist, in den Freitod zu gehen, statt sich zu outen. Nicht zuletzt ist das Misstrauen gegen alles, was sich als geistig unabhängig, kritisch oder frei definiert, tief in die bayerische Alltagskultur eingeschrieben. Diese stolze Rückständigkeit, diese eitle Borniertheit trieft aus jeder Aussage der Seehofers, Söders, Dobrindts; sie ist umso perfider, als ihre Rhetorik das hilflose Poltern, das ungerichtete Gekläffe ist.

Hört endlich mit eurem narzisstischen Podcast-Gelaber auf! – watson.ch
Diesem Text kann ich absolut nicht zustimmen (und es ging auch anderen Leuten aus meiner Podcast-Bubble so, s. @neleheise oder @leitmedium) – so sehr, dass ich sogar der Autorin geschrieben habe…

Und dann gibt es diese anderen, lieblos produzierten Podcasts mit Formaten, die gar keine sind. Sie wollen Lücken füllen, die längst besetzt sind und drehen sich um die immer gleichen, langweiligen Selbstbeweihräucherungsthemen. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass die Themenvielfalt der Laber-Podcasts ungefähr auf dem Niveau der Titanic stagniert, merken viele Betreiberinnen und Betreiber nicht einmal, wie selbstreferentiell und langweilig sie sind.

AUDIO/VIDEO

Golden Nights – Eau Rouge
Am Samstag war ich auf einem Konzert dieser Band in Stuttgart. War cool!

Pro Life – Abtreibungsgegner auf dem Vormarsch – ARTE (via @marthadear)
Diese Doku zeigt die (größtenteils höchst beunruhigende) Situation der Anti-Choice-Bewegungen in ganz Europa.

The Uncensored Playlist (via Netzpolitik.org)
Reporter ohne Grenzen verarbeiteten Texte verfolgter Journalist_innen zu Songs, um sie mithilfe von Musikstreamingdiensten an der Zensur vorbei in ihre Ursprungsländer zu bekommen.

SONST SO

Rihanna with a Pearl Earring – Kottke.org
Popkultur/Kunst-Mashup

A millenials guide to Cocktails – The New Yorker
Chaz Hutton hat ein paar ironische Getränke illustriert.

FOTO

Nur mehr symbolische Tür-Blockade am Campus Fac des Lettres Nancy (26.3., nachmittags).

BACKKATALOG

2010: Hasenohrenblümchen
2011: Mascarpone-Marmor-Muffins
2012: Mandel-Schoko-Kuchen ohne Mehl
2013: Post aus meiner Küche #5 – Kindheitserinnerungen
2014: Zitronen-Hirse-Guglhupfs
2015: Bananen-Schoko-Pancakes
2016: Karotten-Scones mit Rosinen
2017: Cantuccini mit Walnüssen

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