Zuckersüß 321

Planänderung. Ich schreib doch wieder ein paar Worte ins Zuckersüß! Ich war nämlich vergangenen Sonntag erstmals im Weltmuseum. Dort habe ich mir zuerst die Verhüllt, enthüllt!-Kopftuch-Ausstellung (noch bis 26. Februar) angeschaut, die mir ziemlich gut gefallen hat. Die Beschreibungstexte der verschiedenen Stücke waren von unterschiedlichen Leuten geschrieben, was dem Ganzen einen sympathischen, persönlicheren Anstrich gab. Die Rolle des Kopftuchs in verschiedenen Religionen war, wie zu erwarten, ein großer Teil, aber viel interessanter fand ich, wie das Kopftuch in den 1950er und 60er Jahren zum Accessoire der anständigen Österreicherin stilisiert wurde. Es gehörte zur Trachtennode, war Teil vieler Reisesouvenirs und auch Werbesujets. Ebenfalls spannend: die „Metamorphose der Kufiya“. Bennant nach einer irakischen Stadt, wurde es in den 1970ern zum Pali-(Soli-)Tuch und ist heute weitesgehend entpolisiert. Trotzdem ist es weiterhin in Protesten zu finden. Außer Bildern, Fotos, Performance-Videos und Installationen gab es auch eine Menge verschiedener Tücher (teilweise schon an die zweihundert Jahre alt!) zu betrachten. Am allerschönsten fand ich ein über und über besticktes El Gounaa aus dem südlichen Marokko.

In der Dauerausstellung des Weltmuseums war ich ziemlich verloren, mir fehlte die Einordnung zu praktisch allen Gegenständen. Zwei Räume blieben mir aber besonders in Erinnerung: Der zur Geschichte der österreichischen Völkerkunde (katholische Priester, die mit anthropologischer „Forschung“ zu belegen versuchten, dass monogame Beziehungen gottgegeben sind?!?) und der zu Fragen des Kolonialismus und der Zukunft von Sammlungen wie im Weltmuseum.

Dann kaufte ich mir spontan Das Millenial Manifest der groschenphilosophin aka Bianca Jankovska und las es in einem Rutsch durch. In der Uni-Lehrbuchsammlung viel mir zufällig ein weiteres Manifest – Frauen und Macht – von Mary Beard in die Hände, mehr dazu dann in meinem Extra-Bücher-Post (s.a.: Bücher im Januar).

Am Dienstag bin ich dank Twitter zufällig in den Creative Writing-Workshop von F.u.C.K. geraten. Frauen, non-binary, trans und inter Personen und Computer-Kram ist allein schon ein großartiges Akronym, aber die chaosnahe Initiative dahinter erst recht. In halbwegs regelmäßigen Abständen treffen sich ein paar Leute in angenehmen, sicherem Rahmen, um ihr Wissen zu teilen, Neues zu lernen und ein bisschen zu netzwerken. Klaudia Zotzmann-Koch (die übrigens in Folge 8 meines Podcasts zu Gast war) hat uns vom Bücherschreiben, Schreibenden-Organisationen, writing prompts, der Heldenreise und anderen Plotmodellen erzählt. Und dann haben wir uns noch am free writing versucht: 10 Minuten auf Papier schreiben, ohne den Stift abzusetzen, egal was passiert. Ich stellte fest, dass ich am Ende (genau eine A4-Seite ging sich aus!) nicht mehr wusste, was ich am Anfang geschrieben hatte.

Nachdem ich mich die vorherigen Tage mit meiner BA-Arbeit geplagt hatte, die ich schon längst abgegeben haben wollte, aber die einfach nicht vorangeht, war es schön zu sehen, dass ich doch noch Sachen „herunterschreiben“ kann.

Schokoladen-Hefezopf-Brot vom März 2014

Ebenfalls gut bei Schreibblockaden: Backen um Mitternacht. Ich habe mal wieder das Schokoladen-Hefezopf-Brot von 2014 gemacht und außerdem das Kartoffelkibbeh aus Katharina Seisers Immer schon vegan ausprobiert.

Hier folgen mal meine Links der Woche, ich muss jetzt doch wieder weiter über complementizer agreement im Niederbairischen schreiben, statt über andere Sachen, die mir in den letzten Tagen begegnet sind.

Rezepte

Wirsing auf Rotkohlfond – La mia cucina
Ich musste googeln, was ein 5er-Mocken ist. Ich glaub Wirsing-Bällchen sind mir lieber.

Poppy Seed & Chai Mini Cakes with a Chai Cream Glaze – What’s For Lunch Honey?
In irgendeinem Umzugskarton habe ich kleine Guglhupfförmchen – finden müsst ich sie nur.

Texte

A little knowledge is a dangerous thing — no, seriously, it is, according to this new research – Nieman Journalism Lab
Warum FB-Diskussionen mit Leuten, die nur Überschriften lesen, so mühsam sind. Und FB-„Nachrichten“-Konsum gefährlich:

We found that Facebook’s News Feed, with its short article previews, provides enough information for learning to occur. This in itself is an important and normatively positive finding: in a relatively new way of acquiring information, Facebook users are learning by merely scrolling through their News Feed. However, this learning comes with an additional consequence: audiences who only read article previews are overly confident in their knowledge, especially individuals who are motivated to experience strong emotions and, thus, tend to form strong opinions. These individuals demonstrating a high “need for affect” (Maio and Esses, 2001) are significantly more likely to overestimate their knowledge when encountering snippets of information in Facebook’s News Feed.

White gold: the unstoppable rise of alternative milks – The Guardian
Die Guardian-Longreads sind so interessant!

To converts, almond and oat milk are the next wave in a fundamental shift towards a more conscious, sustainable way of living. To critics, they’re little more than cleverly marketed nut juice with additives – a symptom of everything that’s wrong with modern food culture. And so a strange battle has emerged, between an industry trying to replace something it says we don’t need in the first place, and dairy, a business that for a century sold itself as the foundation of a healthy diet, while ignoring the fact that most of the world does just fine without it.

How the alt-right uses milk to promote white supremacy – The Conversation
Mit das absurdeste, das ich in dieser Woche gelesen habe:

For members of the alt-right, dairy milk symbolises strength of body and society; drinking it reinforces notions of white superiority and idealised visions of masculinity. Soy milk represents weakness, emasculation, and all things politically correct. The hashtags #MilkTwitter and #SoyBoy celebrate traditional gender norms and the “good old days” of white-dominated patriarchy, while ridiculing diversity and feminism.

Portugal: Vom Krisenstaat zum Wirtschaftswunderland – mit linker Regierung und sozialer Politik – piqd
Simon Hurtz ordnet einen interessanten kontrast.at-Artikel ein.

Portugals Wirtschaft profitiert stark von externen Faktoren wie dem Tourismus, dem niedrigen Ölpreis und dem Wachstum in den Absatzmärkten portugiesischer Produkte. Und im europäischen Vergleich suchen nur wenige Flüchtlinge Schutz in Portugal, das entzieht den Rassisten den Nährboden. Fakt ist aber auch: Der Aufstieg der Rechten begann lange vor der sogenannten Flüchtlingskrise – mit der Bankenrettung und unsozialer Wirtschaftspolitik. Das Beispiel Portugal zeigt, dass es anders geht.

Herbert Kickl: Der Puppenmeister – ZEIT (via @hausjell)
Österreichische Innenpolitik ist zu deprimierend. Siehe auch: Das Kickl-Plakat der Gebrüder Moped.

Der Strippenzieher Nummer eins in Österreich heißt derzeit Herbert Kickl. Der FPÖ-Innenminister bestimmt den Diskurs, er betreibt mit großem Erfolg das, was agenda setting heißt. Kickl schreibt das Drehbuch, er sorgt für das ständige Aufschaukeln der Emotionen. Kickl gibt den Ton vor – und alle tanzen nach seiner Pfeife, auch seine Kritiker. In diesem Sinn sind Kickls Gegner zugleich Kickls Marionetten.

Dear Podcasters… – Cheri’s Blog
Gegen einen Podcast-Walled-Garden.

It’s too early to say how the Spotify-Anchor-Gimlet merger will affect podcasters and fans, but I fear we’ve seen this scenario before. A biggish company decides that they’ll aggregate an immense amount of creative work and monetize it. They’ll offer you tools to make “sharing” easy, and at first the terms of service will be reasonable. But once they’ve eaten a big enough chunk of content, they’ll lock the gates tighter, change the terms of service, and monetize the audience. By that point, customers would feel locked into Spotify, and podcasters would be afraid to leave. It could be Facebook Pages all over again.

Der Blick in die Werkstatt – Über das Schreiben und wie ich zu Diogenes kam — Benedict Wells (via Julian Schmidlis Mailing-Liste)
Ich finde es sehr interessant, was Schreibende über ihre Arbeit zu sagen haben.

Meine Vorgehensweise ähnelt am ehesten dem Bau eines Autos: Zunächst kümmere ich mich allein um Karosserie und Motor, also um das Gerüst der Handlung, Figuren, Schlüsselszenen und Dialoge. Ist der Wagen dann nach einem halben Jahr oder Jahr fahrtüchtig, schicke ich ihn auf die Teststrecke und gebe den Text zum ersten Mal jemand zum Lesen. Mit dem Feedback geht es zurück in die Garage, zum Tunen: Schrauben nachziehen, Teile austauschen, neue Szenen einbauen. Anfangs werfe ich dabei oft ganze Figuren raus oder schreibe das Manuskript radikal um. Dann nächste Testfahrt, nächstes Feedback. Das geht so lange, bis das Auto reibungslos seine Runden dreht. Anschließend kommt der Lack: die Details und sprachlichen Feinheiten. Und am meisten Spaß macht wie immer das Polieren am Ende.

Und was Benedict Wells über Kritik sagt, würde ich sofort unterschreiben:

Denn nur konstruktive und schonungslose Kritik bringt den Text weiter. Manche Testleser wollen nicht verletzen und sagen beschönigende Dinge wie: „Das Buch wird immer besser!“ Andere dagegen sind ehrlicher und sagen: „Der Anfang ist langweilig und viel zu lang!“ Beide Aussagen meinen das Gleiche, aber nur bei letzterer ist man gezwungen, über die betreffende Stelle nachzudenken.

Sketchnotes, Graphic Recording und Visual Facilitation – Sketchnote-Love
Nadine Roßa hat aufgeschrieben, wie sie die verschiedenen Bereiche unterscheidet.

Von der Definition her sind Sketchnotes eigentlich als private Visuelle Notizen im kleinen Format gedacht und sind somit im Grunde die kleine Schwester des Graphic Recording. Da aber auch die Sketchnoter immer professioneller werden, sind viele Sketchnotes inzwischen auch sehr gute visuelle Zusammenfassungen für Außenstehende.

Audio/Video

Grenzwertig- wie Wissenschaft Politik macht – hr2 Der Tag
Würde eins nur den Titel lesen, entstünde ein völlig falscher Eindruck von dieser ausgewogenen Sendung zur Feinstaubgrenzwert-„Debatte“.

Do You Believe in Life After Autotune? Switched On Pop
Allein wegen des Wortspiels (als Kind liebte ich Cher’s Do You Believe) hörenswert.

Auto-Tune may be the most divisive effect in music. Artists have protested it publicly at the Grammys, and critics have derided the effects for its inauthentic reproduction of the voice. And yet, nearly a decade since Jay-Z prophesied the death of Auto-Tune, the sound is alive and thriving in contemporary pop and hip-hop. Journalist Simon Reynolds has written a definitive history of Auto-Tune for Pitchfork that fundamentally changed how we hear this sound. This deep dive criss crosses geology, technology, and the evolution of pop as we know it.

Canva: Melanie Perkins – How I Built This with Guy Raz
Ich kenne Canva erst seit kurzem – aber dass es von einer damals 19-jährigen Australierin gegründet wurde, wusste ich noch nicht.

When she was just 19 years old, Melanie Perkins dreamt of transforming the graphic design and publishing industries. But she started small, launching a site to make yearbook design simpler and more collaborative. Her success with that first venture — and an unexpected meeting with a VC investor — eventually landed her the backing to pursue her original idea, and the chance to take on software industry titans like Adobe and Microsoft. Today, Melanie’s online design platform Canva is valued at over $1 billion, joining the list of Australia’s „unicorn“ companies.

La Thune – Angèle
Ich habs ja letzte Woche schon geschrieben, aber Angèle (und dieses Video!) ist einfach großartig.

Rep. Alexandria Ocasio-Cortez Calls Out Dark Money – Now This
Sehr beeindruckende Rede im US-Kongress.

Foto

Abenddämmerung in Währing.

Backkatalog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.