zwei feministische Bücher

"Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist und "Alte Weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch"

Lang ists her, dass ich etwas für die Bücher-Rubrik hier geschrieben habe. Dabei habe ich gar nicht so wenig gelesen! Swing Time von Zadie Smith zum Beispiel oder Girl, Woman, Other von Bernadine Evaristo, das ich sehr mochte.

In diesem Post soll es aber um zwei Sachbücher gehen, beide explizit feministisch, beide mit rosa Cover. So richtig instagrammable also, was bei popfeministischen Büchern mittlerweile wohl obligatorisch ist. Aber, wie war das, never judge a book by its cover, oder so.

Radikale Zärtlichkeit – Şeyda Kurt

Radikale Zärtlichkeit habe ich tatsächlich nicht wegen des Covers, sondern wegen der Leseprobe auf der Verlagswebseite gekauft. Die wiederum hatte ich entdeckt, weil ich Şeyda Kurt auf Twitter (@kurtsarbeit) folge. Darin steht zum Beispiel folgender Absatz:

In diesem Buch verknüpfe ich all diese Themen, die mich seit vielen Jahren als Journalistin umtreiben, mit den Wahrheiten und Lügen der Liebe – und mit meinen eigenen Erfahrungen. Denn vor einiger Zeit merkte ich, dass ich lange selbst in die Falle getappt war, meine Beziehungen aus meinen politischen Überlegungen herauszuhalten. Und damit bin ich nicht alleine. Trotz der Impulse der feministischen #MeToo-Bewegung aus den letzten Jahren und der Kritik an diskriminierenden und ausbeuterischen Verhältnissen schließen selbst viele Feminist*innen insbesondere die Sphäre der romantischen Zweierbeziehungen aus diesen Verhandlungen viel zu häufig aus.

Dieser Ausgangspunkt und der lockere Schreibstil holten mich gleich ab. Und durch die ersten paar Kapitel las ich dann auch mit Freude und vielen bunten Plastikmarkierfitzelchen. Şeyda Kurt erzählt ihre persönliche Geschichte und bettet sie in die großen Strukturkategorien – Geschlecht, Klasse, Ethnizität – ein, ohne dass es nach Soziologievorlesung klingt.

„Ich habe mich bis zuletzt geweigert, über meinen persönlichen Abschied von der Monogamie zu schreiben, weil solchen Erzählungen oftmals ein unangenehmer Beigeschmack von Möchtegernpionier*innentum anhaftet. In den letzten Jahren wurde eher zu viel als zu wenig darüber gesprochen und geschrieben. Denn während die Monogamie für die Mehrheit der Gesellschaft noch immer die unangefochtene Norm ist, scheint die Polygamie oder Polyamorie in manchen Kreisen von Club-Mate-Trinker*innen als der neue Lifestyle beschworen zu werden. Es zeugt von einer gewissen Ironie, dass gerade bürgerliche weiße Menschen nun als Pionier*innen gelten, die das heteronormative, monogame Ideal herausfordern – war es doch seit Jahrhunderten das weiße Bürger*innentum, das auch gewaltsam für seine Durchsetzung sorgte.“

Seite 77

Das Konzept der situativen Privilegien, das sie später einführt, kommt mir sehr hilfreich vor:

„es gibt viele situative Privilegien, die sich mit strukturellen Privilegien überlappen können. Oder außerhalb dieser Grammatik im engeren Sinne stattfinden. Ein Beispiel: Ich habe in der Vergangenheit oft die Erfahrung gemacht, in sexuellen, romantischen oder anderen intimen Verhältnissen zu Menschen angstfreier sein zu können, weil ich im Gegensatz zu meinem Gegenüber gleichzeitig in einer anderen Partner*innenschaft lebte. Und ich wusste, dass ich dort getröstet und aufgefangen werde, wenn dieser dritte Mensch mir das Herz brechen sollte.“

Seite 112

Vom subversiven Potential, das tiefe nicht-klassisch-heteronormative-romantische Beziehungen haben, bin ich schon überzeugt, dazu hätte ich dieses Buch nicht lesen müssen. An ein paar Stellen macht Şeyda Kurt das aber so klar, das ich in Zukunft einfach darauf verweisen werde:

„Freund*innenschaften machen Angst. Sie machen Rechten und Konservativen Angst, weil sie sehen, wie Menschen sich verbünden, die sich nicht über eine konstruierte, kalkulierbare, exklusive Gemeinschaft aus Herkunft, Blut, Abstammung und Geschlecht identifizieren. Sondern aus gemeinsamen Erfahrungen und Überzeugungen. Sie machen Angst, weil politische Solidarität auf Freund*innenschaft beruht. „Ein familienanaloges Wir wirkt wie ein Schlagbaum, der die Grenzen zwischen Zugehörigen und Nichtzugehörigen markiert“, schreibt die Autorin Christina Thürmer-Rohr, „der politische Freundschaftsgedanke lebt demgegenüber von einer Differenz“. Auch im Zueinander würden wir unterschiedlich blieben, Fremdheiten zulassen, die die Existenzbedingung pluralistischer Gesellschaften seien. Aber auch ich habe manchmal Angst vor Freund*innenschaften. Weil sie unberechenbarer als etwa romantische Beziehungen sind. Weil die Rolle, in der ich als Freundin den unterschiedlichsten Menschen begegne, weniger ritualisiert, historisch, diskursiv, politisch strukturiert ist. Freund*innenschaften erfordern Entschlossenheit. Und gerade das hat eine transformative Kraft“

Seite 166

Sie zitiert viele feministische Vordenkerinnen – von der Soziologin Christina Thürmer-Rohr oben über Eva Illouz bis zu Audre Lorde und bell hooks. Anders als bei Friedemann Karigs Wie wir lieben, bei dem es im Endeffekt ums selbe Thema geht, dachte ich mir bei Radikale Zärtlichkeit aber nicht „hätte ich doch einfach die Primärliteratur gelesen, da hätte ich mehr davon“ (übrigens der Grund, warum ich dieses Buch hier im Blog nie angesprochen habe, ich fand es echt anstrengend und nervig). Die Bücher von Eva Illouz, Audre Lorde und bell hooks stehen aber eh trotzdem noch auf meiner Leseliste.

Gegen Ende hat mich Radikale Zärtlichkeit leider ein bisschen verloren, es schlenkerte so lose vom einen zum nächsten Aspekt. Außerdem dachte ich mir oft, dass das Buch so Internet-Essay-mäßig geschrieben ist, dass es wohl schon in einem Jahr „alt“ sein könnte. Zu oft verweist es auf Phänomene, die gerade *jetzt* in einer bestimmten Bubble ein Ding sind. Aber bis dahin ist es glaube ich ein niedrigschwelliges „Einführungswerk“ zum Thema!

Şeyda Kurt: Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe Politisch ist. HarperCollins, 2021, 223 Seiten, 18,50€.

Alte weiße Männer – Sophie Passmann

Zu diesem Buch hatte ich nur diffuse Kritik im Kopf. Nochmal nachgelesen: Sophie Passmann reflektiert ihre eigenen Privilegien nicht und schreibt im besten Fall harmlos, im schlimsten reaktionär (taz). Sophie Passmann lässt die falschen zu Wort kommen (ink of books). Sophie Passmann bleibt oberflächlich und vorhersehbar (foejetong).

Doch eine Bekannte drückte mir das Buch in die Hand und meinte, sie fände es super. Also las ich rein.

Als erstes trifft Sophie Passmann Sascha Lobo in Berlin:

„Sascha Lobo ist ein gutes Beispiel dafür, dass mänlicher Feminismus eine Frage des Selbstbewusstseins ist. Er hat keine Angst, dass Frauen ihm etwas wegnehmen, er hat auch keine Angst zuzugeben, dass Teile seines Erfolges mit seinem Dasein als Mann und nicht mit seinem Können zu tun haben. Er stellt sein Können mit dieser Feststellung nämlich nicht automatisch infrage. Würden Frauen auf einmal 50 Prozent aller Auftritte in seiner Branche bekommen und 50 Prozent aller Auftritte in Talkshows, wäre Sascha Lobo immer noch Sascha Lobo. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten schmälert die Angst vor Gleichberechtigung. Je mehr du kannst, desto wniger bist du auf deine Privilegien angewiesen.“

Seite 28

Später kraxelt sie ~illegal~ mit Robert Habeck über einen Zaun an der Spree, isst Suppe mit Kai Diekmann und trinkt in der Hamburger Sternschanze (wie sehr ich mich immer freue, wenn ich ein Bild zum beschriebenen Ort im Kopf habe!) Kaffee mit Micky Beisenherz. Der vergleicht Feminismus mit dem Rauchverbot und Sophie Passmann kommentiert das so:

„Frauenförderung ist für Frauen ähnlich verschwörerisch wie gemeinsames Rauchen vor der Kneipe. Nur dass wir später nicht an Krebs sterben, sondern an Altersarmut“

Seite 96

Solche Einwürfe und Beobachtungen der Autorin haben mich oft zum Grinsen gebracht. Ich bin etwa in der gleichen Online-Bubble unterwegs wie sie, die Namen der alten weißen Männer waren mir weitestgehend geläufig, große Überraschungen zu deren Standpunkten erlebte ich deshalb nicht. Den Einwand, dass sie die feministische Debatte nicht weiterbringt, in dem sie nur die Profiteure des Patriachats sprechen lässt, finde ich berechtigt. Aber bei aller Kritik, das Buch ist sehr lustig geschrieben und liest sich schnell weg. Ich hatte Spaß damit.

Sophie Passmann: Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch. KiWi, 2019, 288 Seiten, 12,40€.

Übrigens, in der Vergangenheit habe ich über folgende Bücher geschrieben:



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Im Zuckersüß sammle ich (fast) jeden Sonntag meine liebsten Links der Woche: Rezepte für die Nachback-Liste, lesenswerte Blogposts, Zeitungsartikel und Longreads, Podcasts oder Musik, die mir gerade gefällt und oft genug auch Internet-Weirdness. Außerdem schreibe ich auf, was ich sonst so interessant fand: neue Rezepte in meiner Küche, Lokale, in denen ich gegessen, Pullover, die ich gestrickt oder Texte, die ich geschrieben habe.