Sattlerei

Die Sattlerei, Heinestraße 25, 1020 Wien

Ausnahmsweise habe mal nicht ich, sondern meine Begleitung ein Restaurant ausgesucht, und zwar eines, das ich gar nicht auf dem Schirm hatte. Die Sattlerei in der Leopoldstadt eröffnete mitten in der Pandemie und war wegen des Gastro-Lockdowns erstmal ein paar Monate lang nur Feinkostladen.

Einmal angekommen in dem außerordentlich stylishen Lokal (Tische, Tresen und Sessel aus dunklem Holz, minimalistische Kronleuchter von der hohen Decke, große Fenster zur Straße und in die höher gelegene Küche) bestellten wir erstmal einen Aperitif. Für mich war das ein Porto Tonic aus einem sehr schönen Glas, meine Begleitung trank Ramazotti Rosato mit Tonic (jeweils 5,90€).

Aperitif

Wir entschieden uns schließlich für das Chef’s Choice-Menü. Aus Interesse bestellten wir einmal die vegane Variante (40€), einmal die mit Fleisch und Fisch (55€) – beides mit eigener Weinbegleitung (25€).

Es folgte Brot (von Joseph) mit Butter in zwei Formen: einmal sehr luftig aufgeschlagen, einmal karamellig gebräunt, mit flockigem Meersalz. Ich mochte vor allem das dunklere, leicht gesäuerte Brot, das auf dem Foto oben leider abgeschnitten ist. Als Gruß aus der Küche gab es anschließend einen Tupfen Leberpastete mit frittiertem Filoteig, Radicchio, Kresse und erstaunlich süßem Paprikapulver.

Meiner Begleitung wurde ein Glas „Perfect Day“ vom Weingut Pittnauer eingeschenkt, ein orange wine aus Chardonnay und Muskateller mit sehr blumigem Duft. Ich trank Chardonnay vom Kalk von Markus Altenburger, der sehr cremig war und dessen Geruch mich an grünen Spargel denken ließ.

Im nicht-veganen Menü bestand die Vorspeise aus Lachsforelle mit zweierlei frischen Erbsen, Rogen, crème fraîche und Dill. Ich hatte meine Vorspeise allergiebedingt auswechseln lassen und aß einen ganz und gar nicht veganen Teller. Das war eine sehr gute Idee, denn die Makrele auf extrasahnigem Gurkensalat mit Brunnenkressemayo, noch mehr Brunnenkresse, Dill und grünem Pulver (möglicherweise Spirulinaalgen oder so?) war eines meiner liebsten Gerichte des Abends.

Zur Suppe gab es im „klassischen“ Menü Neuburger Sur Lie, also auf der Hefe gelagerten Weißen (leider kann ich mit dem Foto des Etiketts nicht ergoogeln, von welchem Weingut der war, weiß jemand weiter?). Den Geschmack konnte ich überhaupt nicht einordnen, er schmeckte anders, als alle Weine, die ich im Kopf hatte – kein bisschen Fruchtigkeit dabei, ansonsten fehlen mir die Worte. „Mein“ Wein, „Manhart 2018“ vom Weingut Loimer war eine Cuvée aus Chardonnay, Pinot Gris und Pinot Blanc. Leider kann ich mich an nichts davon erinnern, außer, dass er super zu meiner Suppe war.

Meine Begleitung bekam dunkle, intensive Hühnerconsommée mit fein geraspeltem Wurzelgemüse, einer Teigtasche und geraspeltem gekochten Eigelb. Meine vegane Erdäpfelsuppe fand ich ziemlich unspektakulär (sie fad zu nennen, wäre aber gemein). Auf dem Schüsselboden waren gegrillter Lauch und Kartoffelkugerl schön drapiert, aufgegossen wurde erst am Tisch.

Weiter gings mit vollerem Wein, dem ersten Roten für meine Begleitung. Ungüngstigerweise habe ich mir zum „La Folie“ vom Château Yvonne (Cabernét Franc) gar nix aufgeschrieben. Zu „meinem“ Rotgipfler von Harald Zierers Schatzberg nur ein paar Worte, nämlich „ziemlich süß und fruchtig, wohl mein Favorit“.

Im Fleischmenü folgte rosa gebratener Tafelspitz mit umamiger, luftiger Creme (aus Schwammerln?), geschmortem Salat samt knusprig gebratenem Speck und rohen Champignonscheiben und einer Sauce, in der ich eine leichte Kaffeenote auszumachen glaubte. Mein veganer Teller hat mich zwar beeindruckt, aber nicht ganz überzeugt. Eine frittierte (?) Melanzani mit Bulgur-(oder Couscous?)-Füllung, frittierten lila Rüben, Schwammerl-Scheiben (wohl irgendwelche Seitlinge?), und Babymangold. Darunter eine cremige Sauce, die an Mandelmus erinnerte, Dillöl, Pinienkernen und Pinien-Malto. Das sah aus wie Fetabrösel, ist aber in Wahrheit ein Molekularküchenpülverchen, das mit Ölen aller Art versetzt werden kann – sehr faszinierend.

Zum Dessert gabs Süßes ins Glas: Einerseits roten Port, genauer „325th Anniversary Port“, also eine Cuvée aus altem und jungen. In meinen Augen passte er perfekt zum Kirsch-Dessert. Zur veganen Nachspeise wurde mir ein Eiswein der Familie Mahrer eingeschenkt, der allerdings nicht aus Trauben, sondern aus verschiedenen Apfelsorten bestand. Er schmeckte sehr süß und fast zimtig.

Das Kirsch-Dessert beeindruckte mich sehr und gehörte neben der Makrele zu meinen klaren Favoriten: Kirschsorbet, das auch nach Schoko schmeckte (Kakaobohnen-infused?? oder bin ich bloß verwirrt?) mit Schokomousse, Kakaobohnensplitter, geröstetem Hafer, feingehackten Sirupkirschen und einer eingelegten ganzen Kirsche. Die vegane Nachspeise bestand aus Grißekoch mit viel Orangenzeste auf säuerlichem Rhabarberkompott. Obenauf war Rhabarbergelee, sehr fein gewürfelter Rhabarber in Ingwersirup (?) und fitzelig kleinem, intensivem Grünzeug, das ich nicht identifizieren konnte.

Als Rausschmeißer bekamen wir noch Pralinen auf Kakaobohnensplittern serviert: Einmal dunkle Schokolade mit Zitrusfüllung (die wie Kümmel schmeckte?) und Maracujagelee-Würfel. Nach so viel gutem Essen gönnten wir uns noch zwei Cocktails, für mich gabs Campari Sour, für meine Begleitung Whisky Sour (Preise vergessen).

Alles in allem war das ein toller Abend, der viel Spaß gemacht hat. Beide Menüs waren interessant (wenn auch nicht durchgängig umwerfend, s. Erdäpfelsuppe), die Weinbegleitung spannend (ein paar „wilde“ Gläser dabei!) und alles fair bepreist. Das Ambiente fand ich sehr schön und den Service sehr sympathisch. Klare Empfehlung!



Hi, ich bin Jana.
Seit 2009 veröffentliche ich hier wöchentlich Rezepte, Reiseberichte, Restaurantempfehlungen (meistens in Wien), Linktipps und alles, was ich sonst noch spannend finde. Lies mehr über mich und die Zuckerbäckerei auf der About-Seite.

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Im Zuckersüß sammle ich (fast) jeden Sonntag meine liebsten Links der Woche: Rezepte für die Nachback-Liste, lesenswerte Blogposts, Zeitungsartikel und Longreads, Podcasts oder Musik, die mir gerade gefällt und oft genug auch Internet-Weirdness. Außerdem schreibe ich auf, was ich sonst so interessant fand: neue Rezepte in meiner Küche, Lokale, in denen ich gegessen, Pullover, die ich gestrickt oder Texte, die ich geschrieben habe.