Zuckersüß 322

Gerade als ich vergangenen Sonntag das Zuckersüß veröffentlicht hatte, ließ ich mein Smartphone fallen. Anders bei den wohl mehreren hundert Stürzen in den vergangenen vier Jahren (mein Gerät von 2015 hielt tatsächlich so lange aus!) ging diesmal das Display kaputt. Mit ein bisschen Raten (motorisches Gedächtnis!) konnte ich es trotz einheitlicher Schwärze zwar noch entsperren und sogar einen Anruf entgegennehmen, aber fest stand, dass ich gleich am Montag ein neues Telefon kaufen würde müssen.

Wie sich herausstellte, hatte ich wenigstens kaum Daten verloren, meine Kontakte liegen bei Google (ich traus mich gar nicht zugeben), wichtige Fotos auf meiner Laptop-Festplatte und die Musik (ich bin weiterhin Streaming-Verweigerin) auf der Mini-SD. Einzig ohne Sicherung (aber vielleicht doch auch noch irgendwie zu retten): ein paar noch nicht synchronisierte italienisch-, darija- und arabisch-Vokabeln in Anki und meine Podcastabos. Das deprimierte mich schon ein bisschen, denn aus meinem Podcastblog, fyyd und Panoptikum würde ich nicht alles rekonstruieren können. Aber seis drum, mein Podcatcher wird einfach erfüllt von Blühendem Leben:

Ein neues Smartphone braucht es aber für den Podcatcher. Ich las mich also durch Tests und Rezensionen und wurde immer schockierter. Die Preise für aktuelle High-End-Geräte sind jenseits der 1000€-Grenze, ständig neue Modelle verbesserten sich aberoffenbar kaum mehr. Die Art der Smartphone-Besprechungen fand ich besonders bedenklich, denn sie scheinen geschrieben für Leute, die sich tatsächlich jedes neue Modell holen. Wie viel unnötigen Elektroschrott das wohl produziert?

Nun ja, ich entschied mich letztlich für ein roségoldenes (eigentlich eh egal, die Hülle versteckt das Gehäuse sowieso) Samsung Galaxy S9, das in etwa genauso teuer war wie damals mein Sony Xperia Z3 (also sehr teuer, nur nicht so absurd wie aktuelle iPhones). Ich finde es zwar ziemlich hässlich und das UI ebenfalls, aber es hat ein tolles Display und eine super Kamera. So gut, dass ich gar nicht aufhören konnte, damit aus dem Zugfenster zu fotografieren. Am Montagabend nahm ich nämlich den Nachtzug nach Rom, um meine Semesterferien digital nomad-mäßig im Süden zu verbringen.

Ich habe deshalb sehr viel Pizza gegessen und ein Wochenende in Napoli verbracht. Darüber schreibe ich hoffentlich bald einen eigenen Post, aber erst wenn meine BA-Arbeit fertig ist (Ferien sind eigentlich ja nicht…). Hier folgen meine liebsten Links der letzten Tage, zugfahrtsbedingt sehr umfangreich:

Rezepte

Sheet Pan Roasted Fennel and White Beans with Parsley Oil – With Food and Love
Ausprobiert und für unbedingt wiederkochenswert befunden: weiße Bohnen und gebackener Fenchel harmonieren sehr gut, dank ein bisschen Zitrone und bestem Olivenöl wirds superlecker und erstaunlich buttrig.

mein lauwarmer bohnensalat – kulinarische notiz – esskultur
Ich bin sehr einverstanden mit Katharina Seisers Verständnis von „richtigem“ Essen und wann dieser Salat geeignet ist:

großer hunger auf „richtiges“ essen (keine käsebrote und eierspeisen mehr, bitte)

so großer hunger, dass 15 minuten zubereitungszeit fast schon zu viel sind

der anspruch, dass „richtiges“ essen zumindest lauwarm zu sein hat, in jedem fall aber alle geschmacksrichtungen und mehrere texturen in einem gericht vereint

39 Citrus Dessert Recipes for Pies, Cakes, Bar Cookies, and More – Epicurious
Rezeptsammlungen verlinke ich hier eigentlich nicht, aber auf dieser sieht alles so gut aus, dass ich die Regel breche.

Banana Oatmeal Cookies with Peanut Butter and Chocolate Chips – Serious Eats
Als Reiseproviant/Bananenrettung gebacken.

Texte

Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool – vom Ende des freien Internet – dvg
Dieses geplante EU-Gesetz jagt mir ziemlich viel Angst ein, ein freies Internet ist mir nämlich sehr wichtig. Dirk von Gehlen hat mit einem Pool eine schöne Metapher dafür gefunden:

Dort gibt es schwimmende Menschen und solche, die nur am Rand sitzen. Beide mögen den Pool, aber Schwimmer*innen und Randsitzer*innen haben dennoch völlig unterschiedliche Wahrnehmungen dessen, was den Pool ausmacht. Die Frage, ob Wasser im Pool ist, spielt dabei nur für diejenigen eine Rolle, die auch reinspringen. Für sie ist es jedoch die zentrale Frage. Im Urheberrechtsstreit ist das Wasser das freie Internet. Der Pool verliert seinen Reiz, wenn er kein Wasser mehr hat. Wie soll man dann schwimmen? Menschen von der Randsitzer*innen-Fraktion verstehen diese Frage nicht, denn Wasser kennen sie kaum aus eigenem Erleben. Sie schwimmen nicht und sehen höchstens Mal die Wasserspritzer wenn einer der Schwimmer Arschbombe macht. Das ist dann vielleicht lustig, aber eine Ausnahme. Denn die Randsitzer*innen gehen nicht ins Wasser und verstehen deshalb auch nicht, warum die Schwimmer so einen Aufstand um das Wasser machen. Der Pool ist doch auch ohne Wasser schön – denken sie und wischen alle berechtigten Bedenken weg, die mit Uploadfiltern verbunden sind. Denn wer eh nichts hochlädt, kann sich vermutlich auch keine Probleme mit Uploadfiltern vorstellen.

Facebook pays teens to install VPN that spies on them – TechCrunch (via wirres.net)
Was sich Facebook alles erlaubt, ist wirklich unglaublich:

Since 2016, Facebook has been paying users ages 13 to 35 up to $20 per month plus referral fees to sell their privacy by installing the iOS or Android “Facebook Research” app. Facebook even asked users to screenshot their Amazon order history page.

Falsche Angaben zu Stickoxid: Lungenarzt mit Rechenschwäche – taz.de
Der Lungenarzt hat wohl weitaus mehr politische Agenda als Expertise:

Köhler selbst sieht in diesen Fehlern kein großes Problem. Die „Größenordnung“ sei trotzdem richtig, meint er. Und für seine Rechenfehler und seine veralteten Angaben hat er eine einfache Erklärung: „Ich mache ja praktisch alles allein und habe nicht einmal mehr eine Sekretärin als Rentner.“

Stickoxid-Grenzwerte: Die Fachleute blieben unsichtbar – ZEIT ONLINE
Was in der dämlichen Grenzwert-Debatte schief gelaufen ist, ist hier schön aufgedröselt:

Bei Experten, die selbst auf diesem Gebiet forschen, herrscht darüber pure Fassungslosigkeit. Gebetsmühlenartig verweisen sie inzwischen darauf, dass es rund 30.000 Studien zum Thema Luftschadstoffe gibt und eine „überwältigende Beweislage“ zur Gefährlichkeit von Feinstaub und Stickoxiden. Über einzelne Grenzwerte, die stets eine politische Setzung sind, kann man zwar streiten. Dass aber die Luftschadstoffe der Gesundheit abträglich sind, darüber besteht unter Forschern flächendeckend Einigkeit.
Doch da war Köhler längst im heute journal auf Sendung gegangen, hatte beihart aber fair seine Grenzwert-Kritik vorgetragen und damit das Thema gesetzt, das in den sozialen Medien und auf Twitter so lange weiter kommentiert wurde, bis sich kaum noch jemand für die zugrunde liegende Evidenz interessierte.

The Trouble With Talking – Merkur (via soulzeppelin)
Kathrin Passig schreibt lieber als sie spricht:

Und schließlich ist Nachdenken ein langsamer Vorgang. Im mündlichen Gespräch bleibt dafür weniger Zeit als im schriftlichen. Selbst wenn es mir in einer Podiumsdiskussion gelingt, meinen Gesprächspartner richtig zu verstehen, werde ich wahrscheinlich nicht auf sein Argument eingehen können und stattdessen das sagen, was sich in ähnlichen Situationen bereits bewährt hat. Vielleicht fällt mir am nächsten Tag ein Gegenargument ein, vielleicht sehe ich am übernächsten ein, dass der Gesprächspartner recht hatte. In einer Podiumsdiskussion nutzt das nichts mehr. In einer schriftlichen Auseinandersetzung ist dafür Platz.

Why I don’t use my real photo when messaging with customers on my website – Kapwing Blog
Ein weiterer Fall von Frau im Internet-Sein = belästigt werden.

I have three brothers, majored in computer science, and now am starting a company from a Silicon Valley VC office, so I’ve dealt with my fair share of sexism through the years. But this is the first time I have experienced first-hand how differently I would be treated if I could change my gender, at least on the internet. Naively, I was shocked and intrigued by how much more respectful people were to Eric than to me behind the anonymity of a chat box.

Social Media September. Rhetorik des Hashtags – POP-ZEITSCHRIFT (via soulzeppelin)
Ziemlich wissenschaftlich/anspruchsvoll zu lesen, aber sehr interessant: was Memes mit dem Barock zu tun haben und Hashtags mit Literatur.

Im Gegensatz zu Memes operieren Hashtags nicht mit intermedialen Strukturen, sondern sind in ihrer Funktionsweise intertextuell. Neben der bereits beschriebenen pragmatischen Nutzung und der denotativen Bedeutung der jeweiligen als Hashtag verwendeten Begriffe muss auch untersucht werden, in welche intertextuellen Strukturen sich die Hashtags einschreiben. Wie es bereits für die Auseinandersetzung mit rhetorischen Stilmitteln in der Literaturwissenschaft etabliert ist, kann einerseits deren abstrakte Funktionsweise beschrieben und andererseits die intertextuelle Struktur dekonstruiert werden, in die sich konkrete rhetorische Figuren eines literarischen Textes einordnen. Eine Rhetorik des Hashtags muss also, um die den Hashtags eigene Ästhetik und Bedeutungserzeugung zu erschließen, immer auch den komplexeren Kommunikationszusammenhang betrachten.  

Autocomplete Presents the Best Version of You – WIRED
Predictive Text ist schon ein witziges Orakel.

You know how when you get a new phone and you have to teach it that, no, you aren’t trying to type „duck“ and „ducking“ all the time? Your keyboard deliberately errs on the conservative side. There are certain words that it just won’t try to complete, even if you get really close. After all, it’s better to accidentally send the word „public“ when you meant „pubic“ than the other way around.

The Decline of Historical Thinking – The New Yorker (via Anke Gröner)
In den USA gibt es offenbar einen merklichen Rückgang an Geschichte-Studis – außer an den Elite-Unis:

The reason that students at Yale and places like it can “afford” to major in history is that they have the luxury of seeing college as a chance to learn about the world beyond the confines of their home towns, and to try to understand where they might fit in. That’s what history does best. It locates us and helps us understand how we got here and why things are the way they are.

Die Liga der Smoothies und Minister – fireredfriederike
Drei aktuelle Ausprägungen des Rechtsruck:

Mit Rassismus, Sexismus und anderen -ismen wird Politik, „Journalismus“, Karriere und Werbung gemacht. Wird all das von Kritiker*innen als sexistisch, rassistisch, ableistisch, trans*feindlich – kurz: diskriminierend und damit der Diskursverschiebung wieder einen Schritt näher – benannt, werden genau diese Kritiker*innen wahlweise als verklemmt, humorbefreit, dumm, wehleidig, blauäugig, unfähig oder naiv hingestellt. Und wenn das alles noch nicht genug ist, legt man noch ein Schäuferl drauf und perpetuiert die Diskriminierung einfach weiter. So lange, bis die Kritiker*innen endlich ruhig sind. Weil mit denen, die diskriminieren, hat das Ganze natürlich null komma nix zu tun.

Pitch dich doch selbst! – TONIC
Dunkle Seiten der neuen Arbeit.

In den 1990er Jahren entwickelten die beiden Soziologen Gerd-Günter Voß und Hans J. Pongratz das Konzept des Arbeitskraftunternehmers. Arbeitnehmer also, die den eigenen Körper und Geist als Betrieb begreifen müssen, mit dem sie wie Unternehmer zu verfahren haben: Was sie und ihre Firma nicht voranbringt, muss weg (Rationalisierung der Lebensführung), sie managen sich selbst auf die Ziele eines Unternehmens hin (Selbst-Kontrolle) und sie sind genötigt ihre Arbeitskraft stets weiterzuentwickeln und anzupreisen (Selbst-Ökonomisierung). All das macht der Arbeitskraftunternehmer weitgehend autonom – persönliche Spielräume statt Taylorismus.

Audio/Video

Die strukturfunktionalistische Systemtheorie von Talcott Parsons – SozioPod Academics
Cooles neues Format: wichtige Theorien der Soziologie anschaulich erklärt.

ITB020 Bedeutungslosigkeit – In trockenen Büchern
Ich hörte diesen Podcast in Rom, in der Sonne strickend und erfüllte damit genau das Klischee, das in dieser Folge im Zentrum steht…

Foto

Alte Gemäuer in Süditalien.

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