Liège

Eine Reise nach Liège

Letztes Wochenende war ich „mal schnell“ in Belgien. Es fasziniert mich nach wie vor, einen anderen Ausgangspunkt meiner Reisen zu haben – so wie ich von Rabat aus einen Ausflug nach Fes oder Marrakech machen konnte, kann ich es von Nancy jetzt nach Paris oder eben Liège machen.

Ich war allerdings nicht alleine unterwegs, sondern mit einem ganzen Bus anderer Erasmus-Studierender. Das Wochenende hatte das Erasmus Student Network Nancy organisiert und auch einige Sponsoren gefunden, sodass es fast unschlagbar günstig wurde.

Wir starteten um halb sieben Uhr morgens in Nancy und kamen am späten Vormittag in Liège an. Das erste was wir dabei sahen, waren viele Baustellen und gleich dahinter, ein enorm großes, sehr futuristisches Bahnhofsgebäude. Wobei es Gebäude nicht so ganz trifft, denn es gibt irgendwie keine wirkliche Grenze zwischen Innen und Außen. Ohne Wikipedia wäre ich nicht darauf gekommen, aber hinter dem Bahnhof von Liège steckt der gleiche Architekt wie hinter dem „Oculus“ am World Trade Center in New York (s. Reise in die USA Pt. 1 NY). Außerdem diente er offenbar als Kulissenvorbild für Guardians of the Galaxy.

Bahnhof Liège
Ein überproportionierter Bahnhof für so eine „kleine“ Stadt?

Die Stadt scheint sich den Fotoqualitäten seines Bahnhofs bewusst zu sein, sonst hätte sie wohl nicht ganz demonstrativ einen Namensschriftzug davorgestellt. Was man auf dem Titelbild dabei nicht erkennen kann, ist die Bodeninschrift, die dann sogar noch auf den städtischen Hashtag (!) #liegetogether hinweist.

Wenn man die Gleise überquert und ein bisschen bergauf geht, landet man an einem sehr interessanten Ort. Hinter einem kleinen Wäldchen versteckt sich nämlich eine baufällige Kuppelkirche – Sacré-Cœur et Notre-Dame-de-Lourdes de Cointe – deren Außenfassade über und über mit Möwen bemalt ist. Sie ist zwar noch nicht einmal 100 Jahre alt (kein Alter für eine Kirche, nicht?), wurde aber schon entweiht und steht offenbar zum Verkauf.

Kuppelkirche mit Möwen
Eine Kirchenfassade mit Streetart habe ich bisher noch nie gesehen.
Kuppelkirche
Von einer Seite gut hinter Bäumen versteckt ist die Kuppel doch in Lièges „Skyline“ zu erkennen.

Gleich daneben findet sich das Mémorial Interallié, das an den ersten Weltkrieg erinnert und den verschiedenen allierten Ländern jeweils ein Denkmal widmet.

1. weltkriegsdenkmal
Dieses Denkmal erinnert an die griechischen Gefallenen des ersten Weltkriegs

Es geht aber noch lange weiter mit Monumenten. Ich glaube ich war noch nie in einer Stadt, die mir so voll von Statuen und Denkmälern vorkam.

weltkriegsdenkmal
Ernste Soldaten erinnern an den Zweiten Weltkrieg.
Reiterstatue
Random Reiterstatue und schöne Fassaden
Turner
Eine turnende Statue über dem Yachthafen der Maas, im Hintergrund der Tour Paradis, das Finanzzentrum der Stadt

Die Stadt ist zudem ein ziemliches Durcheinander von Architekturstilen. An den Backstein-Reihenhäusern kann man noch Lüttichs Industrie-Vergangenheit erkennen, modernere Stahlbetonbauten stehen teilweise ziemlich verloren dazwischen. Und sollten sie alleine stehen, erschlagen sie eine_n fast mit ihrem Grau in Grau, z.B. die Stadtbibliothek.

Bücherei
Die Stadtbibliothek von Liège ist ein ziemlicher Betonklotz.

Der Justizpalast, früher einmal Bischofsresidenz neben einer Kirche, die vor ein paar hundert Jahren vollständig abgebrannt wurde, ist zwar auch grau, aber macht mit seiner Fassade aus dem 18. Jahrhundert mehr her als die Betonklötze des vergangenen Jahrhunderts.

Justizpalast
Der Justizpalast

Eine andere Kirche, die Cathédrale Saint-Paul, steht noch, doch die Zeit hat an ihr andere Spuren hinterlassen: Außen ist sie aktuell komplett eingerüstet, innen wurden schon einige „Originalbestandteile“ ersetzt, sodass ein erstaunlicher Stilmix entstanden ist. Einige Fenster sehen aus, als hätte man riesige Farbkleckse darauf verteilt, andere sind mit bunten geometrischen Flächen bemalt. Die Decke ziert ein grün-goldenes Blumenmuster und Kronleuchter mit kitschigen Blumen-Lampenschirmchen erleuchten den Raum.

Kirche
Klassische Kirchenfenster gibts natürlich auch noch

Und dann gibt es auch noch die Marmurstatuen, z.B. Le génie du mal. Das ist eine Luziferdarstellung in Form eines doch recht gutaussehenen Typen mit Fledermausflügeln:

Luzifer
Le génie du mal aka Luziferstatue

Wer nicht so auf Kirchen steht, dafür aber auf Anstrengung, kann die 375 Stufen des Montagne de Bueren erklimmen – eine Treppe, die abermals ein Kriegsdenkmal ist. Von oben hat man einen super Ausblick über die Stadt.

Liège von oben
Blick von der Treppe Montagne de Bueren

Am selben Hügel befindet sich die {C}-Brauerei, die in einem ehemaligen Kloster Craft-Beer braut. Die beiden Firmeninhaber hatten mit ihrem Curtius-Bier eine belgische Startup-TV-Show gewonnen und, wie es aussieht, eine ziemliche coole Firma daraus gemacht. Wir besuchten die Produktionsanlage, wo wir die verschiedenen Zutaten (Malz, Hopfen, Hefe, aber auch Koriander und Orangenschalen) und den Herstellungsprozess erklärt bekamen. Es folgte eine Verkostung der verschiedenen Biersorten und danach zufällig noch Raclette. Das gab es anlässlich der Markteinführung einer neuen Sorte im wirklich schönen Biergarten-Innenhof.

Brauerei
In der {C}-Brauerei

Gleich ums Eck der Brauerei ist ein kleiner Waffelladen namens Une gaufrette saperlipopette. Ich kam an den zwei Tagen in Liège dreimal daran vorbei und immer standen Leute bis auf die Straße an. Als ich endlich einmal nicht mit der ganzen Gruppe unterwegs war, stellte ich mich an, um herauszufinden, was es denn dort alles gibt. Und während ich wartete, kam eine Mitarbeiterin und verteilte kleine Windbeutel (Brandteigkrapferl!) mit Hagelzucker an die Leute in der Schlange – gratis!

Für meine Gauffre de Liège mit Zimtsirup – die erste ihrer Art, die ich jemals gegessen habe – bezahlte ich letztlich 2,25€. Und wenn ich vorher gewusst hätte, wie gut sie ist, hätte ich mir gleich zwei davon gekauft. Nur nochmal anstellen war mir dann doch zu doof.

Waffel
Gauffre de Liège

Die Lütticher Waffeln zeichnen sich übrigens dadurch aus, dass der Teig mit Hefe statt wie bei uns üblich (s. Kokoswaffeln oder Champagnerwaffeln) mit Backpulver gelockert wird. Außerdem werden sie, anders als „unsere“ Herzwaffeln oder die rechteckigen Brüsseler Waffeln eher oval ausgebacken.

Nicht nur Bier und Waffeln gelten als belgische Spezialität, auch Schokolade gehört dazu. Schon bei meiner Reise nach Brüssel, Namur und Nancy vor zwei Jahren hatte ich mir eine kleine Schachtel Pralinen bei Galler gekauft. Seitdem ich dabei sortenreine Ganache probiert habe, bin ich zum ziemlichen Schokoladen-Snob mutiert. Nun ja, auch diesmal habe ich investiert…

Galler-Schokolade
Mittlerweile schon fast zur Hälfte aufgegessen: Pralinen und sortenreine Schokolade von Galler

Wenn ich schon bei gastronomischen Empfehlungen bin, muss ich unbedingt vom Pot au Lait schreiben. Davon habe ich leider keine Fotos (für gewöhnlich gehe ich nicht mit DSLR aus), was sehr schade ist, da die Einrichtung der Bar echt außergewöhnlich ist. Eine Mischung aus Geisterbahn, Fantasyfilm-Kulisse und Kaffeehaus der vorletzten Jahrhundertwende mit Plastikgartenstühlen beschreibt es ganz gut. Sehr sehenswert!

Auf dem Heimweg empfiehlt es sich, entlang der Maas zu spazieren. Die Brücken sind nämlich bunt beleuchtet und wechseln immer wieder ihre Farben, was sehr schöne Spiegeleffekte im Wasser ergibt.

Brücke
Brücke bei Nacht

Das wars von Liège – bald gehts weiter mit Amiens und noch mehr Nancy!

2 Gedanken zu „Eine Reise nach Liège“

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