„Grüner Veltliner in Gefahr? Wein und Klimawandel“ – Ö1 Moment Kulinarium

Zweigelternte beim Weingut Renner, Schafleiten, Gols, Burgenland
Zweigelt-Ernte beim Weingut Renner in Gols (Burgenland)

Als ich für meine „Weintrinken als Beruf“-Sendung im Mai recherchierte, meinte Willi Balanjuk sinngemäß, das wir alle in den nächsten Jahren noch sehr viel Grünen Veltliner genießen sollten, denn in Zukunft sehe es mit seinem typischen Geschmack düster aus. Knapp zusammengefasst sorgen höhere Temperaturen für mehr Zucker in den reifenden Trauben und das wiederum für mehr Alkohol und das wars dann mit dem leichten, frischen Grünen Veltliner. Schon hatte ich mein nächstes Thema: Weinbau in der Klimakrise.

Willi Bründlmayer am Heiligenstein, seiner besten Lage – die Reben in der schattenspendenden Lyraerziehung

Ende Juli, als es fast unerträglich heiß war, verbrachte ich dafür einen Nachmittag bei Willi Bründlmayer in Langenlois. Er übernahm das Weingut 1980 von seinen Eltern und wurde schon bald darauf – zufällig – auf die bevorstehende drastische Klimaerwärmung aufmerksam gemacht. Eine US-Weinjournalistin kam damals nämlich in Begleitung eines Klimatologen, der bis zum Jahr 2000 ein Grad Celsius Erwärmung für das damals ziemlich kühle Kamptal vorhersagte. Mittlerweile sind es schon beinahe drei Grad Celsius (übrigens im Detail auf der Webseite anzuschauen), und nicht nur dem Grünen Veltliner wird das zu warm. Willi Bründlmayer versucht deshalb alles mögliche, sein Weingut an die schwieriger werdenden Klimabedingungen anzupassen. Am Heiligenstein, seiner besten Lage, sind zum Beispiel ein paar Hektar Reben in der v-förmigen Lyraerziehung bewirtschaftet, sodass das Blattwerk die Trauben vor der starken Mittagssonne schützt. Die frühreifen Sorten in den höheren Lagen hat er durch Grünen Veltliner ersetzt, der sich dort mittlerweile sehr wohlfühlt, am Hangfuß wächst dafür der hitzeresistentere Rotwein Cabernet Franc. Und in Zukunft will Willi Bründlmayer seine Weißweinreben mit Agro-Photovoltaik beschatten, die nebenbei Strom für das Weingut erzeugt.

Stefanie Renner bei der Zweigelternte auf der „Schafleiten“ in Gols

Anfang September begleitete ich Stefanie Renner vom Weingut Renner & Rennersistas bei der Zweigelternte. Obwohl ihre Weingärten in einem der trockensten Gebiete des Landes liegen, hat sie sich gegen Bewässerung entschieden – der Neusiedler See sei ohnehin schon „tragisch“ niedrig, wie sie betonte. Sie versucht mit Begrünung den Boden feucht genug zu halten, wenn das nicht mehr hilft, legt sie Schilf darauf aus. Trotz der Hitze schlanke Rotweine herzustellen sei ihre „Hauptchallenge“, sie erntet schon ab Ende August – Wochen früher als ihre Eltern das taten – damit der Zuckergehalt der Trauben nicht zu hoch wird.

Mit Wein- und Obstbau-Professorin Astrid Forneck schlenderte ich durch den BOKU-Weingarten in Tulln. Sie zeigte mir Piwi-Sorten (pilzwiderstandsfähig!), Beschattungs-Experiment-Reihen mit Grünem Veltliner und einen überdachten Pinot-Noir-Versuchsaufbau mit dutzenden Töpfen voller Sensoren, die die Effekte verschiedener Wassermengen dokumentieren. Außerdem erzählte mir von Masterprojekten, die den Weingarten von 2050 imaginieren, und dass der „typische“ Geschmack bestimmter Rebsorten in Zukunft nur mit sehr großem Aufwand gehalten werden kann.

Zuletzt war ich noch bei Michael Edlmoser in Mauer im Süden Wiens (leider hatte ich meine Kamera nicht im Rucksack…). Er versucht trotz allem, so spät wie möglich zu ernten – das bedeutet nämlich mehr Zeit für lagentypische Aromen – und sieht den Wiener Gemischten Satz als das „beste Mittel“, um mit der Klimaerwärmung klarzukommen. Frühreife Sorten wie Müller-Thurgau finden darin immer weniger Verwendung, stattdessen stetzt er zum Beispiel auf Riesling, der viel feine Säure hineinbringen könne.

Hier noch ein paar Links zum Thema:

Die Sendung ist noch bis kommenden Freitag hier (und im Ö1 Kulinarium-Podcast!) nachzuhören.

Wie Winzer:nnen in Österreich auf den Klimawandel reagieren
Der Weinbau in Österreich steht vor großen Herausforderungen. Die Durchschnittstemperatur steigt, Spätfrost, Hitze, Dürre, Starkregen und Hagel werden häufiger. Die Wetterextreme können dem Ertrag schaden – und dem Geschmack. Zu viel Sonne sorgt für zu viel Zucker in den Trauben und letztlich für wenig Säure und einen hohen Alkoholgehalt – der fertige Wein schmeckt plump. Winzer Willi Bründlmayer aus Langenlois in Niederösterreich baut deshalb zum Beispiel an den heißesten Stellen seiner Weingärten keinen Grünen Veltliner mehr an. Stefanie Renner vom Weingut „Renner & rennersistas“ erntet wegen der hohen Temperaturen in Gols im Burgenland immer früher. Und Winzer Michael Edlmoser im Süden Wiens überlegt, die Zusammensetzung seines „Wiener Gemischten Satzes“ zu verändern. An der BOKU in Tulln forscht Weinbauprofessorin Astrid Forneck unterdessen daran, , wie Reben widerstandsfähiger werden.

Ö1 Moment Kulinarium, 23.9.2022, 15.30h (25 Minuten)


Hi, ich bin Jana.
Seit 2009 veröffentliche ich hier wöchentlich Rezepte, Reiseberichte, Restaurantempfehlungen (meistens in Wien), Linktipps und alles, was ich sonst noch spannend finde. Lies mehr über mich und die Zuckerbäckerei auf der About-Seite.

Meine Beiträge für Ö1:
Radio

Meine Sketchnotes:
jasowieso.com

Creative Commons Lizenzvertrag

IMPRESSUM

DATENSCHUTZERKLÄRUNG

Newsletter

Meine Lieblingslinksammlung Zuckersüß wöchentlich direkt in deinem Postfach!

Powered by Buttondown. Ohne Tracking!

Rechtliche Angelegenheiten

Impressum
Datenschutzerklärung
Creative Commons Lizenzvertrag
Alle Bilder und Texte der Zuckerbäckerei sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Wenn du Fragen zur Verwendung meiner Inhalte hast, schreib mir einfach eine E-mail. Danke!

Kategorien

Tags

Archiv

Zuckersüß

Im Zuckersüß sammle ich (fast) jeden Sonntag meine liebsten Links der Woche: Rezepte für die Nachback-Liste, lesenswerte Blogposts, Zeitungsartikel und Longreads, Podcasts oder Musik, die mir gerade gefällt und oft genug auch Internet-Weirdness. Außerdem schreibe ich auf, was ich sonst so interessant fand: neue Rezepte in meiner Küche, Lokale, in denen ich gegessen, Pullover, die ich gestrickt oder Texte, die ich geschrieben habe.