Eine Ode an RSS-Feeds. und: legt euch einen Feedreader zu!

Der schöne Winterwald auf dem Foto hat mit dem Thema dieses Posts nix tun tun, nur ist mir für dieses wichtige Thema leider kein passendes Stockmotiv eingefallen…

Vergangene Woche schaute ich mal tiefer in in meinen Feedreader und musste feststellen, dass die Feeds von 56 meiner 317 abonnierten Blogs nicht mehr erreichbar sind. Ich klickte mich nach und nach durch, und tatsächlich sind einige davon einfach vom Netz gegangen. So erstaunlich ist das nicht, weil ich die ersten davon bereits 2008 oder 2009 abonniert hatte – so lange halten nicht viele Blogs durch. Doch eine nicht unerhebliche Zahl dieser 56 Blogs hatte einfach keinen auffindbaren Feed mehr!

Das veranlasste mich zu mitternächtlichem Rage-Tweeten (eigentlich nicht unbedingt mein Genre):

Durch ein bisschen mehr Rumgeklicke fand ich heraus, dass die meisten noch existierenden Blogs ohne Feed (fast alle davon waren Foodblogs) zu Squarespace umgezogen waren. Klaudia Zotzmann-Koch (die übrigens mal in meinem Podcast zu Gast war!) las sich dann durch die Doku dieses Webseitenbaukastens (Blogs waren meines Wissens nicht das Ursprungsgeschäft von Squarespace) und gab mir auf Twitter einen Tipp zur Standard-Feedadresse, mit der ich tatsächlich einige austüfteln konnte (yay!).

Doch die ganze Angelegenheit beschäftigt mich trotzdem noch, denn: Was heißt es für die „Blogosphäre“ und das ganze freie Internet an sich, wenn ein, zugegeben ziemlich alter, aber offener Standard wie RSS einfach in Vergessenheit gerät und kaum jemand stört sich daran?

Ich glaube, ich muss ein bisschen ausholen…

Was ein Blog ist, musste ich beim Start der Zuckerbäckerei im Jahr 2009 noch sehr oft erklären. Mittlerweile ist „Blogger_in“ ein inflationär verwendeter und (vor allem in der weiblichen Form) oft abwertender Begriff für alle möglichen Leute, die content ins Internet stellen, und wenn es nur auf Instagram ist. Weil ab ~2012 (gefühlt jedenfalls, vielleicht auch schon früher) immer mehr Leute schnell Geld mit dem Bloggen verdienen wollten, ging es oft sehr bald nur noch um möglichst suchmaschinenoptimierte Inhalte und sponsored posts (to be fair: schwarz-weiß ist das natürlich nicht, s. Früher war alles besser™ – DasNuf). Oberflächlich entstand ein unsäglicher Einheitsbrei, vor allem, was Foodblogs angeht (s.a. Why Google’s recipe results are meaningless. – Slate).

Blogs sind super

Was Blogs (für mich) so großartig macht, geriet im „Mainstream“ zeitgleich in Vergessenheit:

Erstens: Jede_r kann bloggen. Berühmt zu sein, um damit anzufangen ist nicht nötig und berühmt oder reich zu werden auch nicht notwendigerweise das Ziel (s.a. Small b blogging – Tom Critchlow, enthusiasts and nerds and hobbyists – Rebecca Toh, Bloggen ist Abfall – 2-Blog). Je nach technischem Wissen und Motivation läuft ein Blog nach einer handvoll Klicks auf blogger.com (so begann die Zuckerbäckerei!) oder selbsgehostet und vielleicht sogar ohne CMS (dafür mit einem Static Site Generator wie Jekyll, an dem ich mich mal versucht, aber schließlich aufgegeben habe).

Und zweitens: Diese Vielfalt an Blogger_innen kann den Leser_innen, zumindest theoretisch, unendlich viele neue Perspektiven eröffnen. Ich zum Beispiel las anfangs nur Food- und Lifestyleblogs, durchs weiterhangeln von Link zu Link und Blog zu Blog ist mittlerweile von Feminismus über Tech, Linguistik, Politik, Handarbeit und Literatur echt alles mögliche dabei.

Feedreader zum Blogs-Lesen sind noch superer

Täglich/wöchentlich/monatlich dutzende oder gar hunderte Blogs abzuklappern ist allerdings nicht praktikabel, weshalb ein Feedreader ein unersetzliches Tool für (Viel-)Blogleser_innen ist.

Ich selbst nutzte zuerst jahrelang den Google Reader, dessen Einstellung 2013 mich mehr aus der Ruhe gebracht hat als meine Führerscheinprüfung. Danach stieg ich zu Feedly um und blieb aus Bequemlichkeit dabei. In den letzten 11 oder 12 Jahren habe ich einfach alle Blogs, die mir nur irgendwie interessant erschienen, abonniert. Hier ein kleiner Auszug:

screenshot feedly
Foodblogs, persönliche Blogs, Online-Magazine, Autoren-Webeiten und sogar Newsletter – alles an einem Ort!

In einem Feedreader sammeln sich alle veröffentlichten Posts der abonnierten Blogs chronologisch und (mit wenigen Ausnahmen) komplett werbefrei. Nachdem ich 2013 einfach meinen GoogleReader-Account zu Feedly migriert habe, ist davon auszugehen, dass ich trotzdem sehr genau getrackt werde, aber das ließe sich auch halbwegs leicht umgehen (einfach keinen Google-Account nutzen und evtl. einen privacy-friendly Feedreader auswählen).

Social Media frisst das Web

Nun aber zu meinem eigentlichen Punkt: Ich könnte diesen ganzen Blogger_innen auch auf Social Media folgen (tatsächlich tue ich das in vielen Fällen auch) und darauf hoffen, dass sie dort Hinweise auf neue Blogeinträge posten. Doch längst nicht alle Blogger_innen haben eine Social-Media-Präsenz und die, die eine haben, posten nicht immer Links zu allen ihren Blogposts. Vor allem unter Foodblogger_innen ist es üblich, auch „alte“ Blogposts auf Social Media zu bewerben, chronologisch ist das Ganze damit schon mal nicht.

Viel schlimmer als das ist allerdings die Funktionslogik der Social-Media-Plattformen. Sie sind in keiner Hinsicht wie RSS-Reader (Hoffnungen, dass Facebook zu einer Art Feedreader wird, wie Felix Schwenzel vor vier Jahren in ia, amp, rss, syndikation, bloggen schrieb, haben sich mittlerweile nachhaltig zerstört): Facebook, Instagram und Twitter im Default-Modus sind weder chronologisch noch werbefrei. Damit ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich alle neuesten Posts aller meiner „abonnierten“ Blogs finden und lesen kann.

Ziel dieser sozialen Netzwerke ist es nicht, Leser_innen auf alle Blogposts von deren Lieblingsblogger_innen hinzuweisen. Ihr Ziel ist es auch nicht, Blogger_innen mit deren Leser_innen zu verbinden. Ihr Ziel ist es vor allem, alle Nutzer_innen so lange wie möglich auf der eigenen Plattform zu halten, um so viel Geld wie möglich zu verdienen: Einerseits, indem Leser_innen-Daten an höchstbietende Werbenetzwerke verkauft werden, andererseits, indem Blogger_innen dafür zahlen sollen/müssen, dass ihre Leser_innen ihre Inhalte überhaupt zu sehen bekommen. Währenddessen stirbt das freie, offene Internet außenherum immer mehr aus (s.a. The Internet Is Dying. Repealing Net Neutrality Hastens That Death – NYTimes 2017), Clickbait-Schrott nimmt zu (s.a. RSS ist tot und das ist eine Schande – heise) Qualitätsmedien werden in den wirtschaftlichen Ruin gedrängt (s.a. The Truth Is Paywalled But The Lies Are Free – Current Affairs) usw usf.

Ich brauche mir nichts vormachen, Facebook, Twitter und Instagram sind 2021 wohl weiter verbreitet als RSS-Reader es jemals waren. Doch die Tatsache, dass einige Blogger_innen den ursprünglichen Vorteil der freien, offenen Abonnierbarkeit ihrer Blogs einfach unter den Tisch fallen lassen, schockiert mich sehr. Damit sorgen sie dafür, dass old-school-Leser_innen wie mir das Lesen ihrer Blogs erschwert/verunmöglicht wird. Pech, kann man nix machen?

Nein. Wenn das die einzige Konsequenz wäre, hätte ich diesen Blogpost hier nicht geschrieben, da reicht mitternächtliches Rage-Tweeten völlig aus.

In meinen Augen ist dieser klammheimliche Abschied vom Feed die endgültige Kapitulation vor Social-Media-Monopolisten. Denn die Blogger_innen, die keinen RSS-Feed mehr anbieten, liefern sich den Plattformen komplett aus. Wenn sie Leser_innen erreichen und Erfolg haben wollen, müssen sie nach den Regeln der Plattformen spielen. Dadurch wird die Vielfalt der „Blogosphäre“ tendenziell noch geringer, Nischenblogs verschwinden ganz und gar, und Monopolplattformen werden noch allmächtigere Gatekeeper, als sie eh schon sind. Und das schadet nicht nur den Leser_innen und Blogger_innen, sondern auch „dem Internet“ als ganzen.

Und jetzt?

Ich habe vielen der Blogger_innen, die scheinbar keinen Feed mehr haben, gemailt und sie auf das Problem hingewiesen.

Und ich habe mir vorgenommen, für Feed-Reader im Allgemeinen Werbung zu machen, also Freund_innen, Bekannte, aber explizit auch Leser_innen der Zuckerbäckerei von den Vorteilen dieser Technologie zu überzeugen. Also: Klickt euch doch einen Account bei Feedly, nutzt Thunderbird, oder irgendeinen anderen Dienst. Abonniert zum Beispiel die Zuckerbäckerei, eure liebsten Nachrichtenseiten und natürlich Blogs.

über den tellerrand
Über den Tellerrand

Wenn ihr nicht wisst, wo anfangen – Über den Tellerrand bietet vielleicht einen Startpunkt. In dieser Serie stelle ich Blogs zu Themen vor, die über die Foodblog-Bubble hinausgehen. Im ersten Teil (den ich vor vier Jahren geschrieben habe!) erkläre ich, warum ich das tue. Danach habe ich noch eine Sammlung mit Tagebuchblogs veröffentlicht, eine über Feminismus und eine zu Irgendwas mit Internet. In der Blogroll stehen meine liebsten Foodblogs, ganz aktuell ist sie aber nicht mehr.

Statt euch täglich durch die angeblich für euch „relevantesten“ Stories auf Insta zu swipen oder ewiglich auf Facebook zu scrollen, ohne auch nur irgendetwas Sinnvolles/Spaßiges mitzunehmen, könnt ihr euch mit einem Feedreader direkt durch eure liebsten Blogs und Webseiten lesen – ohne Pop-Ups, Werbung oder anderen nervigen aufmerksamkeitshaschenden Müll.

Nachtrag: Bei Podcasts ist das freie Web noch halbwegs gut dabei, doch Spotify tut auch alles, um Monopolplattform zu werden (s. a. Plattformkapitalismus erobert den wilden Podcast-Westen – DLF Kultur), deshalb ladet euch doch gleich noch einen Podcatcher (z.B. AntennaPod, ApplePodcasts, GooglePodcasts, etc) herunter und hört eure Podcasts dort ohne walled garden und (fast) ohne Werbung und Tracking!

Noch ein Nachtrag: Der Trend zu Newslettern in den letzten paar Monaten (Jahren?) hat auch damit zu tun, dass Social Media aufgehört hat, ein gutes Ökosystem für Blogger_innen/Schreibende und Leser_innen zu sein. In meinen Augen sind sie allerdings ein schlechter Ersatz für Blogs: Sie ermöglichen erst recht wieder super viel tracking und targeting und sorgen ebenfalls für „Silo-Bildung“, da sie nicht immer offen zugänglich und durchsuchbar sind, sondern nur im Mail-Posteingang stattfinden – Archive und Links anderswohin gibt es nicht immer. Außerdem bahnt sich auch in der Newsletterwelt die Plattformisierung und Monopolisierung an (s.a. Is Substack the Media Future We Want? – The New Yorker). Substack bietet im Gegensatz zu TinyLetter oder MailChimp immerhin per default auch die Möglichkeit, einzelne Newsletter per RSS zu abonnieren, doch glücklicherweise hat diese Plattform den Markt noch nicht ganz übernommen…



Hi, ich bin Jana.
Seit 2009 veröffentliche ich hier wöchentlich Rezepte, Reiseberichte, Restaurantempfehlungen (meistens in Wien), Linktipps und alles, was ich sonst noch spannend finde. Lies mehr über mich und die Zuckerbäckerei auf der About-Seite.

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Zuckersüß

Im Zuckersüß sammle ich (fast) jeden Sonntag meine liebsten Links der Woche: Rezepte für die Nachback-Liste, lesenswerte Blogposts, Zeitungsartikel und Longreads, Podcasts oder Musik, die mir gerade gefällt und oft genug auch Internet-Weirdness. Außerdem schreibe ich auf, was ich sonst so interessant fand: neue Rezepte in meiner Küche, Lokale, in denen ich gegessen, Pullover, die ich gestrickt oder Texte, die ich geschrieben habe.

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