gelbe ahornblätter vor grauem himmel

Zuckersüß 383

…mit Terror in Wien, einem Rassisten auf der Straße, Abendessen vom Mamamon, viel Radioarbeit– und wie immer, den besten Links der letzten Tage.

Nun, diese Woche war wirklich schlecht, selbst für 2020-Verhältnisse. Ein neuer „Lockdown“ mitsamt Ausgangsbeschränkungen, viel zu viel Dunkelheit und dann auch noch ein Terroranschlag in meiner Stadt. Wie wahnsinnig schnell der dank nahezu explodierender Corona-Neuinfektionen und den US-Wahlen aus der medialen Aufmerksamkeit verschwand, wunderte mich nicht besonders, brachte mich aber doch (zusätzlich) aus dem Takt.

Schwerbewaffnete (Militär-)Polizisten, die über Wien verteilt (und direkt vor meinem Arbeitsplatz, dem ORF-Funkhaus) standen, erinnerten mich auf unangenehme Weise an Rabat. Dort patroullierten ab Ende 2014 in der ganzen Stadt maschinenpistolentragende Polizisten, zur Terrorabwehr. Mein persönliches Sicherheitsempfinden war und ist durch so viel Waffenpräsenz alles andere als gesteigert. Und das Wien, in dem ich mich zu jeder Zeit überall sicher gefühlt habe, ist damit dahin.

„In die Küche gehen und was Backen“ (+Social Media aus) stellte sich als halbwegs erfolgreiche Copingstrategie heraus, und die enstandenen Cookies (Chocolate Chip Tahini nach David Lebovitz) schadeten auch nicht. Sie waren aber ziemlich schnell aufgegessen, also machte ich im Laufe der Woche noch Chocolate Molasses Cookies nach Alison Roman und Grießschmarren nach Katha Seiser (Rezept hier im Blog).

Ein FPÖ-Kartenhaus und ein Rassist

Am Freitag bin ich auf einem Spaziergang an der Galerie 12-14 in der Schleifmühlgasse vorbeigekommen. In der Auslage: Ein Kartenhaus aus FPÖ-Wahlplakaten. Während mein Begleiter und ich uns über die Videoinstallation daneben amüsierten, fing ein vorbeigehender Mann an (er gab sich als 66-jähriger selbstständiger Schlosser aus der Nachbarschaft aus) , lautstark über die „Taliban“, „IS“, „die Muslime“ und „den Terroristen vom Montag“ zu schimpfen. Jegliche Hinweise, dass die Gleichung Muslim=Terrorist alles andere als wahr ist, dass ein Großteil des FPÖ-Programms einfach nur rassistisch sei, genau wie seine „Theorie“, dass Österreich „überfremdet“ werde, weil die Einheimischen keine Kinder mehr bekommen würden, kontertere er mit nur mehr rassistischem Blabla (Messerstechereien durch „Ausländer“ werden immer mehr, nichtmal die Namen/Nationalität von Kriminellen dürfte mehr in der Zeitung stehen etc) und, völlig aus dem Nichts, antisemitischem Blabla in Bezug auf Bruno Kreisky. Wir diskutierten noch ein paar Minuten weiter, irgendwann verabschiedete er sich mit den Worten „ihr Jungen seids ja alle verblendet“.

Nach dieser absurden (unsicher fühlte ich mich glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt, war ja nicht alleine unterwegs) Begegnung frage ich mich wirklich, wie man in so einer Parallelwelt landen kann – er erwähnte, dass er seit dem 11. September 2001 Berichte über „Ausländerkriminialität“ aus „heute“ und „Österreich“ sammelt (die beiden Gratiszeitungen gibt es erst seit 2004 bzw. 2006). Er bezeichnete „Strache und Gudenus und de olle“ noch als „Wappler“, aber FPÖ wählen würde er trotzdem, weil es die einzige Partei sei, die etwas unternehme gegen „muslimische Einwanderer, die sich nicht integrieren“.

Ich hoffe wirklich, dass diese rassistische Schimpftirade gegenüber wildfremden Spaziergänger_innen eine Ausnahme war – ich mag mir gar nicht ausmalen, wie dieser Typ sich gegenüber sichtbar muslimischen oder vom ihm als „ausländisch“ gelesenen Menschen verhalten würde (btw, zu diesem Thema lohnt es sich übrigens, @asmaaiad und @amaniabuzahra auf Instagram zu lesen).

Passant_innen zum Diskutieren anzuregen hat die Installation jedenfalls geschafft…

Bei der Ausstellung „Stimme der Vernunft“ steht das plakative Element in der Politik im Fokus, insbesondere Wahlplakate der FPÖ, die durch das Berliner Künstlerkollektiv Rocco und seine Brüder in Form eines Kartenhaus, welches in sich zusammen zu brechen scheint neu kontextualisiert werden.
Die Rhetorik der Plakate wird in gesteigerter Form weitergeführt durch eine Videoarbeit mit Sequenzen von öffentlichen Reden des Kandidaten der FPÖ für das Amt des Wiener Bürgermeisters 2020, Dominik Nepp.
Die Ausstellung findet unmittelbar nach dem Einbruch der Wiener FPÖ um 23 Prozent von 30 auf sieben Prozentpunkte statt. Das Kartenhaus symbolisiert diesen historischen Moment, nachdem der jahrelange Höhenflug der Partei, aufgebaut auf populistischer Rhetorik und dem Schüren von Ängsten, abrupt gestoppt wurde durch die sogenannte Ibiza-Affäre um Vizekanzler HC Strache.

– Galerie 12-14 contemporary

Mamamon

Obiger Spaziergang führte zum Mamamon in der Josefstadt, bei dem ich im ersten „Lockdown“ schonmal Abendessen bestellt hatte. Meine damalige Vermutung, dass vor allem das Pad Thai direkt vor Ort sehr viel besser schmecken würde als nach einer Lieferandofahrt durch ein paar Bezirke bestätigte sich sehr schnell. Doch bevor ich meine Stäbchen unbeholfen wie eh und je in die klebrig-süßen Nudeln (+ bestem Texturkontrast aus quietschigem Tofu, knackigen Sprossen und gehackten Erdnüssen) stochern konnte, mussten wir erstmal ziemlich lange warten. Vor dem Lokal bildete sich eine Ansammlung von einem dutzend Rad-Zustellern und anderen Kund_innen und in dem ganzen Chaos ging leider auch noch die Hälfte unserer Bestellung unter. Die „Cosmic Fries“ mitsamt „Curry peanut Sauce“ und der „Broccoli in Fish Sauce Vinaigrette“ fehlten, wie uns später auffiel, in der Papiertüte (aber auch auf der Rechnung).

Der Plan war, möglichst zeitnah, also auf der nächstbesten Parkbank zu essen. Ein paar Blocks weiter fanden wir schließlich einen natürlich leeren (Gastro-Betretungsverbot bis Ende November), aber offen zugänglichen Schanigarten in einem Beserlpark. Restaurantfeeling kam trotz Tisch und heller Straßenlaterne nicht so recht auf, denn es war einfach viel zu kalt. So kalt, dass ich die Nachspeise („Banana in Sweet Sticky Rice“) vorsichtshalber in meiner Jackentasche lagerte, damit sie nicht zu viel Kälte verlor. Langsam glaube ich, dass ich für (dieses) Thai-Essen auf Zeiten warten sollte, in denen die Gastronomie „normal“ funktioniert…

Im Radio

Für die gestrige Ö1-help-Sendung habe ich einen Beitrag übers Wollewaschen gestaltet und dabei Katharina Wessely vom Wollhabitat am Aumannplatz in Währing interviewt. Mit dem zugehörigen Artikel „Wolle richtig waschen“ wurde ich für ein paar Minuten zur „Wirtschaftsjournalistin“ – jedenfalls war der Text zu meiner Erheiterung ein paar Minuten in dieser Kategorie auf orf.at verlinkt.

Mittlerweile depubliziert sind meine Beiträge zum Ö1-Schwerpunkt „Kind Sein“ in der letzten Oktoberwoche. Dafür habe ich ein „Meisterstück“ über Philip Götz Spielzeugkonzertflügel gestaltet und eine Kulinarium-Sendung zum Thema „Kinder an den Herd“. Morgen um 15.30 Uhr läuft dann aber noch meine Sendung „Kein Einheitsbrei. Kochen für Menschen mit Kau- und Schluckbeschwerden„.

Hier folgen meine Lieblingslinks:

Rezepte

Salted Chocolate Chip Tahini Cookies – David Lebovitz
Am Montag ausprobiert.

Caramelised honey and tahini cookies recipe – BBC Good Food
Noch auszuprobieren.

Tahini Shortbread Cookies Recipe – NYT Cooking
Tahini schadet nie.

Semifreddo di Marroni. Mit Meringue, Gelato al Fior di Latte und Quittensirup. – Anonyme Köche
Wow.

Paste di Mandorle – Tinas Tausendschön
Plätzerl für übrige Eiweiße!

Moroccan Semolina and Almond Cookies Recipe – NYT Cooking
Bin nicht ganz sicher, was das marokkanische Vorbild dazu sein sollte – Ghriba (hier im Blog in einer Matcha-Version) sind es laut Auskunft eines marokkanischen Freundes schonmal nicht, obwohl ähnlich.

Cranberry Curd Tart Recipe – NYT Cooking
An dem Tag, als ich Cranberries im Kühlregal (leider furchtbar teuer…) sah, sprang mir dieses Rezept auf Insta ins Auge. Der Tarteboden ist noch viel erstaunlicher als der Cranberry Curd (weil wenns neben Zitronen auch mit Rhabarber oder Ananas klappt, wieso dann nicht auch mit diesen Früchten), denn er besteht aus Haselnüssen und Reismehl??

Reiszopfbrot nach Mandy Lee – Plötzblog
Am Montag mach ich mich auf die Suche nach 550er-Mehl, dieser Zopf hört sich nämlich super spannend an (auch wegen der langen Teigführung!).

Königsberger Spaghetti – Effilee
Beim Interview für das Ö1-Moment-Kulinarium „Kinder an den Herd“ von vergangenen Freitag erzählte mir Eddi Dimant vom Mochi, dass Königsberger Klopse seine Leibspeise waren, als er klein war. Das brachte mich auf die Idee selber mal welche zu kochen (zuletzt vor ~15 Jahren bei Oma gegessen), doch bevor es dazu kam, hatte ich dieses Rezept im Feed.

Egg Substitutes – for vegan recipes & baking
Izy Hossack listet hier 10 verschiedene Zutaten als Ei-Ersatz und welche „Fähigkeiten“ von Eiern sie in Rezepten ersetzen. Werd ich ab sofort jedem/r schicken, der/die behauptet, dass jedes Kuchenrezept mit gematschter Banane „veganisiert“ werden kann.

Pineapple and Sage Martini Cocktail Recipe – Punch
Salbei-Nelke-Ananas klingt nach einer abenteuerlichen Geschmackskombi!

Texte

Against ‘The Family’ | by Laurie Penny | Oct, 2020 | Medium
Der rhetorisch oft bemühte „Schutz der Familie“ ist oft auch ganz schön fragwürdig:

If the past nine months have taught us anything it is quite how much society relies on the vast amount of free caring and domestic work done within families, largely by women- work that, according to the logic of neo-conservatism, should be done silently, with a smile, and for free. When right-wing ideologues talk about ‘the family’ as a place of safety, they mean something specific, something that does not describe the experiences of most human beings over the course of recorded history. They mean a type of family that consists of a male breadwinner plus a wife and children who live according to his rules. They mean a type of family which, where it does exist, is rarely self-sufficient: the middle-class white family would collapse without the labour of poor, black, brown and immigrant women, who are invariably excluded from that ‘family’ ideal. Amy Coney Barrett’s large brood makes her a moral icon of white maternity. If Kamala Harris had seven kids, the conversation would be very different.

How Podcasts Became an Essential Medium – Vulture.com
Die This-American-Life-Ästhetik wurde auch schon in viele deutschsprachige Formate übertragen, aber mir ist noch kein Fall untergekommen, in dem das nicht seltsam bemüht herüberkam…

distinctive TAL aesthetic, which has proved both adaptable and resilient, has emerged as the sound of the podcast revolution. You know the style: the charming, earnestly inquisitive host; the narrative eddies and switchbacks; the hems and haws; the “tape everything” credo (by which you air not only the interview and the interview outtakes but the producer and the host discussing the interview outtakes and why they out-took them); the jangly musical interludes; the welcoming fireside tone.

How teenagers ended up operating crucial parts of England’s test and trace system | Coronavirus | The Guardian
WTF?

What this represents, without any public announcement, is not only a radical deskilling but also a further transfer of work from the NHS to the private sector. Level 2 contact tracers were health professionals employed by the NHS. Now they are call centre workers employed by Serco and Sitel. Public sector clinicians are replaced with unqualified private sector workers, on the minimum wage and eminently exploitable. Upon their judgments, our health, our freedoms, perhaps our very lives depend.

Artificial intelligence model detects asymptomatic Covid-19 infections through cellphone-recorded coughs | MIT News | Massachusetts Institute of Technology
Erstaunlich. (Und ganz schön technosolutionistisch, wenn man sich das zugrundeliegende Paper auch noch anschaut)

Without much tweaking within the AI framework originally meant for Alzheimer’s, they found it was able to pick up patterns in the four biomarkers — vocal cord strength, sentiment, lung and respiratory performance, and muscular degradation — that are specific to Covid-19. The model identified 98.5 percent of coughs from people confirmed with Covid-19, and of those, it accurately detected all of the asymptomatic coughs.

100 Jahre Theremin: Schaurigschönes von der Synthesizer-Mutter – news.ORF.at
Bei dieser Headline musste ich an den Zeitsprung-Podcast denken. Und dann fiel mir auf, dass das in der ersten Folge des neuen ZDF-Magazin-Royale (Thema: Verschwörungstheorien) auch eins im Einsatz ist!

In den 1960ern peppte der Sound des Theremins schließlich den Welthit der Beach Boys, „Good Vibrations“, auf, Led Zepplin ließ es in „Whole Lotta Love“ sirenenartig aufheulen. Auch andere bekannte Musiker wie Portishead, Goldfrapp und Björk setzten vorübergehend auf den Sound – bei anderen, beispielsweise Radiohead und Air, klingt es nur danach, so Chrysler: Ihre Synthesizer würden die Effekte des Theremins nur imitieren, weil es einfach so schwierig zu spielen sei.

Digitaler Nachlass: „Der Computer meiner Tochter ist eine Schatzkiste an Erinnerungen“ – Netzpolitik.org
Eine Mutter über die digitalen Spuren ihrer an Suizid verstorbenen Tochter:

netzpolitik.org: Die Profile von Lina bei Tumblr und Facebook sind weiterhin online.
Katrin: Ja, ich würde es nie fertig bringen, die stillzulegen. Dann wäre sie für mich tot. Auch der Gedenkzustand auf Facebook ist keine Option für mich. Am Anfang waren wirklich noch oft Freundschaftsanfragen da, da hab ich dann auch drauf geklickt. Also die laufen weiter und manchmal guck ich in Linas Seite rein. Weißt du, das ist wie eine Schatzkiste. Sie ist da, aber du musst sie nicht immer öffnen. Es ist einfach ein gutes Gefühl, zu wissen, dass sie da ist.

Wie Weikendorf über einen Helden von Wien denkt, den es nicht bei sich wollte | Moment. (via soulzeppelin)
Über Weikendorf und die ablehnende Haltung seiner Bewohner_innen gabs im Sommer auch eine tolle Hörbilder-Sendung von Claudia Gschweitl.

In Weikendorf winken die meisten Menschen ab, wenn sie auf die Vorfälle vor einem Jahr angesprochen werden. Sie sind immer noch genervt von der medialen Aufmerksamkeit, die sie bekommen haben. Eigentlich wollen sie nicht mehr darüber reden. Auch die Gemeinde lehnt einen Interviewtermin ab. Zu viel sei schon gesagt und geschrieben worden über den Vorfall, sagt ein Vertreter.Und viele denken, dass ein falsches Bild von ihnen gezeichnet wurde. „Es ist völlig absurd uns als ausländerfeindlich zu bezeichnen. Schau dich um, würden sonst so viele Jugos, Türken und – das darf man ja fast nicht mehr sagen – N**** bei uns leben?“, sagt ein Mann, der sich später als Gemeinderat zu erkennen gibt. Er sagt die Partei nicht dazu, aber es stellt sich heraus, dass er von der SPÖ ist.

Audio/Video

The Keep Going Song – The Bengsons (via @sue_reindke)
So schön!

Kräuter-Geschichten – Gemeine Schafgarbe | ARTE
Arte hat wirklich tolle Kurzvideo-Serien.

F.U.C.K. 003 Ein Job auf Zehenspitzen – feminismus und computer kram
Schön produzierte Podcastfolge über eine white hat Hackerin.

Foto

Herbst in Wien

Backkatalog: