
Café Kandl, Kandlgasse 12, 1070 Wien
Mitte Januar war ich seit langem mal wieder im Café Kandl. Mein letzter Besuch war offenbar 2023 (s. Zuckersüß 445), damals war noch Georg Böhm Küchenchef (von dem ich für eine Ö1-Kulinarium-Sendung 2022 viel über Oliven gelernt habe), doch schon seit ein paar Jahren liegt die Küche in der Verantwortung von Benjamin Prag. Der Vibe – sowohl vom Ambiente als auch von der Küchenlinie – scheint mir immer noch recht ähnlich: 7.-Bezirk-cool-und-schick.

Zum Ankommen wurde erstmal eine dampfend heiße, starke Brühe mit Schnittlauch serviert. Klare Suppe als Gedeck scheint grad sehr en vogue zu sein (s. z.B. auch bei Tohru in München im November) – bei den winterlichen Temperaturen der vergangenen Wochen schadets auch nicht. Dass wir zunächst Essen und für längeres Schmökern danach erst Drinks bestellen wollten, führte zu nicht ganz nachvollziehbarer Verwirrung seitens der Service-Leute. Ich suchte letztlich „wilden“ (Zitat) Pinot Noir von Claus Preisinger (10,80€) aus, weil ich den Puszta Libre vom gleichen Weingut so ins Herz geschlossen habe (s.a. Februar Dinnerparty).

Zum Snacken bestellten wir Brot und Butter (5€/Scheibe) und die wirklich guten knackig-grünen andalusischen Oliven (6,50€).

Die Faux Gras (16€) fand ich enorm cool: angetoastetes, buttriges Brioche mit kühlem Schwammerl-Radicchio-Paté und Rotweingelee. Ich habe für meine Februar Dinnerparty viel R&D in den Nachbau dieses Gerichts gesteckt und werde das Rezept bald mal hier veröffentlichen.

Grün- und Schwarzkohl, merklich über Kohle angegrillt, unter einer Haube von Krenschaum und frischen Kren (16€). Unscheinbare Zutaten, das beste rausgeholt.

Als Hauptspeise samtige Schupfnudeln (23€) mit festen Topinamburwürfeln und säuerlichen Schalotten in buttriger Sauce. Hat mich an die ebenfalls erinnerungswürdigen Taleggio-Schupfnudeln im Reznicek (2024) denken lassen.

Das Dessert-Konzept hat mir sehr imponiert: weicher Karotten-Walnuss-Kuchen (10€) unter „Karotten-Powidl“, d.h. kühlem, seidigen Karottenpüree mit Koriandersaat. Obendrauf dezidiert saures Sauerrahm-Eis. Randnotiz: Diese Spritztülle für flache „Banddekoration“ hat gefühlt ALLES übernommen, ich bin gespannt, wann diese ~Ästhetik~ durch etwas neues ersetzt wird.

Zum Schluss noch ein Painkiller (16€) in der Kandl-Version, d.h. mit u.a. ein bissl Bananenlikör, ich mochte ihn sehr (btw, für die klassische Version habe ich 2020 ein Rezept verbloggt).
Das Lokal hält echt was es verspricht: durchdachte, coole Bistroküche in hippen Interieur, dazu ~wilde~ Weine und ebenso wertgeschätzte non-alk-Alternativen. Die Preise sind meiner Meinung schon am oberen Ende (5€ für eine Scheibe Brot ist eine Ansage), aber nicht ungerechtfertigt fürs Gesamtpaket.

Das Publikum ist gut getroffen im Bild dieser (vermutlich) US-Amerikanerin, die ihr weißes Schoßhündchen auf ihrer weißen Daunen-Pufferjacket am Boden an der verspiegelten Bar chillen ließ. Und: Für die Männer (inkl. Gastgeber) gilt in diesen Breiten offenbar strikter Haube-und-Hoodie-Dresscode.

Hi, ich bin Jana. Seit 2009 veröffentliche ich hier wöchentlich Rezepte, Reiseberichte, Restaurantempfehlungen (meistens in Wien), Linktipps und alles, was ich sonst noch spannend finde. Ich arbeite als Redakteurin bei futurezone.at, als freie Audio-/Kulinarikjournalistin und Sketchnoterin. Lies mehr über mich und die Zuckerbäckerei auf der 

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