„Le pays des autres“ – Leila Slimani

Dieser Roman ist mir im Sommer in der Buchhandlung im Schanzenviertel in Hamburg in die Hände gefallen. Er war gerade auch auf Deutsch (Das Land der Anderen, Luchterhand Verlag) erschienen, die Hardcoverausgabe war aber weit teurer als das Taschenbuch in Originalsprache. Außerdem hat Gallimard folio ein wirklich praktisches Format – anders als die meisten in Deutschland verlegten Taschenbücher passt es auch in meine Jackentasche. Mit der Aussicht auf halbwegs viel Freizeit beschloss ich, Geld zu sparen und gleichzeitig die Herausforderung des fremdsprachigen Romans anzugehen. Endlich mal ein französisches Buch fertiglesen, das wärs (ist mir vorher nie gelungen, auch nicht in den annähernd zwei Jahren, die ich in französischsprachiger Umgebung gelebt habe). Und, Spoiler: ich habs geschafft!

Ich mochte den Roman sehr. Er enthält viele verschiedene Perspektiven und zeichnet weder persönliche Beziehungen noch politische Konflikte schwarz-weiß. Als Leser_in begleitet man die Figuren ins jeweilige Land der Anderen – Frankreich, Marokko, Stadt, Land und so weiter. Die historische und räumliche Einbettung fand ich natürlich auch interessant, weil ich durch meine vierzehn Monate in Marokko ziemlich viel Bezug zum Land habe. Oft genug hatte ich die Orte im Kopf, die die Figuren im Buch besuchen – die Beschreibung der Nouvelle Ville von Rabat (das ehemals „französische“ Stadtzentrum) finde ich ziemlich treffend, mal abgesehen von den Frauen mit Handschuhen und Hüten. Die Stadt ist immernoch halbwegs klein, hell, sonnig und zumindest in manchen Gegenden ziemlich elegant.

Rabat était une petite ville, blanche et solaire, dont l’élégance surprit Mathilde. Elle contempla avec ravissement les façades art déco des immeubles du centre et elle colla son nez contre la vitre pour mieux voir les jolies femmes qui descendaient le cours Lyautey, leurs gants assortis à leurs chaussures et à leur chapeau.

Seite 20-21
Avenue Mohammed V
Der Cours Lyautey heißt heute Boulevard Mohammed V (Foto von meinem letzten Besuch in Rabat 2017)

Es geht um Mathilde aus dem Elsass, die am Ende des zweiten Weltkriegs Amine, einen marokkanischen Soldaten der kolonialfranzösischen Armee heiratet. 1946 zieht das Paar nach Marokko, anfangs in Amines Elternhaus, ein Riad in der Medina von Meknes.

Ich fand es lustig, dass die Hauptfigur anfangs genauso Darija gelernt hat wie ich: in der Küche.

C’est dans la cuisine que Mathilde apprit l’arabe. Elle finit par s’y imposer et Mouilala accepta qu’ell s’assoie pour regarder. On lui lançait des clins d’oeil, des sourires, on chatait. Elle apprit d’abord à dire tomate, huile, eau et pain. Elle apprit le chaud, le froid, le lexique des épices, puis vint celui du climat: sécheresse, pluie, gel, vent chaud et même têmpete de sable.

Seite 35

Dort trifft sie auf ihre Schwiegermutter Mouilala, die sie nicht dahaben möchte (in ihren Augen ist eine Europäerin, die schreiben kann, „zu gut“ für die Küche) und Selma, die Schwester ihres Ehemannes, die mit dem starren Rollenbild ihrer Mutter (die das Haus niemals alleine verlässt) nicht klarkommt. Ihre Geschichte ist wohl eine der tragischsten im Buch, kaum erlangt die junge Frau ein bisschen Autonomie, wird sie ihr schnell und nachhaltig wieder entzogen.

Parfois, la jeune fille avait envie de hurler au visage de Mouilala et aussi de Yasmine, la servante, et elle considérait que les deux femmes étaient également esclaves, peu importait que l’une ait acheté l’autre au marché. L’adolescente aurait tout donné pour une serrure et une clé, pour une porte fermée sur ses rêves et ses secrets. Elle priait pour que le destin lui soit favorable et qu’un jour elle puisse s’enfuir pour Casablanca et se réinventer. Comme les hommes qui criaient « Liberté! Indépendance! », elle criait « Liberté! Indépendance! », mais personne ne l’entendait.

Seite 134

Mathilde und Amine ziehen aufs Land, um einen geerbten Hof zu bewirtschaften. Sie bekommen eine Tochter, Aicha, und einen Sohn, Selim. Ihr Leben ist karg und bietet wenig Abwechslung. Mathilde ist jung, emanzipiert und lebenslustig und fühlt sich deshalb in ihrer Umgebung, im Land der Anderen, und später auch ihrer (teilweise gewalttätigen) Ehe eingesperrt.

Anfang der 1950er werden die Spannungen zwischen der französischen Kolonialmacht und der marokkanischen Unabhängigkeitsbewegung stärker und zeigen sich auch im direkten Umfeld der Hauptfiguren. Amines Bruder wird militanter Widerstandskämpfer, Aicha wird an der französisch-katholischen Schule gemobbt, weil sie „zur Hälfte marokkanisch“ ist. Die rassistische Ungerechtigkeit des Kolonialregimes und die gleichzeitige Überheblichkeit der französischen Bevölkerung zeigt sich zum Beispiel bei einer Rückblende auf Mouilalas und Selmas Zugfahrt nach Rabat im Jahr 1942. Sie dürfen nur wegen eines militärischen Sonderpapiers (Amine war in Kriegsgefangenschaft geraten) erster Klasse reisen und werden dort unterirdisch behandelt:

Omar installa sa mère et sa petite soeur dans un compartiment de première classe où deux Françaises étaient assises. Elles se mirent à chuchoter. Elles semblaient s’étonner qu’une femme comme Mouilala, avec ses bijoux aux chevilles, ses cheveux teints au henné et ses longues mains calleuses, puisse voyager à leur côté. La première classe était interdite aux indigènes et elles n’en revenaient pas de la bêtise et de l’impudence de ces analphabètes. Quand le contrôleur entra dans le wagon, elles ne purent retenir un frisson d’excitation. « Ah, cette comédie va cesser, pensèrent-elles. On va lui montrer où est sa place à la fatma. Elle croit qu’elle peut s’asseoir n’importe où mais il y a des règles quand même. » Mouilala tira de sous son haik ses billets de train ainsi que le papier militaire portant mention de l’emprisonnement de son fils. Les deux Françaises […] ne pouvaient supporter le spectacle de cette femme tout en voile.

Seite 128-129

Die Französinnen machen sich darüber lustig, dass Mouilala kein französisch spricht und dass die junge Selma Khol unter den Augen hat. Ihr älterer Bruder Omar verbietet ihr darauf sogleich unter Gewaltandrohung sich zu schminken – struktureller Sexismus und Rassimus tauchen im Buch sehr oft auf.

« La vieille ne parle pas le français. Tu penses bien! « La Française était dépitée. Elle avait perdu là une bonne occasion de souligner sa supériorité. Si cette indigène ne comprenait pas, ça ne servait à rien, elle n’allait pas essayer de l’éduquer.

Seite 130

Mathilde als Französin, die in eine marokkanische Familie auf dem Land eingeheiratet hat, eigentlich freiheitsliebend und am Ende gefangen in marokkanischen Gesellschaftsvorstellungen, sitzt während der Unabhängigkeitsbewegung zwischen den Sesseln. Am Ende ist es ihre Tochter Aicha, die klar Position ergreift.

Diese Besprechung von Birthe Mühlhoff in der SZ verrät viel Hintergrundinfo zur Autorin.

Leila Slimani: Le pays des autres. Éditions Gallimard Collection Folio, 2021. 416 Seiten.



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