
Übers Pfingstwochenende war ich zum ersten Mal in London. Meine Motivation dort hinzufliegen war einerseits, dass ich schon sehr lange nicht mehr an einen für mich unbekannten Ort gereist bin. Andererseits wollte ich UNBEDINGT mal ins V&A-Museum (darüber, und übers Tate Modern habe ich schon in Zuckersüß 532 geschrieben). Vittles, eine der coolsten Food-Publikationen derzeit (sowohl von der inhaltlichen Ausrichtung und dem Redaktionsteam als auch bezogen auf seine Standards – sie scheinen vernünftig zu zahlen), hat mir außerdem große Lust gemacht, mich einmal durch London zu essen.
Angesichts der Größe der Stadt funktionierte das binnen eines Wochenendes natürlich nicht besonders gut, denn ich kam geografisch nicht über das Zentrum hinaus. Muss wohl nochmal hin, irgendwann?
Ich hatte übrigens erwartet, dass das sehr teuer werden würde, aber wenn ich mir meine Kreditkartenabrechnung im Nachhinein anschaue, muss ich sagen: In Wien hätte ich in vergleichbaren Lokalen wohl genauso viel Geld gelassen.

Bei Kova in Soho – wir sollten noch viele weitere Standorte dieser japanischen Pâtisserie entdecken – haben wir nach der Ankunft erstmal Eisgekühltes bestellt. Für mich eine Matcha Latte mit Hafer (6£, wenn ich mich recht erinnere).
Impala

Impala, 13-14 Dean Street, Soho
Dieses recht neue, vage nordafrikanische Restaurant mit tausend Tellern zum Teilen hat Matt von Web Curios vorgeschlagen und ich war sehr begeistert (abgesehen vom Lokal: internet friends IRL treffen ist so cool!).


Wir hatten Kibbeh aus Krabbe und Weizen in einem Shisoblatt (7£/Stück), ein gut scharfer Start. Zum Aish Baladi (6£), einem Vollkornfladenbrot frisch aus dem hinter mir loderenden Holzofen, gab es Olivenöl mit einem Klecks Harissa. Zusätzlich bestellten wir einen weiße-Bohnen-Dip mit gedünsteten Wildkräutern und Bottarga (8£).
Auf dem Bild nicht im Fokus, aber trotzdem ziemlich gut: die Pastilla, cull yaw pastry (9£). Mein Vokabular war hier am Ende, bei cull yaw handelt es sich um alte weibliche Schafe. Deren Fleisch war mit Walnuss faschiert in Blätterteigdreiecke gewickelt, das frittierte Gebäck anschließend mit Puderzucker und Asche bestäubt. Zum Eintunken gabs einen fruchtigen Dip, der mich an Powidl erinnerte.


Dummerweise ohne Foto: die leicht tomatige, leicht scharfe bird’s tongue pasta (14£), d. h. Orzo-Risotto mit geschmortem Ochsenschwanz. Ebenfalls klar erinnerungswürdig waren die sauer eingelegten Mini-Zucchini mit Artischocken, Brennessel, Schafsjogurt und irgendeinem Kräuterstaub.
Als mein liebster Teller stellte sich schließlich aber der rauchig gegrillte Tintenfisch, abermals mit hellen Mini-Zucchini, Grünzeug (Shiso, Minze, Fenchel), grünen Oliven, Kreuzkümmel und Harissa (16£) heraus.
Zur Rechnung gabs Erdbeergelee mit Hollerblütenzucker.

Der Hype um das Impala scheint mir sehr berechtigt. Die Küche ist super – man könnte sogar hineinschauen, säße man nicht wie ich mit dem Rücken dazu – der Service ist sehr zuvorkommend und als Wien-Gastro-Erprobte finde ich auch die Preise fair. Einziger Kritikpunkt: in dem hip-eleganten Beton-und-Holz-Ambiente ists ziemlich laut, erst recht durch den gechillten Reggae, der dazu läuft.
Btw, Jonathan Nunn hat für Vittles über das Lokal, und den Kontext, aus dem es stammt, geschrieben: Same Impala.
Dishoom King’s Cross

Dishoom King’s Cross, 5 Stable St, N1C 4AB
Dieses Restaurant begegnete mir in der Vorrecherche zu London ständig und nach meinem Besuch dort verstehe ich, wieso es so eine Institution geworden ist: Einerseits ist es eine durchdesignte experience, durch die man durchgeleitet wird, andererseits ist es RIESIG. Konzeptuell lehnt es sich an das kolonial-britische Indien an, architektonisch verweist es auf die Hallen eines Frachtbahnhofs. Durch dunkles Holz und schummrige Beleuchtung fühlte es sich trotz der hunderten Menschen, die an diesem Freitagabend dort waren, nicht überfüllt an.
Nach der Begrüßung am Empfangstresen wurden wir erstmal mit einem dieser Blinke-Dinger, wie sie Vapiano bei uns populär gemacht hat, in den Keller geschickt. Dort befindet sich die verspiegelte Bar, der Permit Room.

Wir bestellten Passionfruit Sherbet (6,70£) mit Koriander, Minze und Limette und Kalakhatta Sherbet (6,70£) mit Kokum, einer mir völlig unbekannten Frucht. Geschmacklich lag sie irgendwo in der Nähe von karamelligem Apfel und Beeren. Nach kaum zwei Schlucken wechselten wir allerdings schon von den Barhockern im Keller zu einem von Paravents abgetrennten kleinen Tisch im „Family Room“ zwei Stockwerke darüber.
Zu unseren Drinks holten wir uns zunächst Snacks, nämlich Lamm-Samosas (8,70£), die ganz ok waren und knusprige panierte Okraschoten (7,90£). Dazu kamen drei Dips – Koriander, Chili und süße Tamarinde.



Mein Favorit bei den Hauptgerichtet war das Chicken Berry Britannia (18,90£). Unter lockerem, SEHR buttrigem Reis, der stellenweise scharf gewürzt war, und einer handvoll getrockneter Cranberries versteckte sich gebratenes Hendl. Als Kontrast dazu Raita (5,50£) mit Minze und Gurke.



Wir hatten als weitere Beilage warmes Garlic Naan (5,60£), dessen höchst elastische Teigstruktur mich sehr verwundert hat und dazu Warm Aubergine Chutney (3,90£), das süß und warm (Koriander?) gewürzt, aber leider auch versalzen war. Und noch ein Teller stand auf unserem kleinen Tisch: Chilli Broccoli Salad (8,50£) mit Minze, Paprika, Sonnenblumen- und Kürbiskernen, Pistazien, Datteln und Limette.


Das wahre Highlight des Abends war die Alphonso-Mango, für die es sogar eine extra-Karte gab. Von dieser Frucht habe ich schon viel gelesen, in echt gesehen oder gar probiert hatte ich sie zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Im Dishoom wurde sie aufgeschnitten (6,50£) mit einer Kugel Vanilleeis (2,20£) serviert. Ich war nachhaltig fasziniert vom Geschmack: super süß, blumig, aber ätherisch-scharf und die Konsistenz fast wie Honigmelone.
Aux Merveilleux de Fred

Aux Merveilleux du Fred, 88 Old Brompton Road, SW7 3LQ
Auf dem Weg zum V&A brauchten wir ein zweites Frühstück und spazierten daher ins nahegelegene Aux Merveilleux de Fred. Die Bäckereikette hat sich auf Merveilleux – Meringue gefüllt mit Creme – spezialisiert, verkauft aber auch super fluffige Brioche mit Rosinen.
Tozi Pizzeria & Chiccetti Bar

Tozi Pizzeria & Chiccetti Bar, 3a Electric Boulevard, SW11 8BJ
Wegen eines nicht enden wollenden Staus, der uns 45 Minuten lang in einem unklimatisierten Doppeldeckerbus gefangen hielt, verloren wir eines Nachmittags beinah die Nerven und retteten uns dann zu Fuß in die Battersea Power Station. Die noble Mall erinnert architektonisch an das Tate Modern und beherbergt u. a. die Apple Headquarters. In den Bars außenherum wirkte das Klientel dementsprechend zahlungskräftig, was zu den Preisen in den Speisekarten passte. Wir kehrten in der Tozi Pizzeria & Chiccetti Bar ein, die einen schönen Schanigarten und enorm stylisches Interior hat.
Die Foccaccia war gut, aber sehr ölig, die grünen Oliven knackig und die sechs gegrillten grüne Spargelstangen on point. 26 Pfund dafür und eine 0,75-Liter-Flasche importiertes Wasser fand ich aber schon happig.
Miel bakery

Miel Bakery, 60 Warren Street, W1T 5NU
Die Miel Bakery nennt sich selbstbewusst London’s Best Bakery und die Plundergebäcke, die ich dort probiert habe, verdienen diesen Titel. Ich hatte ein Kardamom-Bun, es gibt auch allerlei herzhaft gefüllte Buttergebäcke.
Noble Rot Lamb’s Conduit

Noble Rot Lamb’s Conduit, 51 Lambs Conduit Street WC1N 3NB
Das Noble Rot Weinmagazin ist mir als Indie-Magazin-Nerd (s. z. B. meine Ö1-Sendung zum Thema „Lesestoff aus der kulinarischen Nische“ von 2022 oder mein Magazinliebe-Post von 2020) schon lange ein Begriff, es liegt meines Wissens auch in ein paar einschlägigen Wiener Läden auf (z.B. im Meinklang in 1050). Dass es dazu aber auch mehrere Restaurants bzw. Weinbars gibt, die sich auf Modern British Cuisine spezialisiert haben, habe ich erst in meinen Recherchen zu Londons Gastroszene erfahren. Weil es mir so oft empfohlen wurde, reservierten wir im Haupthaus, Noble Rot Lamb’s Conduit.
Das düstere Lokal mit viel dunklem Holz, ganz ohne Musik und beeindruckend großer Liste an offenen Weinen auf einer Schiefertafel war an diesem Samstagabend nicht komplett ausreserviert. Um uns herum schienen in größeren Runden besondere Ereignisse gefeiert zu werden – wir waren klar die jüngsten Gäste.


Ins Menü starteten wir mit Rosmarin-Foccaccia, die quasi in Olivenöl schwamm (ist das ein Ding in London?), knusprigem, gut gesäuerten Mischbrot und kühler gesalzener Butter (6£). Der Leaf Salad (10£) mit geviertelten Radieserln, nur in Olivenöl und Salz angemacht gab nicht sehr viel her.



Mein liebster Teller waren die Duck & Pork Rillettes (£16): würzig und fettig-reichhaltig auf die gute Art und Weise, mit knackigen sauren Cornichons, weichen süßen Datteln und dem Brot von vorher, nur diesmal hart an der Grenze zu verbrannt getoastet. Raw Diver Scallop, Ajo Blanco, Pomelo de Corse & Fennel (£19) war das komplette Gegenteil zu den Rilettes: kühl und zart und cremig, und eine Erinnerung daran, dass wir ja auf einer Insel waren.
Im Wein fotografieren und beschreiben bin ich notorisch schlecht, aber wir hatten dazu jeweils ein Glas Roten: 1/8 Vina Zorzal, Garnacha 2023 Sea of Dreams (9£) und 1/8 Morgues du Gres Costieres de Nimes Les Galets 2023 (8£): fruchtig und frisch.


Anjou Pigeon, Mousserons, Peas, Jersey Royals & Madeira (£38) kam mir sehr französisch vor. Rosa gebratene Taube, auf sautiertem Spinat, erstaunlich großen Erbsen, festen Kartoffeln in Schale, Minischwammerl und sehr guter Sauce. Fried Polenta, Morels, Pesto & Goat’s Curd (£34) mochte ich nicht so sehr, es war mir zu fettig und unausgewogen – die zitronig gewürzten Morcheln kamen leider nicht gegen die frittierte Polenta an.


Zum Dessert wie am Vortag Alfonso Mango, hier auf Pavlova (12£) mit Creme. Sehr gut, allerdings ging die außerordentliche Frucht darin fast unter. Der Dessertwein dazu hat mich sehr gepackt: 1/16 La Stoppa Malvasia Passito 2024 Vino del Volta (14£): holzig, würzig und ölig, aber gleichzeitig frisch und mit viel heller Frucht, wow!
Meine Begleitung entschied sich für einen völlig konträren Wein aus der selben Gegend: 1/8 Quarticello Lambrusco 2025 Ferrando (10£): spritzig, mit viel Säure. Natürlich holte ich mir dann auch noch die aktuelle Ausgabe des namensgebenden Indie-Magazins (14£), erwartbarerweise habe ich es bis heute nicht durchgelesen…
Bao London
Bao London, 13 Stoney St, Borough Market, SE1 9AD


Nach einem Besuch im Tate Modern kehrten wir bei Bao London zum Lunch ein. Das langgezogene Lokal war voller Leute an recht eng gestellten Tischen, dennoch wirkte es irgendwie beruhigend, sehr erstaunlich. Auch erstaunlich: Wie genau das Personal hier (und auch fast sonst überall, wo wir essen waren), Allergien nimmt. Nicht nur am Anfang abgefragt, sondern auch nochmals bei jedem Gang dazugesagt – in Österreich
Wir starteten mit sehr guten gegrillten Mini-Gurken in würzigem (bohnigen?) Chili-Öl (5,95£). Meine Begleitung wählte auf der Ankreuz-Karte ein Bun mit Daikon-Krokette, ich das Tagesspecial: Einzart gegarter, süß glasierter Schweinebauch auf Krautsalat und Mayo im gefärbten Bun. Danach noch ein Crispy Chicken Kimchi Sesam Bun (5,95£) und für meine Begleitung noch eins mit Curry Cheese Croquette (6,95£).


Araw

Unit 232a, 37 Dirty Lane, SE1 9PA
Unweit der Baos holten wir uns ein Eis bei Araw. Der Laden legt großen Wert auf Branding, alles ist knallig fliederfarben. Die Sortenauswahl ist recht ungewöhnlich, leider kostet eine Kugel 5 Pfund, weshalb wir uns auf jeweils eine beschränkten: Ich hatte Roasted Banana mit Tahini (das sollte ich mal nachmachen), meine Begleitung passend zum Interior und ihrem Outfit Ube.
Enish Oxford


Enish Oxford Street, 3 Berners St, W1T 3LD
Am letzten Abend wollten wir noch etwas westafrikanisches essen. Meine Vorrecherche gab in unserer Gegend nix passendes her, weitere Recherche auf einschlägigen, vertrauenswürdigen Seiten brachte mich nicht weiter, also beschloss ich, ausnahmsweise mal ChatGPT zu konsultieren. Und ich muss sagen, das war auf vielen Ebenen ein Reinfall.
Das Enish (mit mehreren Locations in London, aber auch in den VAE, das hätte mich schon stutzig machen können) will ganz offensichtlich ein Nobelschuppen sein – keine Speise unter 25 Pfund, die Drinks ebenfalls abenteuerlich bepreist (in deutlichem Widerspruch zur KI-Antwort, die uns hergeführt hatte). Nachdem ich nie zuvor nigerianisch gegessen habe, werde ich mir nicht anmaßen, das Essen zu kritisieren. Wir hatten Jollof Rice mit Plaintains, Bohnen mit spicy Palmöl, Fufu und Ogbono-Suppe, die mir allerdings nicht schmeckte (55£ für alles).
Der Service, den man theoretisch – aber nicht praktisch – über ein kleines Kasterl am Tisch rufen sollte, war nicht nur ultralangsam (wir wurden eine halbe Stunde lang ignoriert), sondern auch enorm unfreundlich. Der Speisesaal war an Wänden und Decke mit Plastikgrünzeug ausgekleidet, was zwar instagrammable aussehen mag, aber wenn man direkt daneben sitzt, eher unangenehm ist. Noch unangenehmer: Der penetrant künstliche Raumduft, der mich mehrmals zum Niesen brachte. Auf einem riesigen Flachbildschirm liefen dauerhaft Werbespots für Luxus-Flughafentransfers in Dubai (???). Die Einrichtung war theoretisch hochwertig – Marmortische, Samtbänke etc – aber in desolatem Zustand, was auch für die Toiletten im zweiten Untergeschoss gilt, die man nur über so verschlungene Wege durch Abstellkammern erreichte, dass ich befürchtete, verloren zu gehen. Naja, einem Chatbot trau ich ab sofort sicher nicht mehr über den Weg, was Restaurantempfehlungen betrifft.
Spaßgetränke
Außerdem getrunken: Eine für mich unüberblickbare Anzahl an Softdrinks in Dosen – die Engländer scheinen große Fans von functional drinks zu sein. Kaum etwas im Kühlregal kommt ohne CBD, lion’s mane o.Ä. aus. Und im Pub dann noch ein Pint Guinness, das ich nicht leertrinken konnte :/





