
Atelier 7, Mandarin Oriental, Riemergasse 7, 1010 Wien
Ich schätze es enorm, in einer Hauptstadt zu wohnen, und so alles in allem würde ich sagen, dass ich die Vorteile dessen auch ziemlich gut ausnutze. Eins hatte ich bisher aber gar nicht auf dem Schirm: Die vielen Hotels der Stadt und vor allem die Bars darin! Deshalb habe ich mir jetzt vorgenommen, mich einmal quer durch die Wiener (Grand-)Hotel-Bars zu trinken. Rückwirkend kann ich hier noch meinen Besuch in der Intermezzo Bar im Intercontinental (anlässlich des Eislauf-Saison-Abschlusses im März) auflisten, aber dieses Langzeitprojekt startet offiziell mit dem Atelier 7 Izakaya & Bar im Mandarin Oriental (1010), wo ich vergangenen Mittwoch erstmals war.

Wie am Izakaya im Namen erkennbar, gibt man sich in dieser Bar japanisch inspiriert, zusätzlich zum ohnehin vage/wild-gemixten orientalis(tis)chen Gesamtkonzept des Hauses (Edward Said, nie gehört?) mit ein paar Wienerischen Jugendstil-Anleihen. Das Japan-Flair im Atelier 7 beginnt schon beim dreigeteilten Snack-Schüsserl, das mir mit einem Glas Wasser hingestellt wird: Nori-Popcorn, Sojasaucen-Kürbiskerne und Erdnüsse, die wirken, als wären sie in irgendetwas leicht pikantem gekocht.
Das Cocktailmenü verweist bei jedem Drink auf ein Gemälde im Belvedere – das kultivierte internationale Publikum soll sich ja schließlich in der Stadt verankert fühlen (so stelle ich mir zumindest die Überlegungen dahinter vor). Ich entscheide mich für einen Katong Kopi (17€),
Ein stilles Ritual im Glas, Bitterkeit trifft süße Tiefe. Vodka, Dattel und Pandan vereinen Wärme und exoktische Aromen. Abgerundet durch kaffee, ruhig, elegant.
der in der Karte neben dem Gemälde Der Barbier von Singapur von Emil Orlik (1900) steht:
Ein Blick in einen asiatischen Barbershop um 1900, Männer inkontemplativer Ruhe. Reduziert auf das Wesentliche, doch reich an Atmosphäre.
Der Drink stellt sich als Espresso-Martini-Variante mit Dattel-infused Wodka und Pandanlikör heraus, die erstaunlich wenig süß ist.


Meine Begleitung wählte die Martini-Interpretation des Atelier 7, Aikizo (18€). Der Drink war wenig überraschend enorm stark und hatte ziemliche Parfum-Vibes.
Auf den ganzen Schnaps brauchte ich einen Snack und warf einen Blick in die Small Bites-Karte, durch die schnell klar wurde, welchem Publikum man es hier recht machen will: Prawn Roll (23€) mit 15g Imperial Osetra Kaviar (60€) oder drei Austern mit Ponzu, Jalapeño und Mandarine (21€). Ich hatte Lust auf etwas substanzielleres und entschied mich daher für die Dirty Korean Fries (11€).

Sie waren richtig knusprig, mit Kimchi und Koriandergrün bestreut und mit Kimchi-Mayo zum Eintunken betupft. Über die große Stoffserviette dazu war ich sehr froh, denn es ist schon ein Snack, bei dem man sich die Hände dreckig macht. Angesichts der Größe der Portion (definitiv kein Small Bite) fand ich auch den Preis ok.

In der zweiten Runde bestellte ich mir ein Espuma Pacifica (17€) mit Bananenlikör, irgendwo-hinein-infused-Limettenblatt und Kokos. Der Schaum obenauf war fast schnittfest (veganes Eiweiß?), der restliche Drink auch so cremig, dass er mir wie ein Dessert schien. Meine Begleitung hatte einen klassischen Old Fashioned (16€).
Der Service war einerseits ziemlich 5-Sterne-Hotel-mäßig: Der Concierge begleitete mich von der Tür zur Bar, die Bar-Rezeptionistin (in eleganter Hoteluniform, aber mit Sicherheitsnadel im Ohrläppchen!) nahm mir den Mantel ab und geleitete mich zum Tisch, der Kellner wies mir den halben Weg zu den Toiletten (natürlich voll in Marmor, mit Schminktischchen und fancy Seife/Handcreme). Andererseits hätte ich gern sehr viel mehr Wasser getrunken als die drei Gläser, die mir sporadisch nachgefüllt wurden, und auch die Rechnung zu bekommen dauerte überraschend lange. Die Hintergrundmusik war maximal belanglos (Aufzug?!), das Publikum um uns herum wirkte nach Geschäftsreise, mit erfreulich hohem Frauenanteil.




