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Zuckersüß 283

Der Campus ist immer noch blockiert! Am Montag stimmten zwar mehr als 2000 Leute für die Wiederaufnahme der Kurse zum Mittwoch und nur etwas mehr als 1000 dagegen (der Großteil der 8000 Studierenden des Campus nahm nicht einmal an der Online-Abstimmung teil), doch die Besetzer_innen hatten diese Wahl von Anfang an boykottiert. So kam es dazu, dass der Präsident (nicht wie bisher die Campus-Verantwortliche) am Dienstag alle Kurse bis auf Weiteres absagte. Am selben Tag wurde auch ein Campus in Metz, der ebenfalls zur Université de Lorraine gehört, von Studierenden besetzt.

Manche Lehrende reagierten eher entnervt auf die Fortsetzung der Blockade, einige riefen per E-Mail dazu auf, sich doch daheim eingehend mit den Seminarthemen auseinanderzusetzen. Wieder andere scheinen der ganzen Angelegenheit gar nicht so feindlich gegenüber zu stehen. Einer meiner Professoren wies zum Beispiel auf das Theater-Festival RING hin, das in diesem Jahr den Schwerpunkt „Digitales“ hat und damit sehr gut zum Vorlesungsthema passen würde. Ein weiterer Lehrender an meiner Fakultät schrieb einen Blogpost (Et la démocratie s’évapore dans un clic !) über die gescheiterte Onlineabstimmung des Präsidenten. Langsam glaube ich tatsächlich, dass ich in diesem Semester keinen Kurs mehr an der Université de Lorraine besuchen werde, denn die Ferien sind nur noch eine Woche entfernt und danach ist die Prüfungsphase angesetzt.

Ich muss sagen, dass mich der Kursentfall zur Hälfte meines Erasmus-Semesters gar nicht so sehr stört, denn mir fällt immer eine Beschäftigungsmöglichkeit ein. Ich verfolge zum Beispiel die Social-Media-Accounts der verschiedenen Protest-Initiativen, lese so viel wie möglich über die landesweiten Demos und habe mir sogar Macrons TV-Interview aka Rede an die Nation angeschaut. Wäre mein Campus nicht blockiert worden, hätte ich mich wahrscheinlich niemals so intensiv mit der französischen Gesellschaft und aktuell debattierten Themen auseinandergesetzt, weil ich mit Uni-Aufgaben beschäftigt gewesen wäre.

Und außerdem gibt wirklich viel zu tun in Nancy: Wie das Titelbild zeigt, ist gerade „Volksfest“ mit sehr vielen Fahrgeschäften, bunten Lichtern und Churros. Dort herumzuspazieren und -fotografieren ist recht witzig. Am Montag war ich beim Club Cuisine des örtlichen Erasmus Student Networks und habe gemeinsam mit 15 anderen internationalen Studierenden ein türkisches Abendessen gekocht.

Am Dienstag und am Samstag lud ich mich bei einer Freundin im Wohnheim nebenan ein und wir kochten und backten mithilfe sämtlicher Küchenutensilien, die wir in unserem Freund_innenkreis zusammensammeln konnten für ziemlich viele Leute. Es gab Blätterteig-Käsestangerl, Pflaumen-Crumble, Erdbeer-Rhabarber-Crumble, Rhabarbersirup/Püree und Tiramisu (auf Basis der Rezepte für Mini-Erdbeer-Crumble und Lebkuchenhaus-Tiramisu):

Den Mittwoch verbrachte ich größtenteils mit Lesen (noch immer 4-3-2-1 von Paul Auster) in der Sonne  und holte mir so den ersten Sonnenbrand der Saison. Außerdem habe ich bei Amorino am Place Stanislas Eis gegessen. Ich habe zwar noch keinerlei Vergleich, aber das scheint eine der besten Eisdielen der Stadt zu sein!

Obwohl es keine Kurse gibt, gibt es dennoch Hausaufgaben, sodass ich den Donnerstag in der ziemlich leeren Bibliothek verbrachte. Für das Atelier d’écriture arbeitete ich mit meinem Team an unserer Abschlussarbeit, einem „Carnet de Voyage“ (Reisetagebuch). Darin sollten wir nicht nur eine Reisegeschichte festhalten, sondern auch möglichst viele verschiedene Dokumenttypen (Erzählung, Briefe, Tagebucheinträge, Karten…) vereinen. Es lief am Ende darauf hinaus, dass wir mit Buntstiften, Kleber, Washitape, Nadel und Faden ein kleines Heftchen zusammenbastelten – in der Unibibliothek. Ich hatte auf jeden Fall Spaß daran, finde es aber immer noch ein bisschen seltsam, dass das die Semesterarbeit eines Uniseminars ist…

Nachdem ich selbst schon einen Audiobeitrag über die Uni-Blockade gebastelt habe (läuft übrigens morgen um 14h im Radio Campus Wien), wurde ich ebenfalls am Donnerstag gemeinsam mit zwei weiteren Erasmus-Studentinnen für das Radio Campus Lorraine interviewt. Leider konnte ich mir das Abendmagazin, in dem die Sicht ausländischer Studierender auf die Uni-Proteste thematisiert wurde, nicht anhören. Der Grund dafür ist wirklich äußerst dämlich: Der Stream des Radio Campus Lorraine, das sein Studio selbst in einem CROUS-Wohnheim hat, ist im WLAN-Netzwerk meines (ebenfalls von CROUS betriebenen) Wohnheims blockiert.

Freitag Nachmittag war ich dann tatsächlich in der Manufacture beim RING-Festival, um Worldwidewestern anzusehen, ein Theaterstück mit nur einem Schauspieler und dem Web als wichtigste Requisite. Mithilfe von YouTube und Google Maps begibt sich der Protagonist in den Wilden Westen, überfällt die Société Générale auf Facebook, besucht in einem Saloon eine Sexarbeiterin, die dank der Sprachausgabe des Computers (einsilbig und seltsam intoniert) zum Leben erwacht, und spielt eine Runde Poker gegen sich selbst. Witzige Idee!

Jetzt aber noch meine liebsten Links der vergangenen sieben Tage: Zuckersüß 283 weiterlesen