Zuckersüß 369

Jetzt bin ich schon wieder ziemlich lange nicht dazu gekommen, einen Sonntagspost zu tippen. Aber gebacken habe ich in der Zwischenzeit sehr viel: eine spontane Pfirsichbiskuittorte, Lavendel-Earl-Grey-Kekse, ein Limetten-Chili-Kardamom-Käsekuchen und eine Schoko-Mandel-Kirschtarte (letztere drei bald im Blog). Ich habe außerdem falsche „Stars on 33“ gemixt und aus der ersten Basilikumernte vom Fensterbrett Sirup gekocht.

Ich habe außerdem allerhand andere Rezepte ausprobiert: i am a foodblog’s vegan taiwanese popcorn chicken (quasi Falafel mit taiwanesischen Gewürzen) und dazu better than takeout sesame noodles. Dafür das das (inklusive Einkauf im chinesischen Supermarkt) enorm viel Aufwand war, schmeckte es gar nicht sooo gut. Zufriedener war ich mit dem Mexican Street Corn Salad (Esquites) nach SeriousEats und den Chinese Smashed Cucumbers von der NYT, deren Dressing wirklich großartig ist.

Und dann war ich noch in drei verschiedenen Restaurants – im spanischen Puerta del Sol, im persischen Arezu und im schnöseligen Pizza Senza Danza – essen, über die ich noch gesondert bloggen will.

Hier folgen meine liebsten Links der letzten Wochen:

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Falscher Stars on 33

Den Cocktailian, „das Handbuch der Bar“ habe ich jetzt schon mehrmals von vorne bis hinten durchgelesen (und manchmal nur -geblättert) und ich würde am liebsten jeden zweiten Drink ausprobieren (bisher daraus abgewandelt: Gin Basil Smash und Negron ). Leider fehlt mir ein großer Teil der Zutaten, sodass daraus so schnell nichts wird.

Immerhin habe ich mir jetzt endlich eine Flasche Maraschino, den berühmten italienischen Sauerkirschlikör, der auch ein bisschen nach Mandeln schmeckt, zugelegt. Er ist auch Bestandteil des „Stars on 33“, einem Medium Cocktail, über den ich keine weiteren Infos finden konnte – keine Ahnung, wer sich das Rezept überlegt hat oder aus welcher „Ecke“ es kommt.

Neben Maraschino ist auch noch klassisches Kirschwasser, trockener Wermut, Zitronensaft und Holunderblütenlikör in diesem Drink. Doch letzteren hatte ich nicht zur Hand, weshalb ich ihn waghalsig durch selbstgemachten Holunderblütensirup ersetzt habe. Dadurch verringert sich der Alkoholgehalt im Cocktail und vermutlich wird er auch süßer als eigentlich erdacht.

martiniglas mit leicht trübem hellen cocktail und einer zitronenzeste, im hintergrund eine grob geblümte tischdecke
Der Stoff im Hintergrund ist eine gute Metapher für den Geschmack des unscheinbar wirkenden Drinks

Ich finde meinen „falschen Stars on 33“ dennoch sehr ausgewogen. Zum holzigen Kirscharoma (liegt vermutlich an dem spezifischen Kirschwasser, das ich verwendet habe), kommt der florale Holunderblütengeschmack und die ganz leichte Mandelnote des Maraschino. Und trotz der eher „süßen“ Hauptaromen bleibt der Drink durch den trockenen Wermut eher herb und durch den Zitronensaft frisch und leicht.

Eigentlich gehört das Ganze in eine Cocktailschale, doch auch sowas gibt mein Kastl derzeit nicht her – ein (dann recht volles) Martiniglas tuts aber auch.

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Schokokekse mit karamellisierter Weißer Schokolade

Dieses Rezept stand schon lange auf meiner Nachbackliste, nachdem ich es einmal beim Scrollen durch Instagram entdeckt habe. Auf den ersten Blick sind es einfache Schokokekse, doch wer genauer hinschaut oder hineinbeißt, merkt, dass die weiße Schokolade nicht einfach nur weiße Schokolade ist.

schokocookies mit karamellisierter weißer schokolade

Tatsächlich ist sie karamellisiert! Falls ihr jetzt nicht recht wisst, was das soll – Schokolade karamellisieren?!!? – mir gings genauso.

box mit schokocookies mit karamellisierter weißer schokolade
Fest verpackt für den Postversand

Der Prozess des Schokolade-Karamellisierens ist ziemlich mühsam, weil man für fast eineinhalb Stunden alle 10 Minuten zum Ofen rennen und umrühren muss, sorgt aber für einen viel „tieferen“ Geschmack als bei „unbehandelt“ verarbeiteter weißer Schokolade, die ja meistens hauptsächlich süß ist. Dazu noch ein bisschen Fleur de Sel und viel Kakao und fertig sind ganz besondere Kekse.

Ich habe diese Kekse zum Muttertag gebacken und mit der Post verschickt, weil sie leicht ein paar Tage herhalten – wenn sie denn nicht vorher aufgegessen sind.

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Schoko-Kirsch-Muffins

Dieses Rezept stammt aus dem allerersten Backbuch, das ich je geschenkt bekommen habe (glaube ich zumindest) – zu Weihnachten 2007. Es war jahrelang (und bevor die Zuckerbäckerei überhaupt existiert hat) mein go-to-Rezept für Schokomuffins, da es schnell geht, ziemlich einfach ist und eine gute Basis für allerlei Abwandlungen.

Gut, dass dieser Widmungszettel nicht verloren gegangen ist, ich hätte das Geschenk nämlich auf ~2009 geschätzt.
Ich habe wenige Bücher, die so aussehen…

Und dann… stand das Buch jahrelang ungenutzt in meinem Backbuchregal, ohne dass ich jemals dieses für mich doch recht wichtige Rezept ins Blog geschrieben hätte. Beim neuerlichen Durchblättern fiel mir auf, wie unglaublich 2007 das Buch ist: das Wording („Gelinggarantie“, „trendy, cool, ungewöhnlich“, „fröhlicher Stimmungsmacher mit Eierlikör“), das altmodische Foodstyling (sehr statisch, viel Studiolicht) und auch die Tatsache, dass Rezepte aus dem Internet damals wohl noch keine ernstzunehmende Konkurrenz waren.

Aber ich wollte mal wieder etwas völlig „normales“ backen. Keine besonderen Zutaten, keine Geschmacksexperimente, kein großer Aufwand. Und das führte mich dann doch zurück zu diesen Muffins.

Schoko-Kirsch-Muffins

Die Muffins unterrscheiden sich ziemlich von (scheinbar) Ähnlichen hier im Blog. Während z. B. die luftig-feinporigen Schoko-Tahini-Cupcakes nur darauf warten zu scheinen, mit Frosting oder Glasur bestrichen zu werden, stehen die Schoko-Kirsch-Muffins gut für sich allein. Auch in der Kategorie: fudgy-browniemäßige Cupcakes habe ich schon ein Rezept (Guinness-Cupcakes) veröffentlicht, die Schoko-Kirsch-Muffins hier sind mit ihrer „kuchigen“ Konsistenz das komplette gegenteil davon. Tatsächlich sind sie für mich der Inbegriff von Kindergeburtstagsrezept und konservativer BRD-Kaffeeklatschkultur (was bestimmt an der Aufmachung des Backbuchs liegt) – was jetzt nicht schlecht ist, aber auch nicht unbedingt das, was ich im Alltag regelmäßig im Ofen haben will :D

Übrigens: Wegen zwölf Weichseln extra ein Glas aufzumachen, finde ich jetzt im Nachhinein etwas unnötig, eine handvoll Walnüsse, Pecans oder Schokochips hätte es auch getan, die habe ich *früher* auch oft verwendet.

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Zuckersüß 368

Ich habe nochmal Bananenkuchen mit Rumkaramell gebacken (bald im Blog!), außerdem eine Ringelotten-Pfirsisch-Vanillepuding-Tarte (ungefähr wie diese hier), Tiramisu-Cookies, mit so viel Espresso drin, dass ich ganz zittrig wurde, Rhabarber-Focaccia, das mich nicht ganz überzeugt hat und dann noch eine Lauch-Quiche und Arancini aus übrigem Risotto.

Ein Besuch im MAK

Ich war auch endlich mal wieder in einem Museum, und zwar in der MAK-Ausstellung „Human by Design“, die zu einem fünf-Jahres-Projekt zwischen österreichischen und slowakischen Gestalter_innen gehört. Besonders spannend fand ich die Versuche mit Bioplastik, aus dem testweise schon Sonnenbrillen hergestellt wurden und die Überlegungen zu Reparierbarkeit. Letztere wurden im repairably-manifest zusammengefasst. Demnach braucht es Ersatzteile, einfachen (Wieder-)Zusammenbau und keine rechtlichen Hürden. Dass das Fairphone dabei viele Kriterien erfüllte fand ich wenig überraschend, ganz im Gegensatz zum Samsung Galaxy S4mini.

Raus aus Wien

Für zwei Radiointerviews kam ich raus aus Wien, ziemlich weit sogar: Ich war in der Senferei AnnaMax im Salzkammergut und auf einem Senffeld im Weinviertel – nur um daheim festzustellen, dass die SD-Karte im Aufnahmegerät fehlerhaft beschrieben wurde. Mit ausschließlich unlesbaren Dateien lässt sich aber keine Sendung gestalten, sodass ich nochmal von vorne anfangen muss, außerordentlich ärgerlich.

Und als wären zwei Landflucht-Versuche in drei Monaten (coronabeschränkungsbedingter) Daheimbleiberei noch nicht genug, bin ich durch die oberösterreichische Stillsteinklamm gewandert. Oder eher spaziert, denn besonders weit, anstrengend, oder ab vom Weg fand ich es nicht. Danach aß ich noch ein Eis beim Kaffeehaus Schörgi in Grein und wurde herb enttäuscht. Was so gut klang (Birne-Melisse, Marille), vor etlichen Jahren mit vielen Urkunden ausgezeichnet wurde und erst nach langem Anstehen zu haben war – schmeckte superkünstlich. Die Konsistenz des Eis war auch interessant, mit den vielen Luftlöchern erinnerte sie mich an die Textur von noch warmer Marshmallowmasse… Die Torten dort waren allerdings ziemlich gut (z.B. Heidelbeer-Joghurt mit Mürbteig- und Schokobiskuitschicht), aber auch außerordentlich teuer (3,70€ für ein ziemlich kleines Stückchen).

#amland konnte ich dann auch noch ein paar Rosen (Tischdeko), Lavendel (für Sirup oder Gebackenes, das muss ich mir noch überlegen) und grüne Walnüsse abstauben. Letztere werde ich in den nächsten Wochen nach La mia cucinas Anleitung zu schwarzen Nüssen verarbeiten:

Hier folgt noch eine sehr lange Linkliste, zwei Wochen Internet-leer-lesen geschuldet:

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Momofuku Milk Bar’s Cornflake-Chocolate-Chip-Marshmallow Cookies

Im Januar habe ich Christina Tosis erstes Buch „momofuku milk bar“ geschenkt bekommen. Es ist extrem modular aufgebaut, denn die meisten der Rezepte verlangen nach verschiedenen Komponenten, die in jeweils eigenen Rezepten abgebildet sind. Das macht das Nachbacken einzelner Gebäcke zuweilen recht kompliziert, weil eins oft hin- und herblättern muss. Andererseits spart es im Buch viel Platz und wer die Prozesse einmal intus hat (wie wohl alle Mitarbeiter_innen der momofuku milkbar) hat sehr gut strukturierte Zutatenlisten vor sich.

Apropos Zutaten, anders als bei vielen anderen amerikanischen Rezepten gibts neben unsäglichen Cup-Angaben auch die genaue Menge in Gramm, was für mich ein klarer Pluspunkt ist.

Momofuku Milk Bar's Cornflake-Chocolate-Chip-Marshmallow Cookies

Die Cookies, Kuchen und Desserts im Buch sind alle sehr amerikanisch: astronomische Zuckermengen, viel corn syrup, sprinkles und chocolate chips. Die titelgebende Milch taucht auch in fast jedem Rezept auf, meist in Form von Milchpulver. Das konnte ich (oder eher einer meiner einkaufenden Mitbewohner) endlich auftreiben, sodass ich jetzt, mehr als vier Monate nachdem ich das Buch zum ersten Mal durchgeblättert habe, endlich mal ein Rezept von Christina Tosi nachbacken konnte.

Momofuku Milk Bar's Cornflake-Chocolate-Chip-Marshmallow Cookies
Die Marshmallows ziehen Fäden!

Das Milchpulver kommt mit Zucker und großzügig Butter in den Cornflake-Crunch, der den Cookies am Ende einen spannenden Textur-Kontrast verleiht, denn es sind auch noch pickige Marshmallows und dunkle Schokolade drin.

Für meinen Geschmack sind die Cornflake-Chocolate-Chip-Marshmallow-Cookies zu süß, mehr als ein Viertel konnte ich nicht essen, ohne dass mir gefühlt der Magen zusammenklebte. Meine Mitbewohner und andere Freund_innen sahen das allerdings anders. Falls ihr gut zuckertolerant seid und/oder Lust auf einen sehr amerikanischen Cookie habt: dieses Rezept ist für euch!

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Pull-Apart Butter Buns

Inspiriert von Harold and Kumar (einem sehr dämlichen Film imo) wollten meine Mitbewohner vor ein paar Wochen White Castle Style Burger machen.

Die zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie ziemlich klein sind (also eher „Slider“ als „Burger) und dass das Fleischpattie nie direkt mit der Pfanne in Kontakt kommt. Stattdessen werden erst sehr viele Zwiebeln gebraten, deren Dampf dann das Hackfleisch durchgart und alles mit Zwiebelaroma durchzieht. Kenji Lopez-Alt hat bei SeriousEats einen recht langen Artikel geschrieben, was solche White Castle Style Burger auszeichnet – falls ihr euch auch so genau damit auseinander setzen wollt wie meine WG.

pull-apart-butter-buns
Man könnte die Pull-Apart Butter Buns auch für Buchteln halten…

Ich war bei der ganzen Aktion wenig überraschend für die Buns verantwortlich und entschied mich, sogar zwei verschiedene Sorten zu backen. Einerseits die heißgeliebten und in unserem Haushalt oft servierten Brioche Burger Buns von Highfoodality und eben diese kleinen Pull-Apart-Butter-Buns nach einem Rezept von King Arthur Flour.

Ich fand sie vor allem deswegen interessant, weil in den Teig auch Kartoffelpulver und Milchpulver kommt und am Beginn des Rezeptes ein Kochstück steht. Im direkten Vergleich zu den fluffig-puffigen Brioche Burger Buns waren sie am Ende aber erstaunlich fest. Erst aufgetoastet entfalteten sie ihren besonderen Geschmack.

Ich habe 24 wirklich sehr kleine Buns gebacken, nächstes Mal würde ich wohl nur 16 daraus machen, denn so winzige Burger zusammenzusetzen ist schon ganz schön unnötiger Aufwand…

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Bücher zum Daheimbleiben

Seit meinem letzten Bücherpost vergangenen Oktober habe ich einige Bücher gelesen, über die ich leider nie gebloggt habe, obwohl sie mir teilweise sehr gut gefallen haben (z.B. Middlesex von Jeffrey Eugenides, Half of a Yellow Sun von Chimamanda Ngozi Adichie oder der Sammelband Eure Heimat ist unser Albtraum). Ich befürchte, daraus wird auch nix mehr, weil ich mich nicht mehr genau genug erinnern kann.

Die Bücher, die ich in den letzten paar Wochen in zu-viel-Daheimbleib-Zeit gelesen habe, sollen aber nicht das gleiche Schicksal erleiden, deshalb hier vier Empfehlungen:

Save me the plums – Ruth Reichl

Dieses Buch habe ich über die NYT Book Review entdeckt, auf meine Wunschliste gesetzt und dann zum Geburtstag geschenkt bekommen.

Interessiert hatte es mich vor allem, weil Ruth Reichl eine der einflussreichsten Food-Media-Persönlichkeiten der USA war (ist?) und in diesem Buch über ihren Werdegang erzählt. Ein Ausschnitt daraus ist übrigens in dieser Folge von Radio Cherry Bombe zu hören.

Es scheint, als wäre sie wirklich in einer völlig anderen Medienwelt erwachsen und erfolgreich geworden – „einfach so“ mal mit 22 Jahren ein Kochbuch zu veröffentlichen, das einem ein paar Zeitungsjobs verschafft und offenbar ermöglicht, „einfach so“ für einen Pitch nach New York zu fliegen und dort bei einem einflussreichen Magazin vorzusprechen scheint mir in der heutigen Medienlandschaft fast unmöglich. Später, nach ihrer Karriere als Gastrokritikerin für die LA Times und die NY Times, wurde sie – ohne irgendwelche Erfahrung in diesem Bereich – „einfach so“ Chefredakteurin eines altehrwürdigen Magazins.

Eine Szene hat mich in der Hinsicht besonders irritiert. Eine Köchin aus der Gourmet-Testküche wundert sich über die Zutaten-Expertise der Chefredakteurin („I was, after all, a critic, not a cook“ S.63). Aber wie in aller Welt könnte es sein, dass jemand über Essen schreibt, ohne sich mit den Zutaten auseinanderzusetzen? Konnte man Ende der 1990er wirklich Chefredakteur_in eines Food-Magazins zu sein, ohne sich mit Warenkunde befasst zu haben?

Bei ihrer neuen Position bei Condé Nast inklusive: ein persönlicher Chauffeur, ein Büro voller Designermöbel und monatliche Spesen für Kleidung und Styling. Ruth Reichl bringt glaubhaft herüber, dass sie diese Art von Luxus nicht gewohnt war. Doch trotzdem blieb sie mir große Teile des Buchs über unsympathisch, weil sie von so unendlich vielen Privilegien schreibt, die ihr gar nicht aufzufallen scheinen. Die ganze US-Medienbubble kommt in ihrer Beschreibung als absurd glamourös herüber und Geld für Texte, Fotos, Reisen (die ganze Redaktion auf einmal Business Class nach Paris? Kein Problem!) war offenbar in völligem Überfluss da. Selbst am Ende des Buches, das vom abrupten Niedergang des Gourmet-Magazins und einer letzten Low-Budget-Reise nach Paris erzählt, ist der Ton recht herablassend:

„‚Here’s a couple hundred bucks; buy yourself an economy ticket, stay in a cheap hotel, and drink rotgut in the park.‘ How are you going to find a writer who wants to do that?“ (S.236)

„I tore off a hunk of bread and scooped up a slab of pâté. The flavor filled my mouth—trong, rustic, a pâté with conviction. ‚God, this is good.‘ As I took a bite of the crisp, salty pickle, I had a quick taste memory of the working-class France I’d known before my three-star days.“ (S.238)

Ich hatte bei Save me the plums vor allem mit ausführlichen Beschreibungen von Essen gerechnet, so ausschweifende Porträts der anderen Personen im Buch hatte ich nicht erwartet. Ein Beispiel:

„Maurie also fit so perfectly into this elegant atmosphere that the image I’d had of her instantly vanished. Blond and petite, dressed in cashmeere, tweed, and diamonds, she reminded me of a miniature poodle fresh from the groomer.“ (S.43)

Was mir auch in Erinnerung blieb, war die Szene als Ruth Reichl Jonathan Gold kennenlernte. Die Texte dieses einflussreichen Foodwriters und Musikjournalisten finde ich großartig (s. a.: The Best Jonathan Gold Reviews, From Food Writers He Inspired – Eater) und ich wäre enorm gerne dabei gewesen, als er in einem Uniseminar von seiner Arbeit erzählt (How to Write About Food: In the Classroom with Jonathan Gold – Foodaism). Ruth Reichl hält ihn am Anfang für einen sehr seltsamen Typen:

„In the mid-eighties, when I became the restaurant critic of the Los Angeles Times, I kept runnint inot the same young couple when I went out to eat. Did they, I wondered, spend all their time in restaurants? You couldn’t miss them; they were extremely conspicuous in the small Asian and Mexican restaurants they seemed to favor.
He was pale and puffy with long thinning hair and the mushroom complexion of someone who rarely sees the sun. She was tall, with golden skin, wild black hair, and a lean body that seemed to be all legs. […] They were such an improbable pair that every eye invariably swiveled toward them.“ (S74.)

Insgesamt fand ich Save me the Plums interessant, weil es einen Blick in die amerikanische Verlagsbranche und die goldenen Zeiten des Foodjournalismus erlaubte. Es liest sich locker und zwischendrin sind auch immer wieder Rezepte zu den Gerichten, von denen Ruth Reichl erzählt, eingestreut.

Ruth Reichl: Save me the Plums. My Gourmet Memoir. Random House 2019. 266 Seiten.

Margarete Schütte Lihotzky. Architektin Widerstandskämpferin Aktivistin – Mona Horncastle

Im Januar habe ich recht zufällig von der Buchpräsentation dieser Biografie erfahren und nachdem ich erklärtes Margarete Schütte-Lihotzky-Fangirl bin (s. mein Post über die „Das rote Wien“-Ausstellung) bin ich natürlich hingegangen. Das Event habe ich dann sogar in Sketchnotes festgehalten, mir aber kein Buch gekauft, weil es in dem Moment mein Budget sprengte.

Im Newsletter des Alumniverbands der Uni Wien las ich im April dann von einer Verlosung dieser Biografie – und gewann ein Exemplar, einfach so! :)

Ich habe das Buch in zwei oder drei Tagen von vorn bis hinten durchgelesen. Dabei ist mir aufgefallen, dass es wohl eher als Coffee-Table-Book zum immer mal wieder hineinlesen gedacht ist: Das ausgefallene Layout, die vielen Fotos und Zeichnungen auf rosa Seiten und die großen Zitatblöcke sind auch beim linearen Lesen sehr angenehm, die stellenweise Redundanz nicht so sehr.

Wie gesagt habe ich mich schon ein bisschen mit Margarete Schütte-Lihotzky beschäftigt. In dieser Biografie habe ich aber trotzdem enorm viel Neues erfahren, vor allem zum Kontext ihres Lebens. Margarete Schütte-Lihotzky hat in der Kaiserzeit als erste Frau in Österreich Architektur studiert, die wohl berühmteste Küche der Welt entworfen, für die Sowjetunion geplant, als Widerstandskämpferin fünf Jahre im Zuchthaus verbracht und schließlich als Kommunistin schlechtere Chancen am österreichischen Arbeitsmarkt gehabt als Ex-Nazis. Während ihrer Lebenszeit ist so viel passiert, dass heute sehr schwer vorstellbar ist. Von Lustigem…

„Das ‚Haus ohne Augenbrauen‘ wird zu einem Skandal. Die ornamentlose Architektur der Fassade – loos verzichtet sogar auf Fensterverdachungen – wird als obszön empfunden, das Haus sei ‚unanständig nackt‘ und an dem Standort gegenüber der Hofburg völlig deplatziert. Die Gegenwehr ist so massiv, dass 1910 ein Baustopp verfügt wird. Erst nachdem Loos sich zu dem Kompromiss bereit erklärt, Blumenkästen an den Fenstern anbringen zu lassen, darf weitergebaut werden. Kaiser Franz Joseph ist dennoch nicht zufrieden. Er lässt die Fenster der Hofburg zum Platz vernageln und weigert sich, die Ausfahrt zum Michaelerplatz zu nehmen, um das ’scheußliche‘ Haus nicht sehen zu müssen“ (S.44)

…zu Überraschendem:

„Eine Vermischung der Gruppen ist aus hygienischen Gründen zu vermeiden, damit sich Krankheitserreger nicht ausbreiten können – die Kindereinrichtungen in der Sowjetunion sind auch darauf ausgelegt, Kinder mit Infektionen zu beaufsichtigen und zu pflegen, um die Produktivität der Mütter aufrechtzuerhalten, die sehr häufig im Schichtbetrieb tätig sind.“ (S.91)

Wie sehr sich die Welt seit Margarete Schütte-Lihotzkys Geburt 1897 verändert hat, wie anders sie selbst in der Mitte ihres Lebens noch war, fiel mir auch bei diesem Absatz zu ihrer Chinareise 1956 auf („Flugbahnhof“!):

„Das Auge der Architektin registriert alle Details: Mit Begeisterung beschreibt sie das zweimotorige russische Flugzeug ‚mit 21 Sitzen, zwei links und einer rechts vom Gang, mit Teppichen belegt, Vorhangerln wie bei allen russischen Fenstern, innen weiß gestrichen, die Fauteuils bequem in zwei Lagen verstellbar, an der Vorderwand ist für jeden sichtbar der Höhenmesser‘. Weniger gnädig ist ihr Urteil über die Flughäfen: Schwechat findet Schütte-Lihotzky ‚primitiv und provinzialisch-spießig‘, in Budapest ist der „Flugbahnhof neu, aber unfertig, moderne Architektur im Grundriss recht gut, mit zwei Türmen aus Bruchstein, aber etwas plump gebaut‘. ‚Der Lemberger Flugbahnhof ist in den letzten Jahren gebaut und ist architektonisch entsetzlich – ein Albtraum – alles grauenhaft verziert und überladen“ (S.227)

Am Ende wirft Mona Horncastle noch einen kritschen Blick auf Margarete Schütte-Lihotzkys politische Überzeugungen, und zeigt, dass sie nicht ganz so fehlerfrei war, wie sie oft gezeichnet wird – die Verbrechen in der Sowjetunion und China übergeht sie, für die KPÖ versucht sie relativ skrupellos Genossen zu rekrutieren und hintergeht dabei Arbeitskollegen.

Mona Horncastle: Margarete Schütte-Lihotzky. Architektin Widerstandskämpferin Aktivistin. Molden Verlag, 2019. 304 Seiten, 28€.

Permanent Record – Edward Snowden

Die erste Hälfte von Permanent Record – das ich am Erscheinungstag auf meine unbedingt-lesen-Liste setzte – las sich recht zügig, irgendwann wurde es aber zäh und zum Schluss doch wieder mitreißend.

Das einigermaßen trockene Thema der Online-Privatsphäre versucht Edward Snowden mit sehr viel Einbettung in Episoden aus seiner Kindheit, Familiengeschichte (sein Stammbaum lässt sich zur Kolonialisierung Marylands 1658 zurückführen!) und die Tradition des Militärdienstes in seiner Famile („both my parents had top secret clearances“, S. 37) abzufedern. Ich finde das alles triefte vor überbordendem Patriotismus und amerikanischem in-your-face-storytelling (ich frage mich langsam, warum mich das so stört, vor kurzer Zeit erst habe ich das gleiche an einem Podcast kritisiert).

Später im Buch, als es um 9/11 geht, wird Edward Snowden in Bezug auf sein Heimatland ein bisschen differenzierter und bemerkt, dass „Terrorabwehr“ langsam zum Totschlagargument für einfach alles genutzt wird. Einmal abgesehen davon, wird von Beginn an klar, dass er vom Web, wie es heute aussieht und funktioniert, wenig hält:

„You will understand, then, when I say that the Internet of today is unrecognizable. It’s worth noting that this change has been a conscious choice, the result of a systematic effort on the part of a privileged few. The early rush to turn commerce into e-commerce quickly led to a bubble, and then, just after the turn of the millennium, to a collapse. After that, companies realized that people who went online were far less interested in spending than in sharing, and that the human connection the Internet made possible could be monetized. If most of what people wanted to do online was to be able to tell their family, friends, and strangers what they were up to, and to be told what their family, friends, and strangers were up to in return, then all companies had to do was figure out how to put themselves in the middle of those social exchanges and turn them into profit. This was the beginning of surveillance capitalism, and the end of the internet as I knew it.“

Über die Funktionsweise der amerikanischen Sicherheitsbehörden mit ihren Sub-Unternehmens-Konstruktionen, riesigen Gewinnmargen und vor allem unbegrenzten Befugnissen zu lesen, hat mir ziemliches Unbehagen bereitet. Erst recht, weil es trotz der NSA-Enthüllungen von 2013 immer noch keine Aufklärung geschweige denn Regulierung der weltweiten Massenüberwachung in Aussicht ist.

Einzelne Nutzer_innen können dagegen wenig ausrichten, solange sie nicht auf den Service der großen fünf Konzerne verzichten wollen. Selbst die Nutzung von TOR aka the onion router („makes spies want to cry“, S. 156) hilft dann nicht mehr so viel.

Aber trotzdem sollten wir alle für unsere Online-Privatsphäre kämpfen:

„Ultimately, saying that you don’t care about privacy because you have nothing to hide is no differenct from saying you don’t care about freedom of speech because you have nothing to say. Or that you don’t care about freedom of the press because you don’t like to read. Or that you don’t care about freedom of religion because you don’t believe in God. Or that you don’t care about the freedom to peaceably assemble because you’re a lazy antisocial agoraphobe. Just because this or that freedom might not have meaning to you today doesn’t mean that it doesn’t or won’t have meaning tomorrow, to you, or to your neighbor–or to the crowds of principled dissidents I was following on my phone who were protesting halfway across the planet, hoping to gain just a fraction of the freedoms that my country was busily dismantling“ S. 208f

Edward Snowden: Permanent Record. Macmillan, 2019. 340 Seiten, 14,99 Pfund.

Das Licht – T.C. Boyle

Von T.C. Boyle’s Das Licht habe ich erstmals im BR2 Zündfunk gehört und es dann auf dem Wohnzimmertisch eines Freundes liegen sehen, der es mir gleich auslieh.

T.C. Boyle erzählt zu Beginn aus der Sicht einer Laborantin von der Erfindung von LSD 1943 in Basel und der trippigen Radfahrt des Chemikers Hofmann, die als „Bicycle Day“ in die Geschichte eingehen sollte. Nach dieser Einführung startet die eigentliche Geschichte, die psychologische Erforschung der Bewusstseinserweiterung von LSD in Harvard ab 1962. Zentral dabei ist Timothy Leary, ein Psychologie-Dozent, der seine Doktoranden und deren Familien wie ein Sektenführer um sich schart – inklusive Psilocybin- und LSD-Parties. Leary wird schließlich entlassen und die Gemeinschaft zieht nach zwei Sommern in Mexiko in ein Anwesen in Upstate New York, wo sie quasi zu einer kleinen Parallelgesellschaft werden.

„Das eigentliche Problem zu diesem Zeitpunkt war der Nachschub. LSD (das „Sakrament“, wie Tim es nannte, wahlwiese auch „Himmlisches Blau“) war zwar nicht verboten, aber angesichts all der negativen Presse zum Thema Harvard und Zihuatanejo sowie der Tatsache, dass die Droge aus den Laboratorien auf die Titelseiten der Boulevardzeitungen gesprungen war, beinahe unmöglich zu bekokmmen. Sandoz zog sich zurück und verteilte keine Gratisproben mehr, sondern verlangte Geld wie für jedes andere Präparat. Tim und Dick, die sahen, woher der Wind wehte, kratzten zentausend Dollar zusammen […], doch Sandoz ließ den Scheck zurückgehen, versehen mit der kühlen Mitteilung, dieses Mittel werde zukünftig nur noch in kleinn Mengen und auschließlich an qualifizierte Forscher abgegeben, zu denen Tim und Dick offenbar nicht mehr gehörten.“ (S.236)

Ich fand den Roman enorm mitreißend, sodass ich die 380 Seiten in wenigen Tagen durchhatte. Sehr oft fragte ich mich, wie viel von der Geschichte Fiktion war. So vieles am Alltag der LSD-Gemeinschaft scheint völlig absurd, doch ein paar Wikipediaartikel lassen erahnen, dass einiges Wahres dran sein muss.

Musik spielt eine große Rolle in der Erzählung. Und irgendwer hat sich auch die Mühe gemacht und die zitierten Songs zu einer Spotify-Playlist zusammengesammelt, was ich ziemlich cool finde.

T.C. Boyle: Das Licht. Hanser, 2019. 380 Seiten, 25,70€.

Zuckersüß 367

In dieser Woche habe ich Ka’ak el Eid aka Mahlep-Ringerl (bald im Blog!) und Bananenküchlein mit Rumkaramell aus Ottolenghi’s „Sweet“ gebacken.

Außerdem war ich in der großartigen Fahrradwerkstatt des WUK (Wiener_innen, schauts dort vorbei!), in der eins unter fachkundiger Anleitung für nur vier Euro pro Nachmittag am eigenen Gefährt herumschrauben kann – nach Wochen Zwangspause sind meine Einradpedatwle jetzt wieder stabil. Und für einen kurzen Beitrag im Ö1-Konsumentenmagazin help war ich Anfang der Woche in Wiens ältester Messerschleiferei. „Wie Messer lange scharf bleiben“ ist noch bis Samstag nachzuhören, der Text dazu bleibt länger online.

Zwei Highlights waren aber eindeutig meine zwei ersten Restaurantbesuche nach der Corona-Gastrosperre.

ALMA Gastrothèque

In die ALMA Gastrothèque wollte ich schon sehr lange gehen, das Konzept (viele Kräuter, besonderes Brot und Naturwein) klang nämlich sehr interessant. Das kleine Lokal in der großen Neugasse stellte sich letztlich als sehr gute Wahl für den ersten Auswärts-Essen-Abend nach langer Pause heraus. Wegen besserer Wiederfindbarkeit habe ich meinen Restaurant-Bericht hierhin ausgelagert und hoffe, die Kategorie „Lokale“ hier im Blog wiederbeleben zu können.

BRUDER

Das Bruder ist mein liebstes Lokal der ganzen Stadt und ich habe hier und hier schon einmal drüber geschrieben. Ein ausführlicher Rückblick auf den Besuch am Freitag gibts ebenfalls in einem eigenen Lokal-Post.

Hier folgen meine liebsten Links der letzten Tage, wenn auch mit sehr vielen negativen Themen. black lives matter.

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Foodblog von Jana Wiese