Bücher im August

In meiner Woche auf der Alm las ich jeden Tag ein Buch – eine wirklich schöner Sommerurlaubszeitvertreib. Was ich mir zu den drei Romanen und den drei Sachbüchern gedacht habe, habe ich gleich im Anschluss in mein ipad getippt. Es folgt also der neueste Post in meiner Buchbloggerei-Serie.

Aspekte des neuen Rechtsradikalismus – Theodor W. Adorno

Von diesem Buch las ich zuerst in Margarete Stokowskis Spiegel-Online-Kolumne und setzte es dann gleich auf meine Lesesliste. Es enthält einen Vortrag des Philosophen im Wiener NIG (ein Unigebäude, in dem ich mich auch gelegentlich herumtreibe), der 1967 auf Einladung des VSStÖ stattgefunden hat. Danach folgt ein Nachwort des Historikers Volker Weiß.

Beim Lesen dieses recht dünnen Buches (der Vortrag selbst hat nur etwa 50 Seiten) stolperte ich hin und wieder über die seltsame Satzstellung. Ich weiß nicht ob das am Alter des Textes liegt oder vielleicht am Vortragsstil von Theodor W. Adorno (das Buch ist ein Transkript) – ich gewöhnte mich jedenfalls schnell daran.

In fast allen Besprechungen von Aspekte des neuen Rechtsradikalismus wird darauf verwiesen, wie aktuell sich das Buch nicht lese. Und genau diesen Eindruck hatte ich auch, als ich (gefühlt) tausend Plastik-Markierstreifen hineinklebte:

„Aber sie [diese rechtsradikalen Bewegungen] haben auf der andern Seite etwas gemeinsam mit jener Art von manipulierter Astrologie von heute, die ich für ein sozialpsychologisch außerordentlich wichtiges und charakteristisches Symptom halte, daß sie nnämlich in gewisser Weise die Katastrophe wollen, daß sie von Weltuntergangsphantasien sich nähren, so wie sie übrigens, wie wir aus den Dokumenten wissen, auch der ehemaligen Führungsclique der NSDAP gar nicht fremd gewesen sind“ (S.19f)

Während der obige Absatz nach Preppern und Reichsbürgern klingt, erinnert mich das Folgende an die Identitären oder Pegida:

„Man sollte diese Bewegungen nicht unterschätzen wegen ihres niedrigen geistigen Niveaus und wegen ihrer Theorielosigkeit. Ich glaube, es wäre ein völliger Mangel an politischem Blick, wenn man deshalb glaubte, daß sie erfolglos sind. Das Charakteristische für diese Bewegungen ist vielmehr eine außerordentliche Perfektion der Mittel, nämlich in erster Linie der propagandistischen Mittel in einem weitesten Sinn, kombiniert mit Blindheit, ja Abstrusität der Zwecke, die dabei verfolgt werden.“ (S.23)

Doch der zweite, 2019 geschriebene Teil, warnt vor Gleichsetzung der Situation damals und heute. So sei „die hellsichtig wirkende Aktualität […] mit dem historischen Zeitkern ihrer Wahrheit ins Verhältnis zu setzen.“ (S.62). Konkret macht das Volker Weiß z.B. in dieser Passage (die ich für unnötig kompliziert geschrieben halte – Popanz oder einfach Schreckgespenst…):

Häufig verschieben die von Deklassierung Bedrohten die Schuld an der Misere ‚nicht etwa auf die Apparatur, die das bewirkt, sondern auf diejenigen, die dem System, in dem sie einmal Status besessen haben […], kritisch gegenübergestanden haben‘. Jene, die andere Modelle vorschlagen, werden zum besonderen Objekt der Wut, wie die heutige Fixierung der äußersten Rechten auf eine seit Jahrzehnten weitgehend machtlose Linke zeigt. Der Popanz eines quasidikatorischen ‚links-grün-verseuchten 68er-Deutschland‘ zeigt, dass tradierte Feindbilder selbst unter völlig veränderten gesellschaftlichen Bedingungen noch ihren Schrecken entfalten können.

Adorno schließt seinen Vortrag mit einem Appell. Die Verantwortung für die Zukunft – und auch dafür, „die Massen gegen diese Tricks [der Rechtsradikalen] zu impfen“ (S.54) – liegt an uns.

Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Suhrkamp Verlag, 2019. 86 Seiten, 10€.

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Als ich dieses Buch las, musste ich immerzu an @ellebil’s Tweet unter dem Hashtag #dichterdran denken, der männliche Autoren durch den Kakao zog, oder eher, ihre Texte so besprach, wie es bei Autorinnen oft passiert:

Ich bin mir nicht sicher, ob es daran lag, oder ich in der Hinsicht einfach aufmerksamer wurde, aber die Frauenfiguren in Vom Ende der Einsamkeit bekamen einen schalen geschlechterklischeehaften Beigeschmack für mich. Zum Beispiel die Mutter: 

„Sie war attraktiv und grazil, hatte in ganz München Freunde und gab Dinnerpartys, zu denen auch Künstler, Musiker oder Theaterschauspieler kamen, die sie Gott weiß wo kennengelernt hatte. […] Es schien mir als Kind unbegreiflich, dass sie kein Leben als berühmte Schauspielerin führte, sonder einfach nur eine Lehrerin war. Sie selbst nahm ihre Pflichten zu Hause oft mit einem belustigen und zugleich liebevollen Lächeln hin, und erst später wurde mir bewusst, wie eingeengt sie sich gefühlt haben musste“ (S.25)

Der Roman handelt von Jules, der aus seiner Perspektive erzählt, und seinen zwei Geschwistern, die als Kinder durch einen Unfall ihre Eltern verloren haben. Über mehr als 30 Jahre hinweg blickt man als Leser_in in verschiedene Abschnitte ihres Lebens, in denen immer wieder die gleichen Personen auftauchen, Jules aber trotzdem immer einsam bleibt. Irgendwann scheint doch noch alles gut zu werden – doch das bleibt es natürlich nicht, sonst wäre es keine Geschichte. 

An diesem Buch hat mir gefallen, wie verschiedene Songs oder auch Geschichten (Bücher und „was wäre wenn“-Träumereien spielen eine große Rolle, was mich an Paul Austers 4321 denken ließ – das mir übrigens weitaus mehr Spaß gemacht hat zu lesen) immer wieder aufgegriffen wurden und deren „wirkliche“ Bedeutung erst später deutlich wurden. Doch stellenweise war mir der Roman zu pathetisch, das Ende schrecklich schnulzig:

„Als junger Mensch hatte ich das Gefühl, seit dem Tod meiner Eltern ein anderes, falsches Leben zu führen. Noch stärker als meine Geschwister habe ich mich gefragt, wie sehr mich Ereignisse aus meiner Kindheit und Jugend bestimmt haben, und erst spät habe ich verstanden, dass in Wahrheit nur ich selbst der Architekt meiner Existenz bin. Ich bin es, wenn ich zulasse, dass meine Vergangenheit mich beeinflusst, und ich bin es umgekehrt genauso, wenn ich mich ihr widersetze. […] Dieses andere Leben, in dem ich nun schon so deutliche Spuren hinterlassen habe, kann gar nicht mehr falsch sein. Denn es ist meins.“ (S.337)

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes, 2016. 358 Seiten, 22,70€

Die neue ArbeiterInnenklasse. Menschen in prekären Verhältnissen – Veronika Bohrn Mena

Auf dieses Buch wurde ich über die sehr aufschlussreiche Große-Töchter-Folge mit Veronika Bohrn Mena als Gästin aufmerksam. Nur kam es mir vor, als hätte ich durch das Anhören dieses Podcasts und meiner bisherigen Beschäftigung mit Arbeitsverhältnissen (s. z.B. auch Bianca Jankovskas Millenial Manifest in einem früheren Buch-Blogpost) schon das Wesentliche erfahren. Zunächst mal die einleitende Definition der Autorin:

„Prekäre Arbeit, das bedeutet also die fehlende Sicherheit in Bezug auf die Dauer des Arbeitsverhältnisses und/oder die Entlohnung im Rahmen desselben. Es bedeutet, wenig bis keinen Einfluss auf die Ausgestaltung der konkreten Arbeitssituation, fehlenden oder lediglich partiellen arbeitsrechtlichen Schutz sowie mangelhafte soziale Absicherung und kaum Chancen auf eine materielle Existenzsicherung zu haben. Prekäre Arbeit gefährdet unseren Sozialstaat, der vorwiegend durch uns Arbeitende finanziert wird. Sie raubt Menschen nicht weniger als die Perspektive und Planungssicherheit ihr Leben zu gestalten. Sie stürzt Menschen in die soziale Isolation. Sie geht einher mit einem Verlust der Sinnhaftigkeit und sozialen Anerkennung, weil die Betroffenen von der Hand in den Mund leben müssen, sich gesellschaftliche Teilhabe nicht leisten und nicht frei über ihre Zeit verfügen können“ (S.19)

Die neue ArbeiterInnenklasse ist in acht Kapitel, die jeweils ein konkretes Fallbeispiel erzählen, plus Einleitung und Epilog aufgeteilt. Dazwischen steht jeweils eine Doppelseite mit Zahlen und Fakten zu verschiedenen prekären Beschäftigungsarten, die mich teilweise ziemlich schockiert haben: so waren 87% der Hochschul-AbsolventInnen erst nach drei Jahren in einem regulären, unbefristeten Arbeitsverhältnis (S. 50), 2016 lebten 1,4 Millionen Menschen in Österreich in einem Haushalt, der unter der Armutsgefährdungsschwelle lag (S. 96) und außerdem waren 2017 nur 3% der Lehrbeauftragten an einer Universität unbefristet beschäftigt (S. 126). 

Die reportageartigen Fallbeispiele – Praktikum, Leiharbeit, Teilzeit, Niedriglohnsektoren, Freie Dienstnehmer, Befristung, EPU und kurze Arbeitsverhältnisse – machen den Hauptteil des Buches aus, doch ich fand sie insgesamt am uninteressantesten. Außerdem schienen mir die (offenbar realexistierenden) Personen etwas zu klischeehaft beschrieben, z.B. Sabine die in der Teilzeitbeschäftigung gefangen ist: „Der Sozialbereich war ihr immer schon ein besonderes Anliegen. Es ist ihr Wunschberuf, denn seit sie sich erinnern kann, wollte sie sich in ihrer Arbeit für Gutes einsetzen und damit andere Menschen unterstützen“ (S.70), oder auch „Dina ist ein fröhlicher, herzlicher und offener Mensch. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge“ (S.144). Überhaupt enthält der Text für meinen Geschmack zu viele Floskeln.

Aus Einleitung und Epilog nahm ich am meisten mit, vor allem ärgerte ich mich aber sehr oft über die beschriebenen Ungerechtigkeiten:

„Die von der Bundesregierung beschlossene Aufhebung des Kumulationsprinzips in Verwaltungsstrafverfahren hat viel zu wenig beachtete, aber umso massivere negative Auswirkungen auf uns alle. (…) Denn wenn beispielsweise ein Betrieb 300 Beschäftigte an einem Feiertag arbeiten ließ, musste er bisher mit einer Minimalstrafe von 72 Euro pro Kopf, also insgesamt 21.600 Euro rechnen. Ohne Kumulationsprinzip müssen aber nur noch 72 Euro bezahlt werden, der Umsatz an diesem einem Tag wird hingegen weitaus höher ausfallen (…) Ein bewusster Gesetzesbruch wird sich für Unternehmen rechnerisch auszahlen, unabhängig davon, ob es sich um fünf oder Dutzende Beschäftigte handelt, die unrechtmäßig unterbezahlt oder nicht versichert werden.“ (S.166)

Und natürlich lässt sich auch der Hintergrund der Autorin – sie ist Gewerkschafterin – klar herauslesen, vor allem gegen Schluss:

„Denn ‚die Politik‘ und ‚der Staat‘ wind eben nicht dafür da, um die idealen Bedingungen für ‚die Wirtschaft‘ zu schaffen, sondern primär für uns Menschen, die von ihr leben sollen. Die Frage ist dabei nicht ob, sondern nur in welche Richtung umverteilt wird.“ (S.175)

Veronika Bohrn Mena: Die neue ArbeiterInnenklasse. Menschen in prekären Verhältnissen. ÖGB Verlag, 2018. 208 Seiten, 19,99€.

Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche – Reni Eddo-Lodge

Dieses Buch begann ich zu lesen, nachdem mir Ibram X. Kendis „Stamped from the beginning. The definitve history of racist ideas in America“ (entdeckt via Anke Gröner) durch seinen Umfang (mehr als 500 Seiten!) etwas zu einschüchternd geworden war. Reni Eddo-Lodge beginnt mit einem Kapitel über schwarze (britische) Geschichte, das mir anfangs wegen „Stamped“ ziemlich bekannt vorkam. Weiter ging es mit der Erklärung von systematischem Rassismus und White Priviledge. Feminismus, Klasse und Intersektionalität spielen ebenfalls eine Rolle.

Die Aufzählung von konkrenten Fällen der Polizeigewalt und allgemeiner Diskriminierung schien niemals zu enden, wodurch der Text stellenweise etwas monoton wurde (das zu schreiben, fühlt sich fast schlecht an, denn die geschilderte Ungerechtigkeit ist wirklich unendlich), dennoch klebte ich auch hier viele Markierstreifen in die Seiten:

„Der Maßstab für Rassismus wurde lange von den leicht zu verurteilenden Aktivitäten weißer Extremisten und Nationalisten gesetzt. Die weißen Extremisten werden von den drei großen Parteien stets rundweg verdammt. Der reaktionäre weiße Stolz, der so oft im Widerspruch zu sozialem Fortschritt steht, ist nie wirklich verschwunden. […] Wäre jede Form von Rassismus so leicht zu erkennen, zu verstehen und anzuprangern wie weißer Extremismus, wäre die Aufgabe des Anitrassisten einfach.“ (S.75f)

„Initiativen positiver Diskriminierung erfahren oft heftigen Wiederstand. Vorhaben, welche die Überrepräsentation von Weißen angehen, werden unweigerlich auf Symbolpolitik reduziert, nichts als eine Beleidigung der guten hart arbeitenden Menschen, die ihre Chefposten ausschließlich aufgrund ihrer Leistungen besetzen. […] Der Nachdruck liegt auf Verdienst, der unterstellt, dass die aktuell weiße Mehrheit in der Leitungsriege von Unternehmen allein durch harte Arbeit und ohne Hilfe Dritter zustande gekommen ist, asl wäre weiße Hautfarbe allein nicht schon ein Vorsprung, als würde sie nicht eine Vertrautheit implizieren, die einen Arbeitgeber für einen Bewerber einnimmt. […] Wir leben nicht in einer auf Leistung gegründeten Gesellschaft, und vorzugeben, dass harte Arbeit immer zum Erfolg führt, ist ein Akt vorsätzlicher Ignoranz.“ (S.90)

Die folgende Passage erinnerte mich sehr an die Debatten um die „Kölner Silvesternacht“ und Staatssekretärin Edstadler, die im Januar in einer Talkshow sagte, dass das Patriarchat in Österreich importiert sei…

„So surreal es war zu hören, wie David Cameron die patriarchalische Gesellschaft kritisierte, so war es doch keine Überraschung, dass er das Patriarchat als Gegenstück zu unserem eigenen fortschrittlichen, angeblich egalitären und leistungsbasierten britischen Selbstverständnis beschrieb.“ (S.180) 

Ich werde versuchen, mir diesen Appell zu Herzen zu nehmen:

„Aber ich glaube auch, dass Weiße, die Rassismus zugeben, eine ungeheuer wichtige Rolle spielen. Diese Rolle können sie nicht ausfüllen, wenn sie sich in Schuldgefühlen ergehen. Weiße sollten Gruppen, die die entscheidende Arbeit tun, finanziell oder organisatorisch unterstützen. Oder in heiklen Situationen als Unbeteiligte einschreiten. Sich in exklusiv weißen Umfeldern für antirassistische Anliegen einsetzen. Weiße, ihr müsst mit anderen Weißen über Hautfarbe sprechen. Ja, ihr werdet vielleicht als radikal abgelehnt, aber ihr habt nur wenig zu verlieren“ (S.215)

Reni Eddo-Lodge: Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche. Tropen, 2019. 264 Seiten, 18€.

Die Hauptstadt – Robert Menasse

Diesen Roman von Robert Menasse hatte ich in der Bücherei mitgenommen, weil ich einmal ein Interview mit Ulrike Guerot gelesen hatte, das auf ein gemeinsames Buch der beiden verwies. Die Idee eines vereinigten Europas finde ich außerdem gar nicht so schlecht – ich erwartete mir bei Die Hauptstadt ein klares Manifest dafür. Bis sich der Roman aber klar zu einer europäischen Republik positionierte, vergingen fast vierhundert Seiten.

„Konkurrierende Nationalstaaten in einer Union blockieren beides: Europapolitik und Staatspolitik. Was wäre jetzt notwendig? Die Weiterentwicklung zu einer Sozialunion, zu einer Fiskalunion – also die Herstellung von Rahmenbedingungen, die aus dem Europa konkurrierender Kollektive ein Europa souveräner, gleichberechtigter Bürger machen würde. Das war ja die Idee, das war es, wovon die Gründer des europäischen Einigungsprojekts geträumt haben – denn sie hatten ihre Erfahrungen. Aber das alles ist nicht durchsetzbar, solange das Nationalbewusstsein gegen alle historischen Erfahrungen weiter geschürt wird und solange der Nationalismus weitgehend konkurrenzlos ist als Identifikationsangebot an die Bürger.“ (S.392)

Davor gehen die vielen Figuren – alle aus verschiedenen EU-Staaten, alle mit unterschiedlichsten persönlichen und nationalen Agenden – ihrem Leben nach, das sich oft überschneidet oder historische Gemeinsamkeiten aufweist, ohne dass sie sich tatsächlich kennenlernen. Ich finde, sie sind alle sehr interessant, es sind teilweise absurde Details, die ihre Persönlichkeit nachvollziehbar machen:

„Fenia Xenopoulou saß an ihrem Schreibtisch und las. Was sie las, machte sie fassungslos. Sie konnte sehr schnell lesen, sie hatte gelernt, die Seiten geradezu zu scannen, die Informationen sofort in ihrem Kopf in Schubladen zu ordnen, aus denen sie sie bei Bedarf blitzschnell hervorholen konnte. Aber das war ein Roman. Dafür hatte sie kein Raster, worum ging es da? Was waren die Informationen, die sich als brauchbar erweisen könnten, was in Gottes Namen sollte sie sich merken?“ (S.53)

(Bevor ich mir ernsthaft vorgenommen habe, wieder mehr Fiktives und vor allem längere Geschichten zu lesen, dachte ich auch ein bisschen wie diese Romanfigur – ich las nur auf Information, und verschlagwortete alles Interessante feinsäuberlich in meinem digitalen Notizbuch. Und weil ich auch jetzt nicht recht weiß, was ich mit den Büchern, die ich lese, anfangen soll, mache ich mir hier im Blog laut Gedanken darüber und hoffe, dabei etwas zu lernen, z.B. wie eins so über etwas schreiben kann, dass auch der Meta-Text interessant ist.)

An vielen Stellen sprechen die Figuren aus Die Hauptstadt in ihrer Erstsprache, was mir persönlich bei Englisch und Französisch noch keine Probleme bereitete, bei polnisch oder griechisch dann schon. Für die Idee des Buches ist das aber nur konsequent, und manche der Figuren hatten damit ebenfalls zu kämpfen:

„Das Problem mit den Fremdsprachen, wusste Erhart, wenn man sie nicht zumindest stiefmuttersprachlich beherrschte, war, dass man immer nur sagt, was man sagen kann, und nicht was man sagen will. Die Differenz ist das Niemandsland zwischen den Grenzen der Welt.“ (S.302)

In Die Hauptstadt geht es um Machtkämpfe und Schachereien innerhalb der EU-Kommission, um die Erinnerung an die Shoah, Schweinebauern(lobby), ThinkTanks, einen Mord, Eliteunis und noch viele weitere Einzelgeschichten, die größtenteils mit der letzten Seite des Buches einfach aufhören, ohne aufgelöst zu sein. Die letzten beiden Worte verweisen immerhin vielleicht auf eine Fortsetzung: À suivre

Robert Menasse: Die Hauptstadt. Suhrkamp, 2017. 460 Seiten, 24,70€.

Makarionissi – Vea Kaiser

Vea Kaiser wollte ich im Mai beim Literaturfest Währing aus ihrem aktuellen Roman Rückwärtswalzer lesen hören, doch an diesem Abend platzte die Regierung und ich blieb doch lieber ORF-TVThek-schauend daheim. In der Bücherei schaute ich mich dann danach um und fand nur Makarionissi, das ich mitnahm, ohne den Klappentext zu lesen.

Es stellte sich als verrückte Familiengeschichte heraus, die sich von Griechenland über Niedersachsen, Niederösterreich, die USA, die Schweiz und wieder zurück nach Griechenland, genauer gesagt auf die fiktive Insel Makarionissi in der Ägäis, spinnt. Es beginnt bei der Yiayia (Großmutter) Maria Kouzis in einem kleinen Bergdorf, die ihre beiden Enkel Eleni Stefanidis und Lefti Zifkos verheiraten will, was auch passiert, aber schief geht. Die beiden und ihre Familien stehen den Rest des Buches im Mittelpunkt der Geschichte, entfernen sich weit voneinander, aber finden sich am Schluss natürlich trotzdem wieder. Der Stammbaum ist schon auf der ersten Seite abgedruckt, was einerseits irgendwie spoilert, andererseits doch wichtig ist, um nicht den Überblick zu verlieren.

Ich kenne mich nicht gut genug mit griechischer Politik, Geografie oder Mythen aus, dass ich in diesem Buch zwischen Fiktion und Realität unterscheiden hätte können. Doch eigentlich ist das auch egal, denn alle Elemente daraus, die Vea Kaiser aufgreift, fügen sich wunderbar zusammen.

Gegen Ende, als Iannis, Elenis Enkelsohn, eine größere Rolle spielt, fühlte ich mich an den großen Glander von Stevan Paul erinnert (dessen Niveau, über Essen zu schreiebn, Vea Kaiser aber nicht ganz erreicht wie ich finde): Ein einsamer Koch, der aus vormals verschmähten Zutaten Besonderes erkocht:

„Als Vorspeise räuchere ich Karpfenfilets über Erlenholz, das wird mit Wiesenkerbel, Giersch, Knoblauchsrauke, Schafgarbe, Eberraute und Beifuß auf Mangold angerichtet, den ich mit Erlenholzöl und Kräuteressig und vielleicht mit ein bisschen Senf mariniere. Als Zwischengang gibt es Lammnieren mit gegarten Taglilien und Dreierlei von der Artischocke: Artischockendreiecke natur, frittierte Artischockenböden und Artischockencreme. Als Hauptgang Wildscheinschulter, die in einem Tomaten-Rotwein-Sellerie-Fond schmort, dazu Spitzkrautsalat mit Speck und Spitzwegerichknospen in Kirschreduktion. Zum Abschluss Macadamiacreme mit Macadamiabiskuit, Rosenrhabarber, Rosenknospen, Rosenläuterzucker.“

Vea Kaiser: Makarionissi oder Die Insel der Seligen. Kiepenheuer & Witsch 2015. 464 Seiten, 20,60€.

Pfirsich-Quark-Tarte

Als die ersten Marillen in den Geschäften auftauchten, träumte ich von einer Tarte mit cremig-frischer Joghurt-Quark-Füllung (Topfen, ja eh) und in Vanille pochierten Marillen. Genau so eine Tarte machte ich dann auch, doch ich war nicht ganz zufrieden, weshalb ich innerhalb weniger Tage einen zweiten Versuch startete.

angeschnittene tarte und stück tarte in der vogelperspektive

Das hing nicht unbedingt mit meiner plötzlich gesteigerten Motivation zusammen, in kurzen Abständen das Gleiche zu Backen (was ich insgeheim schrecklich finde), sondern mit den gerade reif gewordenen Pfirsichen meines eigenen kleinen Bäumchens. Das hatte ich vor fünf Jahren (!?) zum Abitur geschenkt bekommen und im Garten meiner Familie eingepflanzt.

die angeschnittene tarte, daneben das stück auf einem teller

Diesen Sommer trug er so viele Früchte, dass er Stützhölzer brauchte, um an der Last nicht zu zerbrechen. Die Pfirsichsorte ist allerdings etwas komisch, entweder steinhart oder schon matschig. Die Marmelade, die ich daraus gemacht habe, ist wunderbar, auch in dieser Tarte schmecken sie gut – doch besonders fotogen sind die Pfirsichstücken nicht.

einn stück pfirsich-quark-tarte seitlich fotografiert
Die Pfirsichschicht zwischen Tarteboden und Quarkfüllung ist eher matschig – eine andere Sorte müsst her!

Aber wenigstens geben sie viel Farbe her, sodass der Pfirsichgussobenauf schön rosa wurde!

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Zuckersüß 343

In dieser Woche habe ich Käsekuchen mit Bröselboden (Rezept bald im Blog!) gebacken, außerdem auch Milchreisauflauf, Bravetart’s Zimtschnecken und eine Zwetschgen-Version der Frangipane-Tarte mit Marillen.

Überhaupt hatte ich recht viel mit Reis zu tun, da ich für Ö1 Moment Kulinarium gerade an einer Sendung zum Thema arbeite. Ich recherchierte auf einem Reisfeld (nur 3km von U1 Leopoldau!), war bei einem italienischen Koch und in einem japanischen Restaurant. Anzuhören ist das Ganze dann am Freitag um 15.30h.

Der Semesterstart mitsamt Prüfungsterminen naht, weshalb ich mich ein bisschen in prüfungsrelevante Lektüre zur Globalgeschichte (Margarete Grandner, Arno Sonderegger: Nord-Süd-Ost-West-Beziehungen. Eine Einführung in die Globalgeschichte. Mandelbaum Verlag) vertieft habe und dabei sehr interessantes zu scheinbar typisch „österreichischen“ (Kernöl, Käferbohnen), „ungarischen“ (Paprika) und „italienischen“ (Polenta, Tomaten) Zutaten gelernt, die alle eigentlich aus den Amerikas stammen.

So sollte meine Töpferei werden…

Am Samstag hatte ich dann die Chance, zu töpfern – und machte mich gleich daran, ein paar Teller für meine Fotos hier herzustellen. Inspiriert sind sie von @kchossak_pottery (Izy Hossack aka Top With Cinnamon’s Mama), ich hoffe, sie werden was!

Bis Sonntag gab es außerdem noch eine zweite CfP-Runde bei der coolsten Internetkonferenz Wiens, der Privacy Week (21.-27.10.), und ich reichte ganz knapp gerade noch so um 23.59h einen Sketchnote-Workshop ein. Da fällt mir ein, kennt ihr schon meine Sketchnote-Freelance-Webseite?

Hier folgen meine liebsten Links der Woche:

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Apfelradl – Frittierte Apfelringe

Apfelradl sind ein Dessert, das ich mit Omas verbinde und mit Bayern. Dabei habe ich – glaube ich – noch niemals bei einer meiner Omas Apfelradl gegessen. Die Bayern-Assoziation kommt wahrscheinlich davon, dass in vielen Rezepten ein Schluck Bier vorkommt.

Als ich kürzlich in den Bergen war, konnte ich nur dann Backen, wenn der Holzofen gut angeheizt war. Deshalb habe ich vorsichtshalber einer Flasche Pflanzenöl mitgenommen, um im Zweifel immerhin Frittieren zu können – was ich zuhause nie mache, weil ich den Fettgeruch in der ganzen Wohnung nicht ertrage.

Foodstyling auf der Alm: spartanisch wie die Küche

Eines Nachmittags wollte ich unbedingt einen süßen Snack haben. Ich hatte Äpfel zur Hand und die Möglichkeit zu frittieren, also wagte ich mich an Apfelradl. Ohne Bier (hatte ich nicht) oder Puderzucker (war aus). Dennoch waren sie außerordentlich gut, vielleicht frittiere ich zuhause doch mal wieder?

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Kikko Bā

Schleifmühlgasse 8, 1040 Wien

In der Vergangenheit habe ich alle meine Restaurant-/Café-/Barbesuche in den Sonntags-Linksammlungen verwurschtelt, doch ich glaube, dass es sinnvoller ist, sie in eine extra-Kategorie im Blog auszulagern. Hier kommt deshalb mein erster Lokalbericht zum Kikko Bā, mit ziemlich schlechen Handyfotos (besser als nix).

Das Popup-Restaurant der Mochi-Leute hat einen kleinen Schanigarten (ohne Reservierungsmöglichkeit!), in dem schon Fliesdecken auslagen, als ich endlich mal dorthin kam (schon seit der Eröffnung Ende Juni auf meiner To-Do-Liste). Das Konzept ist schnell erklärt: häufig wechselnde Tapas-Variationen mit asiatischem Einfluss und oft viel Chili.

Zu zweit aßen wir insgesamt sieben Tellerchen (wirklich schönes Geschirr!), doch mit großem Hunger sollte eins besser nicht dorthin gehen, denn die Portionen sind eher sparsam bemessen. Zu Beginn bestellten wir Spicy Edamame, Gekochte Sojabohnen mit einer Sauce aus fruchtig-scharfen Chilis. Die färbte ziemlich stark, wer also mit den Fingern isst wie ich (ich kann immer noch nicht mit Essstäbchen umgehen?!) sollte aufpassen, keine strahlend roten Flecken zu verursachen (been there, done that). Vorm Dessert orderten wir (Hunger!) noch ein zweites Schüsselchen Edamame und ich glaube, ich sollte endlich herausfinden, wo es Sojaschoten zu kaufen gibt, damit ich sie auch zuhause snacken kann.

Als nächstes: Bing Bread – Humus – Chili Oil – Sesame. Das warme Bing Bread stellte sich als dünnes, in Fett ausgebackenes Hefefladenbrot heraus, das mich an eine Mischung aus marokkanischem Batbot und Msimn erinnerte. Stellenweise war es so dünn, dass es beim Reinbeißen knisterte, der Rand war aber weich genug, um das sehr sesamlastige Humus aufzustippen. Im Teig war wohl auch etwas Zucker, anders kann ich mir den Geschmack des Brotes nach Faschingskrapfen nicht erklären. Dieses Gefühl wurde von der großzügigen Menge an flockigem Salz, mit dem die Oberseite bestreut war, gut abgedämpft. Ich hätte gern noch mehr Brot gehabt, denn es reichte nicht für die recht üppige Dip-Menge und schmeckte auch pur ziemlich gut.

Anschließend folgte Portobello Sando – BBQ – Chimichurri Cabbage, ein aufgespießtes Sandwich gefüllt mit paniertem Pilz und extrem fein gehobelten Kraut. Das Weißbrot ähnelte Brioche, es schmeckte nach Zimt und Zitrone und war karamellisiert getoastet. Geschmacklich war das mein Favorit des Abends, doch mit 8,90€ für ein paar Bissen auch ziemlich teuer. Dann noch Greek Piri Piri Salad – Feta – Olive Salsa, ein Salat aus Gurken, rotem und gelben Paprika und Tomaten in groben Stückchen, darüber krümeliger Feta und pestoartige Olivensauce. Insgesamt recht unspektakulär.

2 mochi bällchen und eine schüssel mit eis und walnusscrumble
Die beiden Desserts

Die Nachspeisen wollte ich beide probieren: Elderberries – Walnut Crumble – Lychee Ice Cream sowie Ice Cream Mochi. Ersteres stellte sich als spannende Geschmackskombination heraus, wobei das Dessert eiskalt viel besser war als nur wenige Minuten später, als es zu einer einheitlichen Suppe zusammengeschmolzen war (die Eisnocke war nicht besonders groß). Die Eismochi fand ich ziemlich enttäuschend, denn das Eis (einmal Vanille, einmal Erdbeer) schmeckte sehr künstlich. Und die Reisteigschicht außen herum war zu spärlich für meinen Geschmack (nicht, dass ich mich besonders gut mit Mochi auskenne).

Zum Essen tranken wir Holunder-Minz-Soda bzw. Zwetschgen-Jasmin-Limonade. Ersteres fand ich halbwegs fade, doch die Kombination aus Zwetschge und Jasmin (und ein bisschen Ingwer) werde ich mir merken. Auf der Weinkarte stehen genauso viele Punkte wie auf der Speisekarte, außerdem gibt es Sake und anderen Schnaps für „after dinner“.

Fazit: Ich habe einen schönen Abend im Kikko Ba verbracht, das Essen war größtenteils sehr gut, doch ein wow blieb aus.

Zuckersüß 342

In dieser Woche habe ich Snickerdoodles aus dem Bravetartbuch gebacken (das Rezept von i am a foodblog, das ich letzte Woche hier verlinkt habe, nervte mich mit zu vielen schrecklichen Cup-Angaben) und es fühlte sich schon sehr stark nach Herbst an. Der Zwetschgenkuchen, den ich ein paar Tage später mit geschenkten Gartenzwetschgen gebacken habe, und das schrecklich kalte Regenwetter, das plötzlich über Wien hereingebrochen ist, taten ihr Übriges. Die Rezepte folgen, wie immer, mit etwas zeitlichem Abstand.

Ein bisschen Sommergefühl schlich sich aber doch noch ein, denn ich war endlich mal im Kikko Bā . Weil es viel sinnvoller ist, meine Restaurantbesuche unauffindbar in den Sonntagslinksammlungen zu verstecken, habe ich beschlossen dafür eine neue Kategorie im Blog zu starten: Lokale. Der erste Eintrag ist logischerweise zum Kikko Bā. Wie häufig ich über Lokale schreibe, wird sich zeigen, aber vielleicht bekomme ich so ja mal meine schon seit zwei Jahren geplante Wien-Lieblinge-Liste zusammen. Anständige Fotos wird es vermutlich nicht geben, denn mit Kamera in Restaurants, Cafés und Bars zu gehen ist mir zu peinlich – mir ist es schon unangenehm, die einzelnen Gänge und die Karte mit dem Handy abzufotografieren. Nur ohne „Fotonotizen“ kann ich mir niemals merken, was ich gegessen habe und was ich davon hielt…

Hier folgen meine Links der Woche:

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Backen auf der Alm

Kürzlich war ich für einige Tage in den Bergen. Dort war ich nicht etwa für einen Aktiv-Wander-Urlaub, sondern hauptsächlich zur Entspannung. Und zum Bücherlesen. Und Backen!

Doch die Hütte, in der ich die Woche über geblieben bin, ist nicht ans Stromnetz angeschlossen. Das heißt, es gibt keinen klassischen Backofen! Wenn der Holzofen nicht zufällig angeheizt ist, z.B. weil es ziemlich warm ist (auch auf 1500m wirds im August noch heiß), bleibt nur der Gasherd als Alternative, auf dem ich deshalb allerlei frittiert habe – z.B. Churros (die nicht besonders gut geworden sind) oder Apfelradl:

Frittierte Apfelradl mit Zimt und knirschigem Zucker

Abends wurde es dann aber doch hin und wieder so kalt, dass der Ofen eingeheizt werden musste und mir eine Steilvorlage zum Backen gab. Zum Ratatouille, das wir darauf schmoren ließen, machte ich das Polenta Cornbread vom April:

Polenta Cornbread
Polenta Cornbread

Und auf der einzigen Wanderung, die mehr als ein kleiner Spaziergang war, verbrachte ich mehr als eine Stunde am Berghang, um Heidelbeeren zu sammeln.

Stacheldrahtzaun, dahinter Heidelbeerstauden, dahinter weitere Berggipfel
So viele Heidelbeeren hinterm Stacheldrahtzaun!
Die Trinkflasche musste als Sammelgefäß herhalten
Die Trinkflasche musste als Sammelgefäß herhalten

Ich kam insgesamt auf gerade einmal 500 Gramm, doch die schmeckten dafür umso besser. Bergheidelbeeren sind wirklich kein Vergleich zu den wässrigen, aufgeblasenen Früchtchen aus dem Supermarkt.

Ich nutzte die Gunst der Stunde (kühle Temperaturen = Holzofen brennt und „Kühlschrank“ ist trotzdem gegeben) und setzte den Teig für Bravetart’s Zimtschnecken an, der über Nacht ruhte. Statt mit Zimt-Zucker-Butter füllte ich den Teig dann aber mit Heidelbeer-Butter und konnte zum Frühstück außerordentlich gute Heidelbeerschnecken servieren:

Heidelbeerschnecken vogelperspektive
Im Holzofen für gleichmäßige Hitze zu sorgen ist nicht unbedingt meine Stärke…
Ein bisschen unförmig, aber so gut!

Ansonsten begegnete ich auch noch ein paar Tieren…

Die Kuh chillt
Die Kuh chillt
Freilaufende Pferde gibts auch!

…und dem weltbesten Zirm auf der Wimmer-Alm.

mehrere schnapsgläser mit oranger flüssigkeit
So guter Likör!

Zuckersüß 341

Die vergangene Woche habe ich größtenteils abgeschnitten von der Welt verbracht. Also Kein-Netzempfang-abgeschnitten. Keine-Steckdose-im-ganzen-Haus-abgeschnitten. Nur Bergwasser-ohne-Badezimmer-abgeschnitten. Neu ist das nicht, am gleichen Ort habe ich auch schon 2018, 2016, 2013 Zeit verbracht und noch viel öfter ohne darüber zu bloggen.

Obwohl ich in diesem Jahr schon oft verreist bin (Ljubiljana, Berlin, Napoli und viele andere Städte im Süden Italiens) habe ich noch nicht wirklich Urlaub gemacht, denn ich hatte immer Unizeug oder sonstige Arbeit dabei und/oder nahende Deadlines im Genick.

So wurden meine sechs Tage auf der Almhütte zur entspannendsten Zeit der letzten Monate. Ich schaffte es tatsächlich, täglich ein ganzes Buch zu lesen und mir ein paar Gedanken darüber zu machen (der nächste Buchblogpost sollte also nicht lange auf sich warten lassen), habe eineinhalb Paar Socken gestrickt und war auch ein ganz kleines bisschen wandern. 

Am vorhergehenden Wochenende war ich auch „im Tal“ ein bisschen unterwegs und stieß zweimal völlig zufällig auf Lokale, die ich toll fand. In Hallein aß ich bei der Genusskrämerei spätabends noch sehr gute Tapas (besonders gern hatte ich das Roastbeef mit Senf, Kapern und außerordentlich guten getrockneten Kirschtomaten), als Nachspeise eine sehr feine Schokotartelette und trank einen Shrub dazu.

In Salzburg war ich bei die Cabreras, ein mexikanisches Restaurant mit tollem Schanigarten voller bunter Holzstühle und Lichterketten. Dort wollte ich möglichst viel probieren, das mir kein Begriff war. Mit meinem absoluten Noob-Status was mexikanische Küche anbelangt hätte ich deshalb auch gleich die ganze Karte bestellen können, aber so viel Hunger hatte ich auch wieder nicht. Als Vorspeise gab es für den ganzen Tisch Guacamole mit hausgemachten Tortillachips, die so ganz anders waren als die aus der Supermarktchipstüte: viel dichter, leichter zerbrechlich und ohne klebrige Würzschicht außenherum. Meine Hauptspeise, an deren Namen ich mich dummerweise nicht erinnere, war ein knuspriger mit Käse überbackener Maisfladen mit einer schwarzen Bohnenpaste, Kaktusstückchen, die mich in ihrer Konsistenz an Essiggurkerl errinnerten, Champignons und Avocadospalten. Ich wusste das Ganze nicht recht zu essen, weder allein mit den Händen, noch mit Messer und Gabel funktionierte es recht – sollte ich vielleicht einfach öfter lateinamerikanisch essen gehen? Der unspektakulär aussehende Maiskuchen zur Nachspeise beeindruckte mich dann nochmal sehr. Ganz anders als Cornbread, das ich kenne (z.B. das Polenta-Cornbread hier im Blog ), war er richtig saftig, fast gatschig wie Brownies und schmeckte sehr intensiv nach Mais – als wäre ein ganzer Kolben in pürierter Form darin verbacken. Dazu trank ich Horchata, ein Reis-Zimt-Getränk, über das ich bisher nur gelesen hatte – die NYT ernannte eine Variante davon, den Dirty Horchta zum Getränk des Sommers 2019.
Über meine eigenen Koch- und Backabenteuer auf der Alm schreibe ich noch einen extra Post, hier folgen erstmal meine Links der Woche, auf der Zugfahrt heim (hauptsächlich aus Newslettern?!) gesammelt:

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Bücher von März bis Mai

Das mit meinen monatlichen Bücher-Blogposts hat nicht besonders gut funktioniert, der letzte erschien im März, damals hatte ich das Millenial-Manifest (Bianca Jankovska), Frauen & Macht (Mary Beard) und Instagram Signature Style (Sylvia Fritsch) gelesen. Im Januar war ich mit vier Titeln – Versteckte Jahre (Anna Goldenberg), Super, und dir? (Kathrin Weßling), Alle, außer mir (Francesca Melandri) und Immer schon vegan (Katharina Seiser) – noch ein bisschen fleißiger.

Seitdem habe ich zwar nix mehr zum Thema gebloggt, doch gelesen habe trotzdem einiges – diese Bücher sind mir(von März bis Mai, der Rest folgt irgendwann) besonders in Erinnerung geblieben und ich werde versuchen, zu beschreiben warum (pivot zum Buchbloggen??):

Helle Materie – Sina Kamala Kaufmann

Von diesem Buch und der Autorin hörte ich bei der Liveaufzeichnung von Wir müssen Reden am 35c3 zum ersten Mal. Der Osterhase (danke Mama!) brachte mir dann die Nahphantastischen Erzählungen, wie es im Untertitel heißt.

Die zwölf sehr unterschiedlich langen Kurzgeschichten beschreiben jeweils Ausschnitte aus der nahen Zukunft, von einer Stöckelquote, laut der männliche Manager in klassisch weiblichen Outfits arbeiten müssen, wenn die Frauenquote im Betrieb nicht erfüllt wird, oder von Opt-In Slavery, bei der Wohlhabende andere Menschen wie Spielfiguren durch deren Leben bewegen, sozusagen Real Life Gaming für Superreiche. Meine liebste Geschichte war wohl die vom Bundesnarren, die mir auch mit am zugänglichsten von allen erschien.

Der Bundesnarr hatte lediglich drei Mitarbeiter und die gut unterhaltene Öffentlichkeit auf seiner Seite, doch er wirkte inspirierend auf andere Staatsdiener. Seine institutionelle Einrichtung war erstaunlich unkompliziert gewesen. Eine schlichte Änderung der Bundestagsgeschäftsordnung hatte ausgereicht, um einen Bundesnarren einzuführen und, wie ausländische Medien überschwänglich kommentierten, „eine Neubelebung der repräsentativen Demokratien“ anzustoßen. (S. 103)

Und diese Passage kam mir vor, wie das Spiegel-Zahlen-Kunstprojekt in der Wiener U-Bahn-Station Karlsplatz:

Klaus [der Bundesnarr] erwirkte die Abschaffung der Toilettenspiegel im Parlament und in allen Ministerien. Das so an Putzdienstleistungen gesparte Geld wurde symbolisch für neue Frauenhäuser gespendet, denn es fehlten davon über 18.000 im Land. So viele Frauen, die Gewalt erfuhren, Hilfe suchten und keine bekamen? Er fand, weder die Innenministerin noch der Familienminister sollten ruhig schlagen können. Statt ihres Spiegelbilds bekamen die Abgeordneten und Gleichstellungsbeauftragten also jeweils die aktuelle Zahl der fehlenden Plätze angezeigt. […] Es kamen aber bald weitere Kennziffern hinzu, die durchschnittliche Klassengröße an Schulen, die Zahl der Wohnungslosen, die Anzahl der Suchtkranken, die Summe der ausgestorbenen Insekten, die Quadratmeterzahl versiegelter Bodenflächen im Vergleich zu unversiegelten, die Zahl der Analphabeten, das Bruttoinlandsprodukt, das Durchschnittseinkommen (S. 107)

Sina Kamala Kaufmann: Helle Materie. Nahphantastische Erzählungen, 2019. 176 Seiten, 14,99€

Hunger – Roxane Gay

Über/von Roxane Gay habe ich schon viel gelesen, z.B. dieses großartige Guardian-Interview zusammen mit Hannah Gadsby, und gehört, z.B. diese Rookie-Podcastfolge (in dem es danach um ziemlich esoterisches Zeug geht). Hunger. A Memior of (My) Body lag recht lang als Lektüre anderer in meiner WG herum, bis ich es endlich selbst durchlesen konnte. Und dann konnte ich das Buch kaum weglegen, obwohl es eine so schmerzhafte Geschichte erzählt.

I began eating to change my body. I was willful in this. Some boys had destroyed me, and I barely survived it. I knew I wouldn’t be able to endure another such violation, and so I ate because I thought that if my body became repulsive, I could keep men away. Even at that young age, I understood that to be fat was to be undesirable to men, to be beneath their contempt, and I already knew too much about their contempt. This is what most girls are taught – that we should be slender and small. We should not take up space. (S. 11)

Als 12-jährige vergewaltigt, isst sich Roxane Gay aus Selbstschutz einen „Panzer“ an, der sie bis heute verfolgt. Fat Shaming, Rassismus und Misogynie begleiten sie in ihrem Alltag. Sie analysiert ihre Lebenserfahrungen herrschaftskritisch und reflektiert gleichzeitig die Privilegien ihres wohlhabenden Elternhauses. Das Buch liest sich aber weit weniger sperrig als das jetzt klingt, denn Roxane Gay schreibt erzählerisch und sehr zugänglich. Das erinnerte mich an bell hooks, die mit ihren Texten explizit Klassengrenzen überwinden will.

Hunger. A Memior of (My) Body kam mir vor wie ein Fenster in eine andere Lebensrealität, das mir auch meine eigene Privilegiertheit zeigt:

Anytime I enter a room where I might be expected to sit, I am overcome by anxiety. What kind of chairs will I find? Will they have arms? Will they be sturdy? How long will I have to sit in them? […] This recitation of questions is constant, as are the recriminations I offer myself for putting myself in the position of having to deal with such anxieties by virtue of my fat body. This is an unspoken humiliation, a lot of the time. (S.184)

Roxane Gay schreibt auch über den Kampf um die eigene Handlungsfähigkeit, über Wege um die Barrieren, die die Gesellschaft für Menschen außerhalb der Norm bereithält.

From then on, I began to buy two coach seats, which, when I was still relatively young and broke, meant I could rarely travel. The bigger you are, the smaller your world becomes. (S.191)

Und obwohl das Buch voll mit unerträglich verletzenden Situationen ist, blieb zumindest mir am Ende die Hoffnung auf eine freundlichere, vielfältigere Gesellschaft.

Roxane Gay: Hunger. A Memoir of (My) Body. Corsair, 2018. 280 Seiten, £ 8,99

Desintegriert euch – Max Czollek

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich überhaupt zu diesem Buch und Autor gekommen bin, denn ich war mir sicher, es lesen zu müssen, ohne zu wissen, worum es eigentlich genau geht. In keiner Bibliothek war es verfügbar, also kaufte ich mir mein eigenes Exemplar.

Desintegriert euch stellte sich als Streitschrift heraus, die sich einerseits gut „dahinlesen“ ließ (wenn auch nicht so niedrigschwellig geschrieben wie Hunger), mich aber an sehr vielen Stellen zum „Stolpern“ brachte – mir völlig neue Perspektiven aufzeigte, die mich nachdenken ließen. Jetzt kleben sehr viele Plastik-Markierfitzelchen im Buch, nicht nur dort, wo auf weiterführende Literatur verwiesen wird.

Max Czollek greift zu Beginn das Konzept des „Gedächntistheaters“ des jüdischen Soziologen Michal Bodemann auf. Demnach dient die Erinnerung an die Shoah vor allem der Läuterung der Deutschen und der Konstruktion ihres neuen Selbstbildes:

Im Gedächtnistheater sind Juden zwar wichtig, aber wie beim Schauspiel auch geht es nicht um die Personen, sondern um die Rollen, die sie spielen – um ihre symbolische Bedeutung als Vertreter*innen der Vernichteten. Das ist nur folgerichtig, denn die Funktion des Gedächtnishteaters is nicht, jüdische Pluralität abzubilden, sondern das Versprechen auf Versöhnung für die deutsche Gesellschaft einzulösen. (S.24)

Es sind also wieder die Deutschen, die Mehrheitsgesellschaft, die bestimmt, wie „richtiges“ Jüdischsein zu sein hat. Individualität und Differenzierung hat im Gedächtnis- und Integrationstheater keinen Platz.

Diese symbolische Aufladung des Bildes von den Juden wird besonders deutlich in ihrer notorischen Einbindung in gesamtgesellschaftliche politische Konfliktlinien, die erst einmal wenig mit den Juden und Jüdinnen zu tun haben. Derzeit lässt sich das eindrucksvoll an den Mode-Redewendungen „jüdisch-christliche Kultur“ oder „jüdisch-christliches Abendland“ zeigen. Konservative Politiktreibende verwenden diese zwei Adjektive um ihr Verständnis von deutscher Tradition und Kultur vom Islam abzugrenzen. Einfach so. Die Behauptung einer jüdisch-christlichen Kultur ist natürlich maximal verlogen, denn sie verdreht die historischen Tatsachen bis zur Unkenntlichkeit. (S. 28)

Dank Max Czolleks Buch kann ich meine diffuse Abneigung gegenüber dem Integrationsdiskurs nun auch mit mehr Argumenten unterfüttern, die sogenannte „Leitkultur“ enttarnt er beispielsweise als durch und durch rassistisches Konzept:

die Inszenierung der Differenz zwischen uns und ihnen dient der Stabilisierung der Dominanzkultur. Wir behandeln Frauen gut, die anderen tun das nicht, uns liegt das Kindeswohl am Herzen, die anderen fügen ihnen bei der rituellen Beschneidung Schmerzen zu, wir essen friedlich Schweinefleisch, die anderen schächten Tiere und so weiter. Das deutsche nationale Selbstbild erzeugt sich traditionell über kulturelle Abgrenzung. Darum ist es kein Zufall, dass sich die Kulturalisierung des Integrationstheaters in einem speziellen deutschen Wort niedergeschlagen hat: der Leitkultur. (S.65)

Die Alternative zu alldem steht schon im Titel des Buchs:

Das Konzept der Desintegration fragt nicht, wie einzelne Gruppen mehr oder weniger gut in die Gesellschaft integriert werden können, sondern wie die Gesellschaft selbst als Ort der radikalen Vielfalt anerkannt werden kann. (S. 73f)

In einer Gesellschaft der radikalen Vielfalt würde ich gerne leben, glaube ich.

Max Czollek: Desintegriert euch! Hanser, 2018. 208 Seiten, 18€

Stachelbeer-Frangipane-Tarte

Bei Top With Cinnamon hatte ich kürzliche einen Stachelbeerkuchen gesehen und träumte seitdem davon, selbst einen zu machen. Aber ich wollte unbedingt Mandeln, genauer gesagt Frangipane, als Kontrast dabei haben, so ähnlich wie bei der simplen Rhabarber-Frangipane-Tarte oder der superaufwendigen Frangipane-Tarte mit Kardamomcreme und pochierten Marillen.

Und siehe da: ein paar Tage später tauchten magischerweise ein paar wenige Stachelbeeren in unserem Kühlschrank auf. Also eigentlich gehörten sie meiner Mitbewohnerin, die sie nicht aufessen wollte weil sie so sauer waren. Glücklicherweise fand ich auch noch eine handvoll Heidelbeeren, die weitaus süßer waren und mit denen ich die Tarte „auffüllen“ konnte.

ein stück stachelbeer-frangipane-tarte mit puderzucker auf einem dunklen teller
Ich hattee ein nicht unbedingt fotogenes Stück Tarte vor der Linse…

Gesagt, getan, die Tarte wurde ziemlich lecker!

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Ein zuckersüßes, zuckerbäckereipinkes Foodblog