Eine Reise nach Napoli

Im Februar habe ich ein Wochenende in Napoli verbracht. Die Stadt interessierte mich natürlich wegen ihrer kulinarischen Tradition, doch ein da muss ich unbedingt mal hin – Reiseziel war sie nicht. Bis ich feststellte, dass der Regionalzug von Campobasso, wo ich einen Teil meiner Semesterferien verbrachte, nur etwas länger als drei Stunden in die kampanische Hauptstadt braucht und das für 10,25€!

So wenig informiert war ich auch noch nie in einen Städtetrip gestartet, doch die Empfehlungen von und Spaziergänge mit befreundeten Locals (Erasmussemester sei dank!) waren am Ende eh viel besser als jeder Reiseführer. Es stellte sich heraus, dass Napoli doch recht anders war, als ich es mir vage vorgestellt hatte. Ein wirklich konkretes Bild hatte ich nicht im Kopf, nur so lose Ideen einiger breiter Straßen und viel Müll (Mafia sei dank).

Geht man eine Viertelstunde, ändert sich das Stadtbild nämlich ziemlich schnell. Rund um den Bahnhof – eine nicht besonders einladende Gegend, btw – stehen einige Hochhäuser, deren goldene Zeiten offensichtlich vorüber sind.

Viele Hochhäuser und eine Riesenbaustelle vorm Bahnhof Napoli Centrale.

Auf dem Weg ins historische Stadtzentrum werden die Straßen enger, die Autos und Mofas aber nicht weniger.

Überall Wäscheleinen, Klischee erfüllt!

Und es gibt so unendlich viele Kirchen. Manchmal konnte ich nicht unterscheiden, wo die eine anfing und die nächste aufhörte. Die wichtigste Kirche, der Duomo di Napoli, besteht selbst schon aus so vielen Kapellen, dass ich den Überblick verlor. Der wunderschöne Steinfußboden in der Krypta blieb mir aber in Erinnerung.

Eine Kirche links, eine Kirche rechts und dazu noch eine monumentale Heiligenstatue.
Der Heiligenschein strahlt mit der Litfaßsäule und der Ampel um die Wette.

Nicht nur die Kirchen zeugen von der Frömmigkeit Napolis, auch eine andere Tradition, die ich recht befremdlich finde: Hausaltäre. Die gibt es in sehr groß und in Schaukasten-klein, ebenerdig und hoch oben an Hausmauern. Darin drapiert sind Heiligenbilder, Fotos Verstorbener, Blumen und Kerzen. Nachts sind sie häufig beleuchtet.

Dieser Altar befindet sich gegenüber eines Supermarkts
Ein besonders prächtiger Hausaltar.

Im Dunklen fühlte ich mich manchmal wie nach Marokko versetzt. Einige Gegenden Napolis könnten mit ihren schlecht gepflasterten Straßen, Straßenständen für Waren aller Art und absurd schnell fahrenden Mofas genauso auch in einer marokkanischen Medina platz finden.

Napoli oder Rabat?
So einen günstigen Gemüsehändler hätte ich auch gern in Wien.

Der Eindruck ändert sich ein paar Gehminuten später wieder vollständig. Auf der Piazza Bellini steht nicht nur eine Statue des Komponisten, sondern auch viel Grün, das sich die Straße den Hügel hinunterzieht. Undenkbar in Marokko: Die Studis (und wir), die ab dem späten Nachmittag einen Spritz für nur 2€ im Freien schlürfen.

Noch ein Altar und ein paar Graffiti dazu.
Eine Mini-Allee im historischen Zentrum!

Durch ein teilweise überdachtes Gässchen gelangt eins zur Piazza Dante, die an diesem Februarsonntag voller kostümierter Kinder und Konfetti war.

Fasching!

Auf der Via Toledo, der Haupteinkaufsstraße, sah das nicht viel anders aus. In den Menschenmassen kam ich kaum vorwärts und hätte außerdem beinahe die Galleria Umberto I. übersehen. Die Geschäfte darin interessierten mich zwar überhaupt nicht, aber das Gebäude ist ziemlich schön anzuschauen.

Die Galleria Umberto I erinnert mich an die Galeries Royales in Brüssel
Fasching auf der Piazza Plebiscito

Von der riesigen Piazza Plebiscito aus, in den sowohl die Via Toledo als auch die Luxuseinkaufsstraße Via Chiaia mündet, ist schon das Meer zu sehen. Einen Stadtstrand gibt es nicht, sondern nur eine befestigte Promenade, an der es sich aber gut flanieren lässt.

Meer! Nur viel zu dreckig, um darin zu schwimmen.
Luftballonverkäufer gibt es ziemlich viele in Napoli.

Irgendwann war mir das mehr-oder-weniger-planlos-durch-die-Stadt-spazieren aber zu anstrengend (viele Kilometer und Höhenmeter kann eins auf einem Städtetrip eigentlich machen?) und ich wollte ein bisschen *Kultur* (mit Vermittlung).

Der Eingang zu Napoli Sotteranea ist – wer hätte das gedacht – neben einer Kirche.

Napoli Sotteranea, der Untergrund der Stadt war mir von vielen Seiten empfohlen worden. Gleich morgens um zehn schlossen wir uns (für 10€ pro Person) der italienischsprachigen Führung an. Englisch hätte es auch gegeben, aber erst eine Stunde später und die wollte ich nicht warten. Überhaupt halte ich es für eine super Sprachlern-Herausforderung, einer Museumsführung zu folgen. Mein Italienisch ist ungefähr auf 3-Monate-Duolingo-Level, aber dank meiner doch recht brauchbaren Französischkenntnisse verstehe ich meistens doch ziemlich viel. Und tatsächlich, ich konnte dem Rundgang weitestgehend folgen.

Die Geschichte des Museums ist schon ziemlich beeindruckend, denn eigentlich waren die Räume vor mehr als 2000 Jahren griechische Zisternen. Genutzt wurden sie, bis im 18. (oder 19.? – ich erinnere mich nicht) die Cholera ausbrach. Anschließend lagen sie einige Jahrzehnte brach, bis ihnen im zweiten Weltkrieg die Nutzung als Bunker zufiel.

Sehr nichtssagend an der Oberfläche, dabei ist im Keller ein antikes Theater.

Über einen anderen Eingang zu erreichen, aber ebenfalls in der Führung war das römische Theater. Versteckt im Fundament ganz normaler neapolitanischer Wohnhäuser war es sehr lange niemandem aufgefallen. Irgendwann geriet allerdings jemand mit Fachkenntnis zu antiker römischer Mauertechnik in einen der Keller dort – und erkannte das 2000 Jahre alte Bauwerk. An der Oberfläche ist bis heute nichts davon zu sehen, denn nach wie vor sind die Wohnungen bewohnt.

Haupteingang des Museo Archaeologico Nazionale di Napoli

Das Museo Archeologico Nazionale di Napoli hatte mir ein Freund wegen der umfangreichen Pompeii-Dauerausstellung (es gibt noch fünf weitere Bereiche und eine Sonderausstellung) empfohlen.

Am Anfang war ich halbwegs enttäuscht: 15 € (7,50 € ermäßigt) ist echt ziemlich teuer für einen einzelnen Eintritt. Und der erste Saal, den ich angeschaut habe (keine brauchbaren Wegweiser!) schien in den 1980ern stehen geblieben. Gläserne Vitrinen ohne jeglichen Erklärungstext, hin und wieder ein vergilbter schreibmaschinengetippter Absatz auf italienisch.

Die Palme wächst aus dem antiken Blumentopf!
Der Blick aus dem Fenster auf den Innenhof gibt ein 1A-Insta-Motiv, findet ihr nicht?

Doch mit der Zeit konnte mich die Ausstellung über Pompeii immer mehr begeistern, die Fresken waren nämlich sehr wohl beschriftet (wenn auch die Schilder häufig 5 Meter entfernt von den Ausstellungsstücken standen) und erzählten von Figuren, die ich mit meiner mangelnden Altertumskenntnis zumindest ein bisschen einordnen konnte: Ikarus und Dädalus, Iphigenia, Europa.

Nach mehr als zwei Stunden, als ich eigentlich wegen einer Verabredung schon fast gehen musste, entdeckte ich dann noch die Sonderaustellung zu Essen in Pompeii, auf die ich leider nur einen kurzen Blick werfen konnte.

Die Asche des Vesuv hatte nicht nur die Häuser, Wandbemalungen und Alltagsgegenstände der antiken Stadt konserviert, sondern auch viele Lebensmittel. So sind in den zwei Austellungsräumen Knoblauchzehen, Datteln, Feigen, Mandeln und sogar zwei Laib Brot zu sehen (und ausführlich/zeitgemäß/zweisprachig beschrieben):

Brot aus Pompeii

Apropos Essen. Ich habe versucht, alles, was nur annähernd als „Spezialität“ Napolis gilt, zu probieren. Natürlich Pizza, aber nicht beim berühmten Sorbillo in der Via Tribunali, vor dessen Lokal sich mittags und abends eine riesige Menschentraube bildete, sondern ein paar Meter weiter bei Vesù. Pizza Fritta (Pizzateig gefüllt mit Ricotta, Speck und Tomaten, als Calzone frittiert) erinnerte an den Teigstellen ziemlich an Langos ohne Knoblauch und war mir insgesamt viel zu mächtig. Pizza Portafoglio, eine zusammengeklappte Margerita, die es gefühlt an jeder Ecke gibt, würde ich am liebsten auch in Wien als verbreiteten Snack haben.

Was ich vor meinem Besuch nicht wusste: Frittiertes hat eine große Tradition in Napoli. Arancini, panierte Reisbällchen mit unterschiedlichen Füllungen (z.B. Erbsen und Hackfleisch, Auberginen) mochte ich am liebsten, aber auch Crochetti di Patate (Kroketten mit Käsefüllung) und Frittatina di Pasta (Macaroni in Bechamelsauce oder so, in Teig frittiert) waren gut. Auf der Via Tribunali, einer wichtigen Straße in der Altstadt gibt es alle paar Meter winzige Geschäfte, die Frittiertes verkaufen. Mir schien aber, dass nicht alle davon alles selber machen, sondern auf Tiefgekühltes setzen. Empfehlenswert ist auf jeden Fall Matteo, von dem die Frittatine di Pasta auf dem Foto stammen. Bei einer zweiten Frigittoria, an deren Namen ich mich nicht genau erinnere – irgendetwas mit Präsidenten oder Prinzen oder so schmeckte es auch sehr gut.

Faschingsfrittiertes

Weil gerade Karneval ist, gab es auch viele frittierte Süßigkeiten. Chiacchiere, flache Teigplatten mit ein paar Löchern und leichtem Orangenblütenwasseraroma, scheinen die Klassiker des italienischen Faschingsgebäcks zu sein. Es gibt sie mit Puderzucker bestäubt oder in Kakaoglasur. Sie sind ziemlich knusprig und mir fällt keine deutsche/österreichische Entsprechung dafür ein, denn bei uns scheint sämtliches Frittiertes immer aus fluffigem Hefeteig zu sein.

Das Herz ist wohl eher für Porträts von Menschen gedacht, aber Sfogliatelle machen sich auch gut darin.

Ein Gebäckklassiker Napolis sind Sfogliatelle. Das sind kleine Hörnchen aus vielen Schichten Filoteig (oder so ähnlich, bestimmt kein klassischer Blätterteig!) mit unterschiedlichen Füllungen. Die verbreitetste Füllung besteht hauptsächlich aus Ricotta, der durch etwas Grieß eine spannende Konsistenz und durch kandierte Orangenschalen ein süditalienisches Aroma bekommt. Die Version mit Haselnüssen habe ich allergiebedingt nicht probiert. Ofenwarm sind sie am Besten, vielleicht versuche ich mal, selbst welche zu backen!

Taralli gibt es auch im Supermarkt, die vom Bäcker haben mich wirklich begeistert.

In der Auslage der Pannetteria Coppola auf der Via Tribunali entdeckte ich beim Frühstückseinkauf Taralli. Die kenne ich eigentlich nur als Miniatur-Aperitivo-Gebäck mit Rosmarin oder ähnlichen Kräutern. Die beim Bäcker bestanden allerdings zu mindestens einem Drittel aus grob gehackten Mandeln und waren handtellergroß. Intuitiv hielt ich sie zuerst für süßes Gebäck, aber sie waren mit Salz und Pfeffer gewürzt. Sehr spannend, auch etwas, das ich mal nachbacken könnte.

Trotz des großartigen Streetfoods wollte ich zumindest einmal im Restaurant essen. Leider wusste ich überhaupt nicht, wie ich ein Gutes finden sollte. Keiner der Blogs meines Vertrauens hatte Tipps für Napoli, TripAdvisor-Restaurantbewertungen geben in der Hinsicht fast nie etwas her und lokale professionelle Restaurantkritiker kenne ich nicht. Im Michelin (nicht, dass ich spontan ein Sterne-Restaurant im Sinn gehabt hätte), stieß ich auf Il Gobbeto:

Not far from lively Via Toledo, this authentic family trattoria serves a selection of much-loved, classic Neapolitan dishes. The traditional ambience is enhanced by the typical costumes of Naples worn by the owners. House specialities include gnocchi del gobbetto, pasta with potatoes and Provola cheese, and dried salted cod.

Via Michelin
Muscheln!

Das Restaurant war ziemlich voll und trotz Reservierung mussten wir kurz vor der Tür warten. Der Kellner war mir unsympathisch (hauptsächlich weil er alle Kellnerinnen so ruppig unfreundlich behandelte) und hatte überhaupt keine Geduld (also nichtmal 2 Minuten) für uns übrig. Wir bestellten Miesmuscheln als Vorspeise, die mit Zitrone und ziemlich gutem Weißbrot serviert wurden. Aus den Primi suchte mein Begleiter Spagetti alle vongole aus, die noch sehr bissfest waren. Die sehr simple „Sauce“ aus Butter, Petersilie und Cocktailtomaten (kein Pfeffer!) war dafür so gut, dass ich sie mit dem Brot aufsaugte. Mein erster Gang, Manfredi (breite gewellte Bandnudeln) mit Tomaten-Ricotta-Sauce war ein bisschen fade, da konnte selbst meine große Ricotta-Begeisterung nicht mehr helfen.

Und Fisch!

Ich bestellte als Hauptgang gegrillten Schwertfisch, weil es das einzige nicht frittierte Fischgericht auf der Karte war. Schwertfisch habe ich vorher noch nie gegessen, die Konsistenz erinnerte mich fast an Geflügelfleisch, so fest und mager wie sie ist.

Für meinen Begleiter gab es Alici fritte, fritierre Sardellen. Mit viel Zitrone und Weißbrot schmeckten die wirklich gut. doch nach nur wenigen Minuten verlor die Panade schon an Knackigkeit, schnell essen (teilen!) lohnt sich hier.

Dazu tranken wir den außerordentlich günstigen und ganz guten (hab immer noch keine Anhung von Wein, aber er schmeckte mir) Hauswein (4 € für eine Flasche). Eine Nachspeise ging sich nicht mehr aus, weil wir relativ bestimmt darauf hingewiesen wurden, dass nun die nächsten Gäst_innen kommen würden. Insgesamt war der Restaurantbesuch also vor allem stressig – die Atmosphäre unruhig, die Kellner gehetzt (was sie gut auf die Gäst_innen übertragen konnten, wie unser Beispiel zeigt) – beim nächsten Besuch in Napoli würde ich nicht mehr dort essen gehen.

So gutes Eis, so schlechtes Foto.

Bestimmt nochmal essen würde ich jedoch Eis von Leopoldo Infante auf der Via Toledo. Das Pistazieneis, genauer die Pistaziencreme, war das beste seiner Art, das ich jemals probiert habe. Es erinnerte mich in der Konsistenz an gefrorene Erdnussbutter – unglaublich cremig und fett – und schmeckte einfach sehr pistaz-ig (ganz anders als die vielen Pistazieneis-Verschnitte aus künstlichem Aroma, wie sie in Deutschland verbreitet sind). Die zweite Sorte in meiner Waffel nannte sich Benvenuti al Sud („Willkommen im Süden“) und war gespickt mit gerösteten Mandeln und kandierten Orangenschalenstückchen.

Mein Begleiter suchte sich aus der unglaublichen Sortenvielfalt (bestimmt 4 m Thekenbreite, 3 Eissorten „tief“) dunkle Schokolade und Haselnuss aus.

Ich freue mich schon sehr, wenn in Wien endlich wieder alle Eissalons aufmachen, hoffentlich mit vergleichbar gutem Pistazieneis.

Coole Aktion: („Wenn du mich psst psst, fiuu fiuu rufst… dreh ich mich nicht um. Ich bin nicht deine Katze!“

Was ich in Wien auch cool fände: Eine Posteraktion gegen Alltagssexismus. Vor allem rund um die Uni sind mir in Napoli viele Plakate aufgefallen, deren Message ich sehr sympathisch fand. In Brüssel gibt es mit „Laisse les filles tranquilles“ („Lass die Mädchen in Ruhe“) übrigens eine ähnliche Aktion.

Coole Graffiti gibts auch in Napoli!
Und schöne Schriftarten!

Das wars mit meinem Wochenende in Napoli, im besten Fall schreibe ich auch noch einen Post von meinen 25 Stunden in Rom ein paar Tage später.

Zuckersüß 323

In dieser Woche habe ich es tatsächlich das erste Mal überhaupt geschafft, meine ganzen 4GB an Datenvolumen zu verbrauchen. Die restlichen Zugfahrten (das war nicht wenig Strecke vom Süden Italiens bis nach Wien) verbrachte ich also zwangsweise mit aus dem Fenster schauen und ein bisschen Stricken.

Ein paar Lieblingslinks gibts trotzdem:

Rezepte

Extra thick and fluffy Japanese pancakes – Chopstick Chronicles
In dem Pfannkuchenteig ist Mayonaise!?!?!!

Fluffy Japanese Pancakes: Souffle Pancake Recipe – i am a food blog
Hab mich nicht getraut, Mayo in meinen Teig zu rühren und deshalb dieses Rezept ausprobiert. Hat leider nicht so gut geklappt (vielleicht weil ich statt Milch Sahne verwenden musste).

Matcha Amaretti Cookies – Love and Olive Oil
Die erinnern mich an die Matcha-Ghribas von vor zweieinhalb Jahren.

The Easiest Cacio e Pepe: 4 Ingredients, One Pot, No Draining – i am a food blog
Letzte Woche war ich in Rom und habe kein Original Cacio e Pepe probiert und jetzt habe ich dieses Rezept im Feed. Ein Wink mit dem Zaunpfahl?

Texte

How to Write About Food: In the Classroom with Jonathan Gold – Foodaism
Ich habe vor diesem Blogpost noch nie von Jonathan Gold, einem mittlerweile verstorbenen US-Restaurantkritiker gehört. Das aufgezeichnete Gespräch hat mich sehr beeindruckt und ich würde jetzt auch gern ein Uni-Seminar zu Food Writing besuchen. Ich muss mich wohl mit Restaurantkritiken-Lesen im Selbststudium abgeben…

One, if you’re a food writer, your opinion of the food is really uninteresting. I don’t care. None of your readers really care whether you think it’s a good burrito or a bad burrito. What they care about it knowing what was—what’s in the burrito and how it was put together and… You just got to think about it—what are sensations you’re getting from this particular thing of food than you—that are the same as things you’ve had before, that are different from things you’ve had before.How does it fit into your experience of a burrito? How does it compare in the context of the world of burritos? What is this burrito saying about the person who makes it? Does it, is it one of those gigantic overstuffed, over-steamed San Francisco monstrosities that has grilled meat and black beans and handfuls of cheese and a salad and everything else you can think of stuffed in there?

„Eure Heimat ist unser Alptraum“-Vorabdruck: Das Ende des German Dream – SPIEGEL ONLINE
Noch ein Buch auf meiner zu-lesen-Liste.

Ich bin im Deutschland der Neunzigerjahre aufgewachsen, in dem die widersprüchlichen Parolen „Ausländer sind faul“ und „Ausländer nehmen uns die Arbeit weg“ teilweise aus denselben Mündern miteinander konkurrierten. In meiner eigenen Familie, die über das Anwerbeabkommen zwischen der BRD und der Türkei in den frühen Siebzigerjahren eingewandert ist, konnte es sich weder jemand leisten, faul zu sein, noch, irgendwem die Arbeit wegzunehmen. Alle arbeiteten immer in den Jobs, die nicht für Deutsche, sondern für sie vorgesehen waren. Leute wie mein Großvater wurden angeworben, weil sie leichter ausgebeutet werden konnten als inländische Arbeiter_innen: gewerkschaftlich kaum organisiert, flexibel, dankbar um jede Sonntagszulage.

Offener Brief an die Mitglieder des Europäischen Parlaments betreffend Urheberrechtsreform – Vienna Writer Authorpreneur
Hoffentlich wird aus der EU-Urheberrechtsnovelle nix. Hier noch etwas, das sehr beunruhigend klingt:

Im März 2018 wurde in den USA der CLOUD Act [beschlossen. Kurz gesagt geht es darum, dass US Behörden (und jene befreundeter Staaten, wenn ich es recht verstanden habe) jederzeit Zugriff auf alle Daten auf Servern von in den USA tätigen Unternehmen haben, unabhängig davon, wo diese Server physisch stehen. Selbst wenn Microsoft anbietet, Daten auf Servern in Europa zu speichern, sind sie dort nicht vor Zugriff von US Behörden (oder Behörden, die dort anfragen) sicher. Dieses Gesetz steht bereits der DSGVO genau entgehen und mit der Urheberrechtsreform würden ggf. weitere Gesetze geschaffen, die sich mit dem Behördenzugriff der USA spießen. Jedes Unternehmen kann sich jetzt bereits aussuchen, gegen welches Gesetz es verstoßen möchte – im Falle eines in den USA ansässigen Unternehmens gegen das »Heimrecht« oder gegen das europäische Datenschutzrecht.

U.S. Is a Rich Country With Symptoms of a Developing Nation – Bloomberg.com
Der Autor zieht Parallelen zum heruntergewirtschafteten Italien.

These little examples are the kind of incidents that one might expect to see in a developing country where things are built cheaply or badly. […] across the country, construction costs for both the public and private sectors have swelled as productivity has stagnated or fallen. It costs much more to build each mile of train in the U.S. than in heavily unionized France. No one seems to be able to put their finger on the reason — instead, the U.S. simply seems riddled with corruption, inefficient bidding, high land-acquisition costs, overstaffing, regulatory barriers, poor maintenance, excessive reliance on consultants and other problems. These seemingly minor inefficiencies add up to a country that has forgotten how to build. Unsurprisingly, much  much of the country’s infrastructure remains in a state of disrepair.

Audio/Video

Chilly Gonzales – FM4 Radio Session
Hab beim Arbeiten fast nur Chilly Gonzales gehört in dieser Woche.

Drive – Rebecca Gärtner (via Insta-Stories von Ninia LaGrande)
Popmusik auf der Harfe, ziemlich cool (leider keine besonders gute Aufnahme).

Sonst So

Gogo goes Chinguetti
Mein Papa ist wieder auf Reisen und bloggt darüber.

Weekend reading – Soulzeppelin
Joël (vor einiger Zeit zu Gast in meinem Podcast, btw) schreibt jetzt regelmäßige Linklisten. Find ich super!

It’s about Time we Reinvented the Autochrome – MessyNessyChic (via Buddenbohm&Söhne)
Farbfotos vom Anfang des 20. Jahrhunderts!

Foto

Bergblick in Süditalien.

Backkatalog

Fudgy Brownies

Eigentlich habe ich schon genug (gute!) Brownie-Rezepte im Repertoire, dass ich keine neuen mehr ausprobieren müsste. Da sind zum Einen die grandiosen Best Cocoa Brownies, die ganz ohne Schokolade auskommen und deshalb fast schwarz aussehen. Und zum anderen die Olivenöl-Brownies mit Pistazien, die ich erst vor ein paar Wochen entdeckt und liebgewonnen habe.

Bei der Pancake Princess stolperte ich nun aber über einen ihrer sehr ausführlichen Rezeptvergleiche. Im Brownie Bake Off hat sie sagenhafte 13 Rezepte ausprobiert und genau verglichen.

Nachdem die Best Cocoa Brownies aus Butter und Kakao bestehen, und die Olivenöl-Brownies aus Öl, Kakao und Schokolade, wollte ich unbedingt ein Rezept aus einer anderen Kategorie testen: Butter, Kakao und Schokolade. Meine Wahl fiel auf dass Rezept von Sally’s Baking Addiction, das im tl;dr außerdem als super chewy beschrieben wird.

Tatsächlich sind meine Brownies recht fudgy geworden, wobei ihnen wohl 3-4 Minuten weniger im Ofen gut getan hätten. In meinen Augen erfüllen sie alle Kriterien eines soliden Brownie-Rezepts: schokoladig, nicht zu kuch-ig und mit einer (zumindest leicht) glänzenden Oberfläche. Ohne einen direkten Vergleich zu meinen beiden Browniefavoriten zu haben, scheinen mir diese Brownies aber ein bisschen fade.

Das jetzt auf das Originalrezept zu projezieren ist aber auch nicht fair, ich habe nämlich die Zuckermenge großzügig reduziert. 400 Gramm Zucker sind für meinen Geschmack auf nur etwa 600 Gramm sonstige Zutaten zu viel. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Konsistenz meiner Brownies mangels 150 Gramm Zucker gelitten hat. Wenn ich einmal sehr motiviert bin, backe ich das Ganze vielleicht nochmal mit 400 Gramm Zucker, dann aber mit Toasted Sugar nach Bravetart, der weniger aggressiv süß ist.

Ein paar Fleur-de-Sel-Kristalle (bestimmt mit Mikroplastik, wie traurig…), die ich eigentlich als Fotodeko daraufgestreut habe, rissen den Geschmack der Brownies doch noch heraus.

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Zuckersüß 322

Gerade als ich vergangenen Sonntag das Zuckersüß veröffentlicht hatte, ließ ich mein Smartphone fallen. Anders bei den wohl mehreren hundert Stürzen in den vergangenen vier Jahren (mein Gerät von 2015 hielt tatsächlich so lange aus!) ging diesmal das Display kaputt. Mit ein bisschen Raten (motorisches Gedächtnis!) konnte ich es trotz einheitlicher Schwärze zwar noch entsperren und sogar einen Anruf entgegennehmen, aber fest stand, dass ich gleich am Montag ein neues Telefon kaufen würde müssen.

Wie sich herausstellte, hatte ich wenigstens kaum Daten verloren, meine Kontakte liegen bei Google (ich traus mich gar nicht zugeben), wichtige Fotos auf meiner Laptop-Festplatte und die Musik (ich bin weiterhin Streaming-Verweigerin) auf der Mini-SD. Einzig ohne Sicherung (aber vielleicht doch auch noch irgendwie zu retten): ein paar noch nicht synchronisierte italienisch-, darija- und arabisch-Vokabeln in Anki und meine Podcastabos. Das deprimierte mich schon ein bisschen, denn aus meinem Podcastblog, fyyd und Panoptikum würde ich nicht alles rekonstruieren können. Aber seis drum, mein Podcatcher wird einfach erfüllt von Blühendem Leben:

Ein neues Smartphone braucht es aber für den Podcatcher. Ich las mich also durch Tests und Rezensionen und wurde immer schockierter. Die Preise für aktuelle High-End-Geräte sind jenseits der 1000€-Grenze, ständig neue Modelle verbesserten sich aberoffenbar kaum mehr. Die Art der Smartphone-Besprechungen fand ich besonders bedenklich, denn sie scheinen geschrieben für Leute, die sich tatsächlich jedes neue Modell holen. Wie viel unnötigen Elektroschrott das wohl produziert?

Nun ja, ich entschied mich letztlich für ein roségoldenes (eigentlich eh egal, die Hülle versteckt das Gehäuse sowieso) Samsung Galaxy S9, das in etwa genauso teuer war wie damals mein Sony Xperia Z3 (also sehr teuer, nur nicht so absurd wie aktuelle iPhones). Ich finde es zwar ziemlich hässlich und das UI ebenfalls, aber es hat ein tolles Display und eine super Kamera. So gut, dass ich gar nicht aufhören konnte, damit aus dem Zugfenster zu fotografieren. Am Montagabend nahm ich nämlich den Nachtzug nach Rom, um meine Semesterferien digital nomad-mäßig im Süden zu verbringen.

Ich habe deshalb sehr viel Pizza gegessen und ein Wochenende in Napoli verbracht. Darüber schreibe ich hoffentlich bald einen eigenen Post, aber erst wenn meine BA-Arbeit fertig ist (Ferien sind eigentlich ja nicht…). Hier folgen meine liebsten Links der letzten Tage, zugfahrtsbedingt sehr umfangreich:

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Zuckersüß 321

Planänderung. Ich schreib doch wieder ein paar Worte ins Zuckersüß! Ich war nämlich vergangenen Sonntag erstmals im Weltmuseum. Dort habe ich mir zuerst die Verhüllt, enthüllt!-Kopftuch-Ausstellung (noch bis 26. Februar) angeschaut, die mir ziemlich gut gefallen hat. Die Beschreibungstexte der verschiedenen Stücke waren von unterschiedlichen Leuten geschrieben, was dem Ganzen einen sympathischen, persönlicheren Anstrich gab. Die Rolle des Kopftuchs in verschiedenen Religionen war, wie zu erwarten, ein großer Teil, aber viel interessanter fand ich, wie das Kopftuch in den 1950er und 60er Jahren zum Accessoire der anständigen Österreicherin stilisiert wurde. Es gehörte zur Trachtennode, war Teil vieler Reisesouvenirs und auch Werbesujets. Ebenfalls spannend: die „Metamorphose der Kufiya“. Bennant nach einer irakischen Stadt, wurde es in den 1970ern zum Pali-(Soli-)Tuch und ist heute weitesgehend entpolisiert. Trotzdem ist es weiterhin in Protesten zu finden. Außer Bildern, Fotos, Performance-Videos und Installationen gab es auch eine Menge verschiedener Tücher (teilweise schon an die zweihundert Jahre alt!) zu betrachten. Am allerschönsten fand ich ein über und über besticktes El Gounaa aus dem südlichen Marokko.

In der Dauerausstellung des Weltmuseums war ich ziemlich verloren, mir fehlte die Einordnung zu praktisch allen Gegenständen. Zwei Räume blieben mir aber besonders in Erinnerung: Der zur Geschichte der österreichischen Völkerkunde (katholische Priester, die mit anthropologischer „Forschung“ zu belegen versuchten, dass monogame Beziehungen gottgegeben sind?!?) und der zu Fragen des Kolonialismus und der Zukunft von Sammlungen wie im Weltmuseum.

Dann kaufte ich mir spontan Das Millenial Manifest der groschenphilosophin aka Bianca Jankovska und las es in einem Rutsch durch. In der Uni-Lehrbuchsammlung viel mir zufällig ein weiteres Manifest – Frauen und Macht – von Mary Beard in die Hände, mehr dazu dann in meinem Extra-Bücher-Post (s.a.: Bücher im Januar).

Am Dienstag bin ich dank Twitter zufällig in den Creative Writing-Workshop von F.u.C.K. geraten. Frauen, non-binary, trans und inter Personen und Computer-Kram ist allein schon ein großartiges Akronym, aber die chaosnahe Initiative dahinter erst recht. In halbwegs regelmäßigen Abständen treffen sich ein paar Leute in angenehmen, sicherem Rahmen, um ihr Wissen zu teilen, Neues zu lernen und ein bisschen zu netzwerken. Klaudia Zotzmann-Koch (die übrigens in Folge 8 meines Podcasts zu Gast war) hat uns vom Bücherschreiben, Schreibenden-Organisationen, writing prompts, der Heldenreise und anderen Plotmodellen erzählt. Und dann haben wir uns noch am free writing versucht: 10 Minuten auf Papier schreiben, ohne den Stift abzusetzen, egal was passiert. Ich stellte fest, dass ich am Ende (genau eine A4-Seite ging sich aus!) nicht mehr wusste, was ich am Anfang geschrieben hatte.

Nachdem ich mich die vorherigen Tage mit meiner BA-Arbeit geplagt hatte, die ich schon längst abgegeben haben wollte, aber die einfach nicht vorangeht, war es schön zu sehen, dass ich doch noch Sachen „herunterschreiben“ kann.

Schokoladen-Hefezopf-Brot vom März 2014

Ebenfalls gut bei Schreibblockaden: Backen um Mitternacht. Ich habe mal wieder das Schokoladen-Hefezopf-Brot von 2014 gemacht und außerdem das Kartoffelkibbeh aus Katharina Seisers Immer schon vegan ausprobiert.

Hier folgen mal meine Links der Woche, ich muss jetzt doch wieder weiter über complementizer agreement im Niederbairischen schreiben, statt über andere Sachen, die mir in den letzten Tagen begegnet sind.

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Bücher im Januar

Mein ausführliches Zuckersüß-Schreiben ist mir zu viel geworden, das Bücherlesen habe ich damit aber im letzten Jahr sehr ins Herz geschlossen. Deshalb starte ich jetzt einfach eine neue Kategorie im Blog.

Ich habe nicht besonders viel Expertise, was Literatur angeht, bin nicht erfahren im Rezensionen-Schreiben, aber irgendwo muss eins ja mal anfangen. Die Zuckerbäckerei ist meine Lieblingsspielwiese für neue Ideen, deshalb folgt hier einfach mal mein Januar-Bücher-Rückblick:

Versteckte Jahre – Anna Goldenberg

Versteckte Jahre war das erste Buch, das ich in diesem Jahr fertig las. Ich hatte es zum Geburtstag bekommen, nachdem ich von der Buchpräsentation in der Wiener Hauptbücherei so begeistert war.

Es geht um Hansi, den Großvater der Autorin, der sich als jüdischer Jugendlicher in Wien mithilfe des Schularztes Josef „Pepi“ Feldner vor den Nazis versteckt hielt und die Großmutter Helga, die als junges Mädchen nach Theresienstadt deportiert wurde.

Die Geschichte ging mir unglaublich nahe, denn manche Schauplätze kenne ich sehr gut. In der Lange Gasse, wo ich heute mehrmals wöchentlich zur Uni gehe, gerieten Hansi und Josef 1945 in eine Schießerei der Militärpolizei. Auch die vielen kleinen Details bringen einem das Leben der Protagonist_innen näher: Kramperltee aus Apfelschalen, den Hansi und Pepi trinken oder die Förmlichkeiten (sehr österreichisch: Anrede mit akademischen Titeln), die unter den nach Theresienstadt verschleppten Jüd_innen üblich waren.

Anna Goldenberg verwebt die Aufzeichungen ihres Großvaters, Erzählungen ihrer Großmutter und ihre eigenen Erfahrungen auf der Spurensuche zu einer sehr berührenden Geschichte, die sich wie eine lange Reportage liest. Anders als z. B. Der Trafikant von Robert Seethaler, das auch im nationalsozialistischen Wien spielt, sind die Menschen in Versteckte Jahre echt. Und das Trauma des Holocaust noch immer da – diese Stelle werde ich beispielsweise nicht so schnell wieder vergessen:

Ich kann mich nicht daran erinnern, nichts über den Holocaust gewusst zu haben. Als Sechsjährige beäugte ich misstrauisch die Duschen in einem Salzburger Skihotel. Ich hatte gehört, dass Verwandte mit getarnten Duschen ermordet worden waren; wie konnte ich mir sicher sein, dass man uns hier nicht auch umbringen würde? (S. 82)

Anna Goldenberg: Versteckte Jahre. Zsolnay, 2018. 192 Seiten, 20,60 €

Alle außer mir – Francesca Melandri

Seit ich im September dieses FAZ-Interview mit Francesca Melandri (das ich über Julian Schmidlis Newsletter gefunden habe) gelesen habe, wollte ich unbedingt sofort Alle außer mir lesen. Leider ist es recht teuer und keine Bücherei, bei der ich eingeschrieben bin, hatte es im Katalog. Nach zu langem hin und her kaufte ich es mir aber doch und ließ es erstmal im Bücherstapel liegen. Als ich allerdings damit anfing, hatte ich die mehr als 600 Seiten in vier Tagen durch.

Über drei Generationen und Länder spannt die Autorin die Familiengeschichte von Attilio Profeti auf. Der meldet sich als faschistisches Schwarzhemd freiwillig zur italienischen Kolonialisierung Äthiopiens und streicht diesen Abschnitt später aus seiner Biografie. Doch Jahrzehnte später, in Zeiten von Frontex, steht ein Äthiopier, der sich als sein Enkel ausgibt, auf der Türschwelle von Attilio Profetis Tochter Ilaria in Rom.

Ich interessiere mich in letzter Zeit ziemlich für Italien (war recht oft dort!) und Kolonialgeschichte (weil mir scheint, ich wüsste zu wenig darüber). Der Roman behandelt beides sehr ausführlich: Die Begeisterung vieler Italiener_innen für den Faschismus (1935 wurden Eheringe öffentlichkeitswirksam für das Vaterland eingesammelt und durch eiserne Ringe ersetzt: Oro alla Patria?!) genauso wie der Kampf der Partisanen gegen das Regime. Die unsägliche Korruption und den Klientelismus, die bis heute die italienische Politik prägen. Die Grausamkeiten, die die Italiener in Äthiopien in nur fünf Jahren begingen, die furchtbaren Rassentheorien, die sich noch Jahrzehnte später hielten, die „Entwicklungshilfe“ die in den 1980er nur noch mehr Leid in die ehemaligen Kolonien brachte.

Mit einem großen Twist auf den letzten Seiten geht zumindest die Geschichte der Familie Profeti am Ende halbwegs gut aus – jedenfalls für die Figuren, die nicht den Verbrechen der Kolonialzeit, späteren Diktaturen oder ’starken‘ EU-Außengrenzen zum Opfer gefallen sind. Das Buch ist stellenweise sehr schmerzhaft zu lesen und doch bin ich froh, nun mehr über das europäisch-afrikanische Unterdrückungsverhältnis zu wissen.

Francesca Melandri: Alle, außer mir. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Wagenbach, 2018. 604 Seiten, 26,80 €

Super, und dir? – Kathrin Weßling

Dieses Buch bekam ich zu Weihnachten und ich glaube, im Geschenk schwang auch eine Warnung mit, nicht so ein Workaholic wie die Hauptperson zu werden.

Marlene Beckmann kommt aus einer kaputten Familie – Vater weg, Mutter alkoholkrank und depressiv – und niemand darf es wissen. Sie schreibt super Noten, macht einen hervorragenden Uni-Abschluss und bekommt den Marketing-Job, den alle haben wollen. Auf Social Media ist ihr Leben perfekt, die Warheit sieht jedoch finster aus.

So sehr mich dieser Roman vor allem am Anfang mitriss, so ratlos hinterließ er mich. Arger Leistungsdruck, prekäre Arbeitsverhältnisse (Marlene ist natürlich befristet angestellt und kämpft gegen eine Kollegin um eine Festanstellung), Sexismus, dauernde Selbstinszenierung auf Social Media – in dieser Umgebung muss sich meine Generation zurechtfinden. Marlene scheint das alles mit links zu meistern, doch sie zerbricht an den Erwartungen. Und niemand, nicht einmal Marlenes Arzt, hilft ihr, weil sie so makellos erscheint.

Menschen wie ich tauchen nicht in den Dokumentationen und Statistiken auf. Wir sind eine Fußnote, eine Randnotiz, ein Relativsatz. Wir sind die, denen es nicht passiert. Wir werden nicht süchtig. Wir sind zu klug, zu reich, zu gebildet, zu sozial integriert; wir haben Depressionen, Lebenskrisen, Sex mit unseren Vorgesetzten, Meinungsverschiedenheiten mit unseren Eltern, Muskelkater nach dem Yoga, 532 Freunde auf Facebook, große und kleine Pläne, Universitätsabschlüsse, Endometriose, Spliss, Depressionen und Essstörungen, einen Elternteil verloren, einen Hund oder Schulend beim Bafög-Amt. Wir haben keine Sucht-Probleme. (S.69)

Die Autorin arbeitet übrigens selbst als Social-Media-Redakteurin und war Ende 2017 mal im Leitmotiv-Podcast zu Gast.

Kathrin Weßling: Super, und dir? Ullstein fünf, 2018. 256 Seiten, 16,50 €

Immer schon vegan – Katharina Seiser

Ein Kochbuch in der Bücherliste? Auf jeden Fall! Das hier habe ich ebenfalls zu Weihnachten bekommen und nicht nur durchgeblättert, sondern tatsächlich durchgelesen. Katharina Seiser schreibt nämlich nicht nur zu jedem Rezept eine kurze Einführung, sondern auch noch ein Kapitel zum Geschmack allgemein – duftig, knusprig/weich, heiß/kalt, süß, sauer, salzig, scharf, umami, bitter, fett, würzig.

Die Rezepte sind nach den Jahreszeiten gegliedert, außerdem gibt es ein Jederzeit-Kapitel. Bisher habe ich nur den Erdnusseintopf mit Süßkartoffeln ausprobiert, die Zutaten fürs Kartoffel-Kibbeh mit Walnusszwiebeln habe ich aber schon besorgt. In jedem Rezept steckt zumindest eine spezielle Zutat, die unsere WG-Küche im Normalfall nicht hergibt – frischer Koriander, Sumach, Sherry – aber genau das macht die Gerichte in Immer schon vegan so besonders.

Der immer-schon-vegan-ohne-Ersatzprodukte-Ansatz ist mir sehr sympathisch und Katharina Seisers Herangehensweise sowieso. Ihr Blog esskultur gehört zu meinen absoluten Lieblingen (von dort stammt das Rezept für die kandierten Zitronenschalen!), ihre Instagramstories verfolge ich immer. Im Erklär mir die Welt-Podcast hat sie vor einiger Zeit vom Vegan-Versuch erzählt, der den Startschuss für das Kochbuch bildete.

Katharina Seiser: Immer schon vegan. Traditionelle Rezepte aus aller Welt. Brandstätter, 2015. 176 Seiten, 25 €

Bananenmüsli

Ich frühstücke in den letzten Wochen meistens nur eine Semmel auf dem Weg zur Uni. Und weil ich auch schon im Kindergarten täglich eine Semmel *mit nix* als Pause gegessen habe (später bevorzugt Brezen, aber die sind in Österreich schwierig in guter Qualität aufzutreiben), stört mich das eigentlich nicht besonders.

Das Schild (Edding+Kreppband) habe ich nicht fürs Foto geschrieben, so eine Sauklaue…

Aber hin und wieder, vor allem dann, wenn ich morgens nicht sofort außer Haus muss, ist mir ein anderes Frühstück mehr als recht. Das endet oft in Pfannkuchen (zeitaufwendig!) oder einem Spiegelei (nur wenn Brot da ist). Für alle anderen Fälle gibt es Porridge oder Müsli.

Haferflocken alleine sind zwar eine super Basis, aber eigentlich ziemlich fad. Das ändert sich, sobald sie mit ein paar Körnern gebacken werden – klassisches Müsli, oder auf englisch: Granola. Ich habe schon ziemlich lang keines mehr gebacken, wie ein Blick ins Archiv zeigt:

Instagram sei dank ist mir vor ein paar Tagen Bravetart’s neuestes Experiment (das hier wird noch ein Fanblog?!) untergekommen: Banana Granola. Die Haferflocken darin werden nicht nur mit Körnern vermischt, sondern auch mit zerdrückten Bananen.

Die Idee fand ich superinteressant, doch weil ich sofort loslegen wollte, hatte ich nicht alles zur Hand und habe mich nicht wirklich an das Rezept gehalten. Außerdem habe ich den Zucker enorm verringert, da die Bananen eh schon süß sind. Für meinen Geschmack reicht ein Drittel der Zuckermenge des Originalrezepts.

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Meine liebsten Links der vergangenen Woche:

Rezepte

Chocolate Chip Cookie Dough Cupcakes – The Candid Appetit
Allein der Rezepttitel verrät mir schon, dass mir diese Cupcakes viel zu süß sein werden, aber sie sehen so schön aus!

Birthday Cake Petit Fours – PureWow
Die Zutatenliste hier sieht auch aus, als könnte ich nicht mal ein halbes Petit Four essen, aber schaut sie euch an, so schön!

Texte

Protecting your online privacy is tough—but here’s a start – Quartz (via piqd)
Gut verständlich erklärt:

Market players do not care about you—they care about numbers. Algorithms make decisions based on statistical correlations. If you happen to not be a typical individual, showing unusual characteristics, there is a chance that an algorithm will misinterpret your behavior. It may make a mistake regarding your employment, your loan, or your right to cross the border. As long as those statistical correlations remain true, nobody will care to revise this particular judgement. You’re an anomaly.If the result of this algorithmic analysis is discriminatory or unfair—for example, your credit application is refused because you live in the “wrong” district, or your job application does not make it through because your social network is not “robust enough”—there is no market incentive to correct it.

What Is Glitter? – The New York Times (via i am a foodblog)
Der Stil dieses Textes ist nicht besonders NYT-typisch und irritierte mich sehr. Aber Glitzer ist interssant genug, diesen Artikel trotzdem zu lesen.

For people who love glitter, there is wonderful news: all the modern plastic glitter that has ever been created is still right here with us. According to Dr. Victoria Miller, a materials science and engineering professor at North Carolina State University, the plastic film from which most glitter is made takes about 1,000 years to completely biodegrade on Earth.

Time for Happiness – Harvard Business Review (via Krautreporter Morgenpost)
Der Text ist gefühlt ewig lang und wurde mir ob tausender Fallbeispiele irgendwann etwas fad, aber die Kernaussage ist doch erstaunlich: Zeit zu kaufen macht glücklicher als Dinge zu kaufen.

Last, we suffer from something called future time slack — the belief that we’ll have more time in the future than we do in the present. So, we decide to make some sacrifices now with the promise of enjoying more time later. Of course, when the future comes, we don’t have more time. We just repeat the same mistake.

Siezen Sie noch, oder duzt du schon? – brand eins online
Also ich duze euch hier und im Podcast alle.

„Wir leben in einer Duz-Welt“, sagt auch der Soziologe Ronny Jahn von der International Psychoanalytic University in Berlin. „Allgemein ist eine Tendenz zur Entgrenzung festzustellen. Privates und Geschäftliches vermischen sich zunehmend.“ Und so versuchen die Firmen, sich in unser Leben zu schleichen. Da sollen Kunden im Internet von ihrem schönsten Erlebnis mit einem Produkt erzählen oder sich damit auf Bildern präsentieren.

Turn Bluetooth Off When You’re Not Using It – WIRED
Gruselige Sicherheitslücken, von denen ich wenig verstehe.

When Bluetooth is on in a device, it is constantly open to and waiting for potential connections. So a BlueBorne attack starts by going through the process Webroot’s Dufour describes—scanning for devices that have Bluetooth on and probing them for information such as device type and operating system to see if they have the relevant vulnerabilities. Once an attacker identifies vulnerable targets, the hack is quick (it can happen in about 10 seconds) and flexible. The impacted devices don’t need to connect to anything, and the attack can even work when the Bluetooth on the victim device is already paired to something else. BlueBorne bugs can allow attackers to take control of victim devices and access—even potentially steal—their data. The attack can also spread from device to device once in motion, if other vulnerable Bluetooth-enabled targets are nearby.

Audio/Video

Breezes – Chad Crouch (via DLF Breitband)
Schöne beruhigende Hintergrundmusik.

Colors
Diesen YouTube-Channel finde ich großartig: Künstler_innen präsentieren einen Song (englisch, spanisch, französisch, koreanisch…) vor pastellfarbener Wand.

Ta Reine – Angèle
Bei Colors entdeckt, wegen des tollen Texts geblieben.

Foto

Schnee von letzter Woche.

Backkatalog

Olivenöl-Brownies mit Pistazien

Mit meinen wöchentlichen Backaktionen voller Butter befürchte ich ja schon länger, mich finanziell zu ruinieren (aktuell 2,39€ für 250 Gramm!). In Marokko, wo der Preis für Milchprodukte ähnlich hoch und mein Budget noch viel knapper, habe ich deshalb sehr oft Hefekuchen mit Früchten gebacken.

Aber es ist Winter, deshalb schaut es mit saisonalem Obst (mal abgesehen von Zitrusfrüchten) ziemlich schlecht aus.

Plan B: Schokolade! Gut, dass ich in meinem digitalen irgendwann-mal-backen-Notizbuch die Olive Oil & Pistachio Brownies von Love & Olive Oil gespeichert hatte.

Tatsächlich macht sich das ganz leicht bittere, aber vor allem fruchtige Olivenöl sehr gut in Kombination mit dunkler Schokolade und leicht gesalzenen Pistazien. Die Brownies sind alles andere als eine Notlösung für mangelnde Buttervorräte (oder Laktoseintoleranz!). Das könnte ein neues Standardrezept in meiner Küche werden!

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Zuckersüß 319

Meine liebsten Links der vergangenen Tage:

Rezepte

Beet Salad with Poppy Seed and Chive Dressing – shutterbean.com
Schon ausprobiert und für sehr gut befunden.

Käsehörnli nach Massimo Bottura – lamiacucina
Faszinierende Zubereitungsfor

Aquafaba Grapefruit Gin Sour Cocktail (+ a Chickpea Pomegranate Dip) – Izy Hossack – Top With Cinnamon
Kichererbsenwasser in einem Cocktail?

Banana Granola Recipe – Serioius Eat
Das klingt spannend

oat and maple syrup scones – smitten kitchen
Auf smitten kitchens Instagram-Account springt mir einfach jede Woche mindestens ein Rezept entgegen

Text

The Rise of the Luxurious Suburban Master Bathroom – Atlas Obscura
Supernerdig: Technik- und Architekturgeschichte der USA.

Indoor plumbing coincided with the discovery of germ theory—the idea that disease is spread by germs. More importantly, germ theory linked cleanliness to the prevention of illness.  The intersection of science, technology, and societal pressures for cleanliness ultimately led to the development of the “hygienic” bathroom—one clad in tile and other hard surfaces, absent of carpet, heavy drapery, or other porous soft goods thought to be good places for germs to fester. The easier a bathroom was to clean, the more proper, safe, and sanitary it (and the people who used it) was. 

Küchenschubladen – Peter Breuer
Ich bin recht froh, dass sich meine Ansammlung unnötiger Küchenwerkzeuge in Grenzen hält.

Stattdessen denke ich über den Tod all der Menschen nach, die noch viel mehr Müll hinterlassen als einen zerzausten Backpinsel. Die zwischen all diesen Gerätschaften kaum zu Lebzeiten die Symbiose von Kochen und Genießen erleben werden. Und ihre unendliche Traurigkeit über den nutzlosen Besitz nicht mal mit einem ordentlichen Schluck herunterspülen können. Weil auf der Flasche der patentierte „Shot Measure“-Stöpsel von „Bar Craft“ steckt, der nur exakt 25 Milliliter freigibt.

Wirf weg, was nicht Joy sparkt – Das Nuf Advanced
Eine Antwort auf den Marie Kondo – Hype.

Himmelherrgott! Die ausgefranste Hose kann man abschneiden und eine Sommerhose daraus machen. Den Kuschelhasen näht man. Die Dose hat Pfand und wird recycelt. Besser noch man campatrit und kauft das alles nicht und wenn man es kauft, dann pflegt man es ordentlich und repariert es, wenn es kaputt geht.

‚The goal is to automate us‘: welcome to the age of surveillance capitalism – The Guardian
Sehr spannender Gedanke:

„digital natives” is a tragically ironic phrase. I am fascinated by the structure of colonial conquest, especially the first Spaniards who stumbled into the Caribbean islands. […]
The sailors could not have imagined that they were writing the first draft of a pattern that would echo across space and time to a digital 21st century. The first surveillance capitalists also conquered by declaration. They simply declared our private experience to be theirs for the taking, for translation into data for their private ownership and their proprietary knowledge. They relied on misdirection and rhetorical camouflage, with secret declarations that we could neither understand nor contest.

Why Are Young People Pretending to Love Work? – The New York Times
Siehe auch den nicht weniger pessimistischen Text zu Millenials und Burnout.

But today, as tech culture infiltrates every corner of the business world, its hymns to the virtues of relentless work remind me of nothing so much as Soviet-era propaganda, which promoted impossible-seeming feats of worker productivity to motivate the labor force. One obvious difference, of course, is that those Stakhanovite posters had an anticapitalist bent, criticizing the fat cats profiting from free enterprise. Today’s messages glorify personal profit, even if bosses and investors — not workers — are the ones capturing most of the gains. Wage growth has been essentially stagnant for years

How to Join a Social Network in 1998 – Ironic Sans
Witziges Dokument aus lange vergangenen Zeiten.

an open letter to my thesis – frankie magazine
Glücklicherweise stehe ich mit meiner BA-Arbeit noch nicht auf Kriegsfuß.

It went downhill fast. All of a sudden you were keeping me up until 4am highlighting dates and erasing unnecessary adjectives. With no one’s company but our own, we started to develop a weird odour – kind of a mix between urine and gin. You had me eating toast crumbs off the bench and wearing pyjamas as day-time clothes. I cut you down and then pasted you back together more times than I can count. Friends stopped calling, and when they did they were all: “I guess you’re staying in with thesis, again?”

Der Winter verlangsamt die Zeit – ZEIT
Dank Bauarbeiten in meinem Haus bleibt mir zur Zeit auch nix anderes übrig, als mich im Bett zu verkriechen…

Da die Häuser früher meist schlecht isoliert waren, blieb im Winter nichts anderes übrig, als sich ins Bett zu begeben. Oder man zog sich in einen Alkoven zurück, eine in die Wand eingebaute Bettnische. Das „Himmelbett“ trug mit seinen Vorhängen dazu bei, ein wenig mehr Wärme im Innenraum zu halten, dennoch waren Mützen, Jacken und Schuhe auch im Bett notwendig. Dichter sollen im Bett geschrieben haben, indem sie ihre Hände durch zwei Löcher im Leintuch steckten.

Audio/Video

Die Orte unserer Arbeit – Moment am Sonntag Ö1
Interessante Sendung

Foto

Schnee und Bach am späten Winternachmittag.

Backkatalog

Ein zuckersüßes, zuckerbäckereipinkes Foodblog