Schlagwort-Archive: buchclub

Zuckersüß 296

Französischer Besuch Anfang der Woche bewegte mich zu sehr ausführlichen Stadtspaziergängen und Sightseeing in Wien. Spannend zu sehen, wie sich meine allerliebste Stadt im letzen halben Jahr verändert hat! Und im Juli bei hochsommerlichen Temperaturen Quasi-Tourist_in zu sein und z. B. durch den Schlosspark von Schönbrunn zu latschen oder auch am Stephansplatz herumzustehen ist erstaunlich ermüdend. Gut, dass es genügend Heurige am Stadtrand und nicht-überlaufene Gegenden außerhalb des Stadtkerns gibt, in denen es man sich mit einem Spritzer gut gehen lassen kann.

Und dann gibt es ja auch noch meinen liebsten Sommersnack: Eis! Meine Ferien-„Diät“ (=täglich ein Eis) konnte ich zwar leider nicht durchsetzen. Immerhin habe ich zwei mir neue Greissler-Sorten – Sachertorte und eine, an die ich mich nicht mehr erinnere (meine Favoriten werden beide nicht) – probiert, und bei Gefrorenes ein enorm gutes Birnensorbet mit Straciatella gegessen (schon auf der „Nachbau“-Liste!). Und dann noch ein nicht weiter besonderes Magnum-Steckerl-Eis , dem ich neben sichtbar künstlich aromatisierten und gefärbten Eissorten (ich Snob!) den Vorzug gab.

Apropos Farbe: der Twitter-Hashtag #kunstgeschichtealsbrotbelag, bei denen u. a. auf Initative von @MlleReadOn (die auch dazu gebloggt hat) berühmte Werke auf Brot statt Leinwand nachgebaut wurden, hat mich in dieser Woche sehr begeistert. Schaut mal:

Und wenn ich schon von Twitter rede, kann ich gleich noch was von meinem Lieblings-Social-Network in mein Blog tragen. Die Situationen im folgenden Thread sind mir so oder so ähnlich (so genau liest irgendwie keiner, was ich in die Zuckerbäckerei schreib, aber „irgendwas mit Feminismus“ wird offenbar immer mit mir assoziiert) auch schon einmal passiert und jetzt weiß ich immerhin, dass es nicht nur mir so geht.

Weil Ferien sind, oder vielleicht auch nur, weil ich gerade motiviert genug bin, habe ich auch in Büchern und nicht nur durch 280-Zeichen-Häppchen gelesen. Endlich habe ich nach fast vier Monaten auch die letzten paar Seiten von Paul Austers „4 3 2 1“  geschafft (s. a. Zuckersüß 282, 283, 284 und 290). Irgendwie hatte ich kurz vorm „Ziel“, die Lust verloren, wurde aber am Ende mit einem Twist – oder vielleicht noch einer Metaebene? – belohnt. Schon beim Lesen durch die ganzen 1070 Seiten der englischen Taschenbuchversion hatte ich den Eindruck, dass mich die Themen, mit denen die Hauptfigur Ferguson konfrontiert ist (US-Zeitgeschichte v. a. die Protestbewegungen der 1960er und der Vietnamkrieg, Literatur) noch länger beschäftigen werden, wenn sie es nicht eh schon vorher taten (Uni und Politik, Schreiben). Auch die Form des Romans hat mich beeindruckt: Aus heiterem Himmel tauchen im Fließtext Stichpunkte auf oder seitenlange Begriffsaufzählungen auf und die Schreibexperimente des angehenden Autors Ferguson nehmen teilweise mehrere Seiten ein. Dieser Roman ist eindeutig einer, der dazu motiviert, noch viel mehr Bücher zu lesen. Mich hat er auch angestiftet, mich mehr mit Literaturwissenschaft auseinandersetzen zu wollen, um mehr „Werkzeug“ an der Hand zu haben, wenn ich Bücher lese. Am Ende handele ich mir jetzt noch ein Nebenfach für mein Studium ein!

Leider habe ich noch kein nächstes Werk für meinen Mini-Buchclub gefunden, sicher ist aber, dass diesmal eine Autorin dahinterstehen sollte. Die Bilanz bisher ist eher ernüchternd: 5 von 6 Büchern, die ich 2018 gelesen habe, waren von Männern. Das Eine, das von einer Frau geschrieben wurde, war außerdem ein Sachbuch, zählt also nicht mal so richtig ( „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski ist trotzdem sehr lesenswert!).

In ein paar andere Bücher habe ich auch ohne meinen Buchclub hineingelesen, darunter Harry Potter 4 auf Französisch, der hoffentlich das erste Buch in dieser Sprache wird, das ich jemals schaffe, fertigzulesen. Meine aktuelle Mitbewohnerin hatte gerade „Hunger“ herumliegen, das ich deshalb auch einfach zu lesen begann. Von diesem neuesten Buch von Roxane Gay hatte ich schon in der aktuellen Ausgabe des Rookie-Podcast, in dem es auch um so abstruses wie Tarot-Karten (?!) geht, gehört, wodurch mein Interesse geweckt wurde.

Und dann beschloss ich auch noch, mich endlich bei der Wiener Stadtbücherei einzuschreiben. Ich war aber so knapp vor der Schließzeit dort, dass mir nicht viel Zeit zum Stöbern blieb und ich mich für ein Sachbuch entschied, das mir schon länger durch den Kopf geistert. „We were feminists once. From RIOT GRRRL to COVERGIRL, the buying and selling of a political movement“ von Andi Zeisler war mir (vermutlich seit der Veröffentlichung) aus dem bitch media-Kontext ein Begriff, in meinem ersten Publizistik-Semester kam es auch einmal vor und schließlich hatte Annemarie von fairfetzt kürzlich darüber gebloggt. Die ersten beiden Kapitel über Werbung und (Hollywood-)Filme lasen sich schon mal sehr angenehm, mal sehen, wie es weitergeht.

Am Donnerstag machte ich mich auf nach Kärnten, um mein ÖBB-Sommerticket so richtig auszunutzen. Die Fahrt dauert von Wien aus ziiiiiemlich lang, aber mit Podcasts und Socken (ich konnte das fünfte Paar des Jahres fertigstellen!) war es halbwegs erträglich. In diesem Bundesland war ich vorher noch nie gewesen und wurde erstmal von der Schönheit der Berge und Seen dort erschlagen. Und das Essen war auch super! Ich verbrachte einige Zeit im Regenbogenland, wo ich in den Genuss des besten Sonnenblumenöls, das ich jemals gekostet habe, kam. Auf einem Berg mit Blick auf den Millstätter See trank ich Most, aß Fritattensuppe und Fleischnudeln. Letztere probierte ich nur, weil die vegetarische Version aus war und ich nicht ohne einmal DAS Regionalgericht probiert zu haben, wieder fahren wollte. Ehrlich gesagt war ich aber nicht überzeugt vom Faschierten und den Grammeln – dem ersten Fleisch, das ich seit Monaten gegessen habe. Aber die Marillenknödel retteten dann wieder alles!

Und jetzt, wie (fast) jeden Sonntag: Meine liebsten Links der Woche

Zuckersüß 296 weiterlesen

Zuckersüß 290

Mein Zuckersüß kommt heute zu spät, das Wochenende habe ich nämlich ohne digitales Schreibgerät (aka Laptop) in Brüssel verbracht. Das war aber nicht mein einziger Ferienausflug, denn vergangenen Montag war ich in Metz (dazu bald mehr).

Am Dienstag habe ich versucht, (ohne Wage! auf dem Schreibtisch!) vegane Hafercookies zu backen, was leider eher schlecht als recht funktioniert hat (hauptsächlich, weil ich sie zu lange im fremden Ofen gelassen habe). Startschwierigkeiten hatte auch der Karaoke-Abend mit Freund_innen, für den die Cookies gedacht waren. Nach ein paar mal Karaoke in unserer hass-geliebten-Erasmus-Stamm-Bar hatten wir beschlossen, dieser völlig unterschätzten Freizeitbeschäftigung in einem WG-Wohnzimmer nachzugehen. So könnten wir einerseits den seltsamen französischen 80er-Jahre-Hits entgehen und andererseits nebenbei *günstigen* Wein trinken und Cookies essen. Der Plan: die xbox an den Bildschirm anschließen und lossingen. Die Realität: Eine weitere Geschichte für mein persönliches  Techniktagebuch.

Nachdem die Konsole gefühlte 1000 Updates heruntergeladen hatte (6GB!), folgte ein weiteres für das Karaokespiel aus dem Second-Hand-Computerspiele-Geschäft. Dann fehlte noch ein gemeinsames WLAN-Netzwerk für die verwendeten Devices. Statt wie z. B. bei der Playstation und ihren konsolen-eigenen Mikrofonen für singstar funktioniert xbox-Karaoke nämlich mit Smartphones und einer entsprechenden App. Glücklicherweise verfügte einer der Anwesenden über gute 12 GB unverbrauchtes Datenvolumen, kurz vor Ablauf des Verwendungsintervalls, und eröffnete einen Hotspot. Wenn alles gut ging (nicht all zu oft), blieb die Verbindung stabil und wir sangen Selfie-mäßig auf unsere Telefone ein. Auf denen war nicht nur der Songtext abzulesen, sondern auch verschiedene Farb- und Effekteinstellungen für das Video, das gleichzeitig mit der Frontkamera aufgenommen wurde. Die Videos der Singenden wurden in Echtzeit (oft genug mit gerade genug Verzögerung, dass nichts mehr zusammenpasste) auf den Fernsehbildschirm übertragen und mit noch mehr Effekten zusammengeschnitten. Am Ende des Songs konnte man sich die Performance noch einmal ansehen und sogar über Social Media teilen. Dieser um Bewegtbild erweiterte Karaokemodus war wirklich überaus lustig, wäre da nicht ständige Netzwerk-Fehlermeldungen gewesen. Irgendwann wurde die immer wieder abgebrochene Verbindung zwischen Smartphones und xbox zu nervig, sodass wir auf eine andere wireless-Technologie umstiegen: Musik von Spotify zu Bluetoothbox.

Ansonsten habe ich endlich mal wieder in Paul Austers 4-3-2-1 weitergelesen, das mich immer mehr begeistert (und verwirrt, weil ich zwischendrin vergessen hatte, wo ich war und was passiert war). Besonders wie der Protagonist Ferguson übers Lesen und Schreiben denkt, finde ich sehr interessant. In allen seinen Alternativ-Leben (das Buch erzählt viermal die fast gleiche Geschichte, durch kleine Unterschiede entwickelt sich sein Leben anders) hat er damit auf unterschiedliche Weise zu tun. Ich bin nicht besonders belesen im klassischen Sinne (meine bestimmt zwei Stunden täglichen Lesens verbringe ich hauptsächlich online mit nicht-Fiktionalem) und 4-3-2-1 spornt mich ziemlich an, das zu ändern. Allerdings nicht unbedingt den Literaturkanon, den Ferguson als unentbehrlich sieht, erst recht nicht nach diesem Artikel aus dem Guardian (s.u. mehr). Mein aktuelles Interesse für die Geschehnisse der 1960er (z. B. diese arte-Doku und meine Gespräche rund um „La fac de Lettres est bloquée!„) wird durch Fergusons Einschätzung der an ihm vorbeiziehenden Ereignisse (die Ermordung von JFK, Anti-Vietnamkriegs-Proteste, Aufstände in Newark 1967…) noch mehr gefüttert. Ich glaube, dieses Buch ist eines, dass ich mehrmals lesen werde.

Im Internet habe ich natürlich auch gelesen und folgendes fand ich dabei teilenswert:

Zuckersüß 290 weiterlesen

Zuckersüß 289

Mein Ferienprogramm hat begonnen: Nach der Reise nach Lille, Dunkerque und Bruxelles über Pfingsten beschäftigte ich mich erstmal mit einen ganzen Tag lang mit der leidigen DSGVO. Nachdem ich in den letzten Wochen schon die Rechtsbelehrung (Teil ITeil II) dazu gehört hatte und einiges (s.u.) dazu gelesen hatte, machte ich mich mithilfe von Das Nufs Guide und dem Datenschutz-Generator von RA Schwenke an die praktische Umsetzung – zumindest so weit wie ich das in ein paar Stunden alleine hinbekam. Google Analytics kickte ich einfach gänzlich raus, meine Zugriffszahlen sind mir im Grunde nämlich eh egal. Mein Blog hat allerdings weiterhin kein SSL-Zertifikat (bestimmt ist das gar nicht so schwierig zu bekommen, aber ich müsste halt erst nochmal einen (Nachmit-)Tag Arbeit hineinstecken), die Schrift ist von Google und auf meine eingebetteten Tweets mag ich nicht verzichten. Vielleicht gibt es sogar noch mehr Probleme, deren ich mir noch gar nicht bewusst bin. Ich finde es jedenfalls recht doof, dass es für ein gewöhnliches WordPress-Blog  kein „Privacy by Default“ (falls es sowas tatsächlich geben sollte) gibt, oder zumindest irgendwo einen Button, mit dem man alles, was datenschutzmäßig fragwürdig ist, auf einmal loswerden kann. Ich blogge auch, weil ich die Kulturtechnik des im-Internet-Veröffentlichens mit allem was (technisch) dazu gehört interessant finde, nur sind meine Prioritäten nicht einzig darauf gerichtet und Kapazitäten vor allem irgendwann erschöpft.

Während ich mich durch die Untiefen der WordPress-Einstellungen klickte, wurde mir mal wieder klar, dass ich eigentlich noch ziemlich viele Punkte auf meiner imaginären „irgendwann-mal-am-Blog-Basteln“-Liste stehen habe, die ich seit ca. 2013 nicht umgesetzt habe. Darunter zum Beispiel eine visuelle Rezeptübersicht (vielleicht sogar einen dieser magazin-igen Vorschaubereiche – ciao lineares Blog), oder überhaupt ein Redesign der Seite (nur das pink muss bleiben!). Aktuell habe ich aber eine ganze handvoll angefangener Blogposts in meinen Entwürfen und noch gefühlt tausend weitere Ideen in meinem Kopf, deshalb: content first.

Aus einem kurzen Anfall von Bildschirm-Abneigung (die DSGVO verdarb mir kurzzeitig meine Lieblingsbeschäftigung Im-Internet-Lesen!1!!1) las ich dann in einem Rutsch Margarete Stokowskis „Unterum Frei“ fertig. Teile davon kannte ich schon aus einer Lesung im letzten Mai, war damals aber zu knausrig für das Hardcover. Dank der bpb-Ausgabe um nur 4,50€ (viel besseres Coverdesign, tbh) war aber dieses Problem aus dem Weg geräumt, und ein neuer Kandidat für den Buchclub stand fest. Vieles von der Theorie, die sie mit den (stellenweise sehr drastischen) Erlebnissen aus ihrem Alltag verwebt, ist mir schon geläufig, aber ich habe mir genug Fußnoten angestrichen, bei denen ich noch weiterlesen  will.

In Österreich tat sich in den letzten Tagen ja schon wieder eine dieser leidigen „Gendern-verschandelt-unsere-Sprache-mimimi“-Diskussionen auf, und auch dazu hat Margarete Stokowski etwas Nettes in ihrem Buch (S. 205) geschrieben:

Sie sagen, Wörter wie „Studierende“, „BürgerInnen“ oder „Arbeiter*innen“ seien nicht schön. Solche Argumente sind, gelinde gesagt, verdächtig, wenn sie nicht gerade von Dichter*innen kommen. Leute, die sich nie im Leben um die Schönheit von Sprache geschert haben, bemühen ein plötzlich erwachendes ästhetisches Empfinden bezüglich der Anmut von Wörtern? Wie sehr kann man sich selbst verarschen? Weigern sich solche Menschen auch, jemanden Horst zu nennen, weil es so ein unästhetischer Name ist? Treffen sie sich heimlich bei Walther-von-der-Vogelweide-Lesekreisen, weil sie so scharf auf alte Sprache sind?

Wenn ihr un-anstrengende, zeitgemäße feministische Lektüre sucht, würde ich euch „Untenrum Frei“ auf jeden Fall weiterempfehlen!

Für echtes Ferien-Feeling musste auch irgendeine Kulturveranstaltung her, weshalb ich am Mittwoch zu einer Ausstellung und am Donnerstag zu einem Upcycling-Häkelatelier in die ENSAD (Nationale Hochschule für Kunst und Design) ging. Eine Designstudentin leitete dort eine handvoll Mädels im Häkeln mit VHS-Kassetten an. Ich hatte zwar schon einmal mit einer zerschnipselten Plastiktüte gehäkelt, aber nicht mit Filmen. Fazit: Es ist ziemlich mühsam und macht furchtbare Geräusche. Und so cool die Idee von Taschen aus VHS-Häkel-Quadraten ist, ist sie doch mit unrealistisch viel Arbeitsaufwand (mein Quadrat zu häkeln dauerte mehr als zwei Stunden!) verbunden.

Davon einmal abgesehen war ich sehr beeindruckt von dieser Hochschule – sie ist nagelneu, architektonisch sehr spannend (knapp an der Grenze zu unpraktisch) und sehr offen. Es gibt nur einen einzigen Hörsaal, dafür thematische Räume fürs Arbeiten mit Holz, Siebdruck, Metall, Multimedia (gleich 30 iMacs nebeneinander!) usw. Grüppchen von Studierenden saßen in den verschiedenen Arbeitsbereichen herum und kümmerten sich um ihre Projekte. Mit den Lehrenden schienen sie per du und einer davon führte uns „uni-fremde“ Besucher_innen sogar kurz durch die Ateliers. Insgesamt ist die ENSAD (auf den ersten Blick, ich studiere ja nicht dort) das komplette Gegenteil „meiner“ Fac des Lettres, die 70er-Jahre-Muff verströmt, Hierarchien zwischen Lehrenden und Studierenden sogar noch architektonisch verstärkt und keinem auch nur einen Funken Autonomie zuspricht…

Am Ende meiner Prüfungen hatte ich mir noch vorgenommen, wenigstens ein paar meiner Dozent_innen an der Uni Lorraine eine E-Mail mit Feedback zu schreiben. Rückmeldungen der Studierenden scheinen hier überhaupt nicht institutionalisiert zu sein (die Uni Wien hat wenigstens ihre Multiple-Choice-Qualitätssicherungsbögen!) und es ist gut möglich, dass sich keine_r der Lehrenden auch nur einen Deut dafür interessiert. Aber immerhin habe ich dann nochmal die Möglichkeit ausführlich über mein ERASMUS-Semester zu reflektieren und Zeug auf Französisch zu schreiben (was mir immer noch schwer genug fällt).

Zwischendrin prokrastinierte ich ein bisschen durch Twitter-von-vor-zehn-Jahren. Durchaus witzig!

Im Jahr 2008 hatte ich aber gerade erst RSS-Feed-Reader für mich entdeckt, bis zu meinem Twitteraccount sollte es noch weiter sieben dauern. Seit dieser Woche habe ich aber quasi noch ein neues Level unlocked, mein erster Twitterthread, mit einer Geschichte, die ich weder auf FB, in meinen Instastories oder hier erzählen wollte:

Noch eine Kulturveranstaltung (oder so ähnlich) stand am Samstag auf dem Programm: 24h de Stan „le plus grand événement étudiant de l’Est de la France“ (das größte Studierenden-Event im Osten Frankreichs). Von Samstag um 16h bis heute um 16h schoben dabei verschiedene Hochschulteams möglichst kunstvoll verzierte, aber gänzlich ausgeschlachtete Auto-Karosserien um den Place de la Carrière in Nancy. Trotz der großen Bühne mit Live-Musik und später einem DJ-Set war die Atmosphäre eher wie auf dem Zeltplatz eines Festivals: Viele verkleidete, tanzende, betrunkene junge Menschen unter freiem Himmel. Leider wurde dem Event um ein Uhr nachts der Strom abgedreht (Lärmschutz?) und es war nur mehr halb so lustig, die Teams bei ihren Umrundungen anzufeuern. 24h de Stan hat sich mir leider bis zum Schluss nicht ganz erschlossen, denn obwohl die ganze Stadt bis spätnachts voller Menschen und Musik war, wurde ich das Gefühl nicht los, dass man zum exklusiven Kreis einer diesen Écoles nationales supérieures gehören musste, um „wirklich“ dabei zu sein.

Jetzt folgen hier erstmal meine (sehr umfangreichen!) Links der Woche, weiter mit dem Ferienspaß dann am nächsten Sonntag:

Zuckersüß 289 weiterlesen

Zuckersüß 282

Die Campus-Blockade ist bis jetzt noch nicht zu Ende. Statt in meine Kurse zu gehen, habe ich deshalb, wie letzten Sonntag schon angekündigt, in meiner ganzen freien Zeit einen Audio-Beitrag über die Proteste gebaut. Das war wohl meine aufwändigste derartige Produktion bisher, ich habe sogar zwei Freund_innen als Sprecher_innen engagiert, um die französischen Originaltöne gut auf Deutsch abbilden zu können. „La fac des Lettres est bloquée – Über die Besetzung des Uni-Campus in Nancy“ könnt ihr euch drüben bei Lieblings-Plätzchen anhören und ein paar Fotos vom besetzten Campus anschauen. Auf Facebook und Twitter gibt es das Teaser-Video (s.u.) zu sehen, das ich mit Headliner gebaut habe. Falls ihr auch untertitelte Audio-/Videoproduktionen bauen wollt, kann ich euch dieses Tool nur wärmstens empfehlen!

Heute (Montag) gibt es erstmals eine Online-Abstimmung statt einer Generalversammlung, in der entschieden werden soll, wie es mit dem Blocus weitergeht, bzw. ob der Prüfungskalender wegen der Proteste nach hinten verschoben werden soll. Obwohl in den Generalversammlungen die Blockade-Gegner_innen immer haushoch überstimmt wurden, könnte sich dies jetzt ändern, weil man einfach über das Internet abstimmen kann. Möglicherweise geht das Semester also ab Mittwoch wieder halbwegs normal weiter!

Die SNCF setzt ihren Streik weiterhin fort, weshalb mein Zug von Strasbourg, wo ich das Wochenende verbrachte, nach Nancy einfach gestrichen wurde. Ich nutzte am Sonntag deshalb erstmals Blablacar, das in Frankreich auch außerhalb von Streikperioden unglaublich beliebt zu sein scheint – es gibt sogar Parkplätze, die laut Beschilderung nur dafür genutzt werden dürfen. An dieser Mitfahrgelegenheit war nichts weiter bemerkenswert (Zugfahren ist mir trotzdem lieber), dafür an der Strecke: Die großen LED-Tafeln über der Autobahn, die normalerweise Staugefahr oder derartiges anzeigen, waren allesamt mit „GREVES! PENSEZ COVOITURAGE“ (Streiks, Denken Sie an Mitfahrgelegenheiten!) beschrieben. Schon irgendwie erstaunlich, wie routiniert sich hier alle an die vielen Streiks anzupassen scheinen!

Ansonsten war ich in der vergangenen Woche noch auf dem Jahrmarkt (ich weiß wirklich nicht, wie ich das nennen soll – ohne Bierzelt ist es ja kein richtiges Volksfest oder eine Dult?) und wurde genau zu dem Zeitpunkt, als ich die Stadt von einem hohen Kettenkarussel aus überblickt habe, von einem Regenschauer überrascht – das Wetter in der Lorraine… Glücklicherweise war am selben Abend Museumsnacht und ich verbrachte den Rest des Abends bei kostenlosem Eintritt im Aquarium von Nancy.

Mit meinem Buchclub geht es auch voran: Auf diese Empfehlung hin habe ich mir 4-3-2-1 von Paul Auster gekauft, weil die deutschsprachige/englischsprachige Fachbibliothek wegen der Campusbesetzung nicht zugänglich ist. Im Blablacar habe ich allerdings nicht lesen können, sondern nur einen weiteren Socken gestrickt. Apropos: Meine Handarbeitsbegeisterung scheint um sich zu greifen, ich habe in den vergangenen Tagen einer Kolumbianerin und einem Mexikaner das Häkeln beigebracht! Ich weiß jetzt, dass Luftmaschen cadenetas heißen und feste Maschen puntos bajos. Am Ende lern ich damit auch noch Spanisch!

Jetzt aber mal zum Hauptteil dieser Blogkategorie, meinen Lieblingslinks der Woche:

Zuckersüß 282 weiterlesen

Zuckersüß 280

In dieser Woche hatte ich ziemlich wenig Uni. Es fielen krankeitsbedingt ein paar Stunden aus, die ich dann in der Bibliothek verbrachte, um mich durch die dortige Magazin-Auswahl zu lesen. Dabei hatte ich nicht nur erstmals die Print-Version des New Statesman, auf den ich hier so oft wegen Laurie Pennys Kolumnen verlinke, in der Hand, sondern auch die großartige Revue dessinée:

Am Donnerstag änderte sich der Grund für den Unterrichtsausfall: Der Campus wurde besetzt! Zeitgleich mit den Streiks der Eisenbahner_innen beschlossen einige Studierende, militanter gegen die geplanten Universitätsreformen zu protestieren. Schon seit meiner Ankunft hingen Transparente mit „Non au Plan Étudiant“ im Innenhof, kopierte Zettel mit Protest-Memes klebten an den Aushangswänden und flatterten durch die Hörsäle. Im Innenhof wurde am Donnerstagmorgen die Beerdigung der Fakultät vorbereitet und mit einer Demo durch die Innenstadt unterstrichen. Die Universitätsleitung sagte daraufhin alle Lehrveranstaltungen für Donnerstag und Freitag ab und auch heute (Montag) bleibt der Campus geschlossen. An anderen Unis (Toulouse, Montpellier, Paris) war Donnerstag ebenfalls Streiktag, teilweise geht die Besetzung aber schon seit einigen Wochen dahin und noch weiter. Mich erinnert die Aktion an Uni brennt von 2009/10, das mittlerweile sogar schon einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Hoffentlich ist der Kampf der Aktivist_innen gegen die zukünftigen Zugangsbeschränkungen erfolgreich!

Vor der Besetzung der Universität habe ich mir noch zwei Bücher aus der Bibliothek und eines aus dem Französischkurs-Fundus ausgeliehen. Erstmals seit sehr vielen Jahren hatte ich also mehrere fiktionale Papier(!)-Bücher auf dem Nachtkästchen, die ich tatsächlich las. Robert Seethalers Der Trafikant las ich innerhalb von drei Tagen, wobei ich es am liebsten gar nicht weglegen wollte. Die Tatsache, dass ich die Schauplätze der Geschichte im Kopf habe (Wien!) und nicht besonders viel über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich weiß, machte den Roman sehr interessant für mich. Außerdem hatte ich große Freude, ein bisschen Dialekt zu lesen, wo er mich nun nicht mehr tagtäglich umgibt. George Orwells Animal Farm habe ich nach einem Gespräch mit einem italienischen Bekannten spontan als kurze Zwischenlektüre (knappe 100 Seiten) in meinem Mini-Buchclub (s. Qualityland von Marc-Uwe Kling im Zuckersüß 271 und Der Große Glander von Stevan Paul im Zuckersüß 275 und 276) hinzugefügt. Es enthält einige englische Wörter, die mir noch niemals begegnet waren (über Bauernhöfe lese ich recht selten, egal in welcher Sprache), was dazu führt, dass ich mein Englischvokabular zumindest passiv aufbessere. Das ist ein praktischer Nebeneffekt zur Tatsache, endlich den Originaltext eines Buches zu kennen, das so oft zitiert wird.

Nicht zur Buchclublektüre, weil auf französisch, gehört Terre des hommes von Antoine de Saint-Exupéry. Diesen Roman habe ich spontan aus der Bücherkiste meines ERASMUS-Französischkurses ausgeliehen. Der Name des Autors war mir durch den Kleinen Prinzen geläufig und ich dachte, die anderen wichtigen Werke der französischen Literatur (Proust, Baudelaire und andere klingende Namen) wären schwieriger zu lesen. Ich kann nicht sagen, in wie weit das stimmt, jedenfalls habe ich mit Terre des hommes schon genug zu kämpfen. Ich habe praktisch keine Probleme, mich auf französisch zu unterhalten, Uni-Vorlesungen zu folgen oder Filme anzusehen, aber Lesen ist eine sehr große Herausforderung und dauert soooo lange. Ich werde aber nicht aufgeben, ich will schon noch wissen, wie die Geschichte der französischen Post-Piloten Anfang des letzten Jahrhunderts ausgeht!

Abgesehen von verstärkt in Papier-Büchern lesen, habe ich mich halbwegs spontan (nach dem Lesen dieser Seite) entschieden, meinen Smartphone-Startscreen Digital-Detox-mäßig aufzuräumen. Darauf finden sich jetzt nur mehr Messenger-Apps, „Werkzeuge“ (Notizen, Wörterbuch, Maps, Kamera…) und mein Podcatcher. Instagram, Twitter und Feedly (Facebook habe ich ohnehin schon lange deinstalliert) wanderten auf die zweite Seite. Ich glaube zwar, dass ich in den letzten Tagen weniger oft Twitter oder Insta-Stories gecheckt habe, kann aber bisher keinen Effekt auf meinen Gemütszustand feststellen. Mal sehen, wie das weitergeht.

Jetzt folgen einige tolle Links, die es trotz eingeschränktem Twitterkonsum in meine wöchentliche Empfehlungsliste geschafft haben:

Zuckersüß 280 weiterlesen

Zuckersüß 277

In dieser Woche bin ich erstmals innerhalb Frankreichs verreist -nach Amiens. Das ist eine ziemlich pittoreske Stadt nördlich von Paris, die außerdem irgendwie ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkte (Beizeiten folgt ein ganzer Post dazu, nachdem ich mich endlich mal um meine Fotos aus Nancy gekümmert habe). Während der ewiglichen Busfahrt in den Norden las ich den Großen Glander fertig. Noch immer will ich unbedingt ein Pastrami-Sandwich haben und am Besten auch noch die vielen anderen Speisen aus der Geschichte probieren. Stevan Paul erzählt wirklich für alle Sinne: Die Songschnipsel, die er hin und wieder in den Text eingebaut hat, führten bei mir zu Instant-Ohrwürmern, die ich nur mit catchy Songs als Gegenmaßnahme wieder loswerden konnte. Cooles Buch!

Ansonsten habe ich mich wieder hauptsächlich mit meiner Bachelor-Arbeit beschäftigt, die nun endlich (!) abgegeben ist. Letzten Sonntag machte ich mir ja viele Gedanken zum Geschichten-Erzählen – das ist beim wissenschaftlichen Schreiben nicht wirklich gefragt, aber im Laufe meiner Korrekturdurchläufe fiel mir auf, wie sehr es hilft, Dinge auszuformulieren. Offene Fragen tippte ich in einen E-Mail-Entwurf an meine Betreuerin, doch meistens konnte ich sie mir selbst beantworten, sobald ich sie explizit aufgeschrieben hatte. Ich bin schon sehr gespannt auf das finale Feedback für diese erste größere Uni-Arbeit! Und dann stehen mir in den kommenden Semestern noch mindestens drei weitere in ähnlichem Umfang bevor (Doppelstudium an der Uni Wien, FTW!).

Für die Uni Lorraine hatte ich zwischenzeitlich eine recht unterhaltsame Aufgabe: Für das erste Semesterprojekt in Médiations Culturelles, das direkt nach den Ferien fällig ist, sollten wir im Team einen Flyer für ein Museum gestalten. In meinem Fall ist das das Maison des mathématiques, das voraussichtlich 2020 in Paris eröffnen wird. Ich stützte mich auf alle im Internet verfügbaren Informationen (zum Beispiel diese Dokumentation) und layoutete soweit ich konnte. Es ist wirklich sehr anstrengend, nie ganz sicher zu sein, ob ein französischer Ausdruck oder eine platzsparendere Umformulierung passend ist oder gar keinen Sinn mehr ergibt…

Ich frage mich, ob mir jetzt eigentlich jede Woche ein Tweet (mit Gaming-Referenzen?) unterkommt, der genau zu dem passt, was ich hier im Zuckersüß erzähle:

Ende der Woche kam  der große Wintereinbruch nach Nancy. Eisig kalt war es schon vorher gewesen, aber nun blieben auch noch ein paar Zentimeter Schnee liegen. Das ist ja an sich wunderschön, doch wenn Trottoirs (wer hätte gedacht, dass ich dieses super eingebairischte französische Wort mal in meinem Blog unterbringe!) nirgends geräumt/gesplittet/gesalzen sind, wird es schnell anstrengend. Der Stadt sind ihre Fußgänger_innen scheinbar nicht besonders wichtig – anders kann ich mir nicht erklären, wieso nicht für sichere Verhältnisse auf Gehwegen und öffentlichen Plätzen gesorgt wird. Ich kann mir vorstellen, das Schneematsch und später Eisplatten ein sehr großes Hindernis für Menschen werden können, die nicht so sicher auf den Füßen sind…

Am Sonntag schlug das Wetter wieder völlig um, die Sonne blinzelte durch die Wolken und es war warm genug, mit offenem Wintermantel herumzulaufen! Gemeinsam mit ein paar Leuten habe ich deshalb einen Ausflug in den Banlieue gemacht (die Stadtplanung hier ist echt nicht besonders freundlich), um einen marokkanischen Wochenmarkt zu besuchen. Es gab sehr viel landestypische Kleidung, frisches Obst und Gemüse und Zeug, das man sonst so im Souq findet. Ich hatte mich sehr auf marokkanisches Essen gefreut, nur gab es davon recht wenig. Einzig ein (leider kaltes) Msimn konnte ich auftreiben…

An jedem ersten Sonntag im Monat sind alle Museen der Stadt gratis, weshalb ich anschließend noch im Musée de l’École de Nancy vorbeischaute. Ich hatte mir erhofft, dort endlich mehr über den speziellen Art-Déco-Stil der Stadt zu erfahren (Gebäude betrachtet habe ich schon ziemlich viel), nur wurde daraus leider nichts. Die Ausstellung in einer großen Jugendstilvilla besteht aus sehr vielen Möbeln, Vasen und Gemälden mit kleinen Schildchen, erklärt aber nirgends die Geschichte(n) dahinter. Es gäbe einen Audioguide, den ich mir nicht geholt habe (zu knausrig), und wie ich beim Hinausgehen (!) festgestellt habe auch eine App. Ich les in der Zwischenzeit mal den entsprechenden Wikipediaartikel und vielleicht gehe ich ja in einem Monat nochmal hin…

Bevor ich jetzt weiter herummeckere, zeige ich euch lieber meine Internetfavoriten der Woche:

Zuckersüß 277 weiterlesen