Bücher im Januar

Mein ausführliches Zuckersüß-Schreiben ist mir zu viel geworden, das Bücherlesen habe ich damit aber im letzten Jahr sehr ins Herz geschlossen. Deshalb starte ich jetzt einfach eine neue Kategorie im Blog.

Ich habe nicht besonders viel Expertise, was Literatur angeht, bin nicht erfahren im Rezensionen-Schreiben, aber irgendwo muss eins ja mal anfangen. Die Zuckerbäckerei ist meine Lieblingsspielwiese für neue Ideen, deshalb folgt hier einfach mal mein Januar-Bücher-Rückblick:

Versteckte Jahre – Anna Goldenberg

Versteckte Jahre war das erste Buch, das ich in diesem Jahr fertig las. Ich hatte es zum Geburtstag bekommen, nachdem ich von der Buchpräsentation in der Wiener Hauptbücherei so begeistert war.

Es geht um Hansi, den Großvater der Autorin, der sich als jüdischer Jugendlicher in Wien mithilfe des Schularztes Josef „Pepi“ Feldner vor den Nazis versteckt hielt und die Großmutter Helga, die als junges Mädchen nach Theresienstadt deportiert wurde.

Die Geschichte ging mir unglaublich nahe, denn manche Schauplätze kenne ich sehr gut. In der Lange Gasse, wo ich heute mehrmals wöchentlich zur Uni gehe, gerieten Hansi und Josef 1945 in eine Schießerei der Militärpolizei. Auch die vielen kleinen Details bringen einem das Leben der Protagonist_innen näher: Kramperltee aus Apfelschalen, den Hansi und Pepi trinken oder die Förmlichkeiten (sehr österreichisch: Anrede mit akademischen Titeln), die unter den nach Theresienstadt verschleppten Jüd_innen üblich waren.

Anna Goldenberg verwebt die Aufzeichungen ihres Großvaters, Erzählungen ihrer Großmutter und ihre eigenen Erfahrungen auf der Spurensuche zu einer sehr berührenden Geschichte, die sich wie eine lange Reportage liest. Anders als z. B. Der Trafikant von Robert Seethaler, das auch im nationalsozialistischen Wien spielt, sind die Menschen in Versteckte Jahre echt. Und das Trauma des Holocaust noch immer da – diese Stelle werde ich beispielsweise nicht so schnell wieder vergessen:

Ich kann mich nicht daran erinnern, nichts über den Holocaust gewusst zu haben. Als Sechsjährige beäugte ich misstrauisch die Duschen in einem Salzburger Skihotel. Ich hatte gehört, dass Verwandte mit getarnten Duschen ermordet worden waren; wie konnte ich mir sicher sein, dass man uns hier nicht auch umbringen würde? (S. 82)

Anna Goldenberg: Versteckte Jahre. Zsolnay, 2018. 192 Seiten, 20,60 €

Alle außer mir – Francesca Melandri

Seit ich im September dieses FAZ-Interview mit Francesca Melandri (das ich über Julian Schmidlis Newsletter gefunden habe) gelesen habe, wollte ich unbedingt sofort Alle außer mir lesen. Leider ist es recht teuer und keine Bücherei, bei der ich eingeschrieben bin, hatte es im Katalog. Nach zu langem hin und her kaufte ich es mir aber doch und ließ es erstmal im Bücherstapel liegen. Als ich allerdings damit anfing, hatte ich die mehr als 600 Seiten in vier Tagen durch.

Über drei Generationen und Länder spannt die Autorin die Familiengeschichte von Attilio Profeti auf. Der meldet sich als faschistisches Schwarzhemd freiwillig zur italienischen Kolonialisierung Äthiopiens und streicht diesen Abschnitt später aus seiner Biografie. Doch Jahrzehnte später, in Zeiten von Frontex, steht ein Äthiopier, der sich als sein Enkel ausgibt, auf der Türschwelle von Attilio Profetis Tochter Ilaria in Rom.

Ich interessiere mich in letzter Zeit ziemlich für Italien (war recht oft dort!) und Kolonialgeschichte (weil mir scheint, ich wüsste zu wenig darüber). Der Roman behandelt beides sehr ausführlich: Die Begeisterung vieler Italiener_innen für den Faschismus (1935 wurden Eheringe öffentlichkeitswirksam für das Vaterland eingesammelt und durch eiserne Ringe ersetzt: Oro alla Patria?!) genauso wie der Kampf der Partisanen gegen das Regime. Die unsägliche Korruption und den Klientelismus, die bis heute die italienische Politik prägen. Die Grausamkeiten, die die Italiener in Äthiopien in nur fünf Jahren begingen, die furchtbaren Rassentheorien, die sich noch Jahrzehnte später hielten, die „Entwicklungshilfe“ die in den 1980er nur noch mehr Leid in die ehemaligen Kolonien brachte.

Mit einem großen Twist auf den letzten Seiten geht zumindest die Geschichte der Familie Profeti am Ende halbwegs gut aus – jedenfalls für die Figuren, die nicht den Verbrechen der Kolonialzeit, späteren Diktaturen oder ’starken‘ EU-Außengrenzen zum Opfer gefallen sind. Das Buch ist stellenweise sehr schmerzhaft zu lesen und doch bin ich froh, nun mehr über das europäisch-afrikanische Unterdrückungsverhältnis zu wissen.

Francesca Melandri: Alle, außer mir. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Wagenbach, 2018. 604 Seiten, 26,80 €

Super, und dir? – Kathrin Weßling

Dieses Buch bekam ich zu Weihnachten und ich glaube, im Geschenk schwang auch eine Warnung mit, nicht so ein Workaholic wie die Hauptperson zu werden.

Marlene Beckmann kommt aus einer kaputten Familie – Vater weg, Mutter alkoholkrank und depressiv – und niemand darf es wissen. Sie schreibt super Noten, macht einen hervorragenden Uni-Abschluss und bekommt den Marketing-Job, den alle haben wollen. Auf Social Media ist ihr Leben perfekt, die Warheit sieht jedoch finster aus.

So sehr mich dieser Roman vor allem am Anfang mitriss, so ratlos hinterließ er mich. Arger Leistungsdruck, prekäre Arbeitsverhältnisse (Marlene ist natürlich befristet angestellt und kämpft gegen eine Kollegin um eine Festanstellung), Sexismus, dauernde Selbstinszenierung auf Social Media – in dieser Umgebung muss sich meine Generation zurechtfinden. Marlene scheint das alles mit links zu meistern, doch sie zerbricht an den Erwartungen. Und niemand, nicht einmal Marlenes Arzt, hilft ihr, weil sie so makellos erscheint.

Menschen wie ich tauchen nicht in den Dokumentationen und Statistiken auf. Wir sind eine Fußnote, eine Randnotiz, ein Relativsatz. Wir sind die, denen es nicht passiert. Wir werden nicht süchtig. Wir sind zu klug, zu reich, zu gebildet, zu sozial integriert; wir haben Depressionen, Lebenskrisen, Sex mit unseren Vorgesetzten, Meinungsverschiedenheiten mit unseren Eltern, Muskelkater nach dem Yoga, 532 Freunde auf Facebook, große und kleine Pläne, Universitätsabschlüsse, Endometriose, Spliss, Depressionen und Essstörungen, einen Elternteil verloren, einen Hund oder Schulend beim Bafög-Amt. Wir haben keine Sucht-Probleme. (S.69)

Die Autorin arbeitet übrigens selbst als Social-Media-Redakteurin und war Ende 2017 mal im Leitmotiv-Podcast zu Gast.

Kathrin Weßling: Super, und dir? Ullstein fünf, 2018. 256 Seiten, 16,50 €

Immer schon vegan – Katharina Seiser

Ein Kochbuch in der Bücherliste? Auf jeden Fall! Das hier habe ich ebenfalls zu Weihnachten bekommen und nicht nur durchgeblättert, sondern tatsächlich durchgelesen. Katharina Seiser schreibt nämlich nicht nur zu jedem Rezept eine kurze Einführung, sondern auch noch ein Kapitel zum Geschmack allgemein – duftig, knusprig/weich, heiß/kalt, süß, sauer, salzig, scharf, umami, bitter, fett, würzig.

Die Rezepte sind nach den Jahreszeiten gegliedert, außerdem gibt es ein Jederzeit-Kapitel. Bisher habe ich nur den Erdnusseintopf mit Süßkartoffeln ausprobiert, die Zutaten fürs Kartoffel-Kibbeh mit Walnusszwiebeln habe ich aber schon besorgt. In jedem Rezept steckt zumindest eine spezielle Zutat, die unsere WG-Küche im Normalfall nicht hergibt – frischer Koriander, Sumach, Sherry – aber genau das macht die Gerichte in Immer schon vegan so besonders.

Der immer-schon-vegan-ohne-Ersatzprodukte-Ansatz ist mir sehr sympathisch und Katharina Seisers Herangehensweise sowieso. Ihr Blog esskultur gehört zu meinen absoluten Lieblingen (von dort stammt das Rezept für die kandierten Zitronenschalen!), ihre Instagramstories verfolge ich immer. Im Erklär mir die Welt-Podcast hat sie vor einiger Zeit vom Vegan-Versuch erzählt, der den Startschuss für das Kochbuch bildete.

Katharina Seiser: Immer schon vegan. Traditionelle Rezepte aus aller Welt. Brandstätter, 2015. 176 Seiten, 25 €

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