rp18-rückschau

#rp18-Rückschau

Weil meine Kommentare zu den diesjährigen re:publica-Talks ein einziges Zuckersüß sprengen würden, schreibe ich einen extra Post drüber – obwohl ich nichtmal „in echt“ dort war (s. auch: re:publica 2016 und rp17-Rückschau). Die Live-Streams konnte ich auch nicht recht verfolgen, weil ich Anfang Mai mit Seminararbeiten und Prüfungsvorbereitung beschäftigt war. Nachdem das Semester hier in Nancy jetzt am Ende ist, kann ich mich wieder verstärkt den spannenden Teilen des Internets widmen. Und ich finde (nach fünf Jahren, in den ich die Konferenz jetzt mehr oder weniger verfolgt habe), die re:publica gehört eindeutig zu den spannenden Teilen des Webs.

Digitales Lagerfeuer

Den Opening Fireside Chat with Chelsea Manning habe ich tatsächlich im Livestream „nachgeschaut“. Ich finde es schön, dass die re:publica gleich mit diverser Besetzung startete! Linus (Buzz Aldrins Bücher) hat übrigens zur Medienberichterstattung über Chelsea Mannings Auftritt gebloggt: Wenn Journalist*innen über trans Themen schreiben.

Rassistische Suchergebnisse und digitaler Kolonialismus

Safiya Umoja Noble: Algorithms of Oppression habe ich sogar gesketchnotet. Einer ihrer wichtigsten Punkte war es, Google nicht als neutrale, sondern höchst vorurteilsbehaftete Instanz zu betrachten, der es hauptsächlich ums Geldverdienen geht. Das ist jetzt keine brandneue Erkenntnis, aber in Zusammenhang mit struktureller Diskriminierung könnte das dennoch öfters genannt werden, finde ich.

Um eine andere Form der Unterdrückung ging es im Panel Burning out digital colonialism. Den Einfluss großer Technologiekonzerne auf Länder des globalen Südens finde ich besonders spannend, seitdem ich in einem gelebt habe – in Marokko gibt es z.B. zuhauf Zero-Rating-Angebote, die den Eindruck erwecken, dass das Internet aus nichts anderem als Facebook und Whatsapp besteht.

Eine Kooperative und ein Känguru

Die Performance des Freundeskreis Freiheit im Netz erinnerte mich  an die szenische Lesung des NSA-Untersuchungssausschuss (Grundrechte gelten nicht im Weltall!) auf dem 32C3. Ich finde Konferenzen sollten öfters Formate auf die Bühnen bringen, die nicht der klassische Talk oder Panels sind. Abgesehen davon scheint die p≡p-coop ein cooles Projekt zu sein!

„Ich war mal Bundesinnenminister!“

Marie Bröcklings Talk zum Polizeiaufgabengesetz habe ich kurz vor der großen NOPAG-Demo in München angeschaut und vorsichtshalber gleich noch auf Facebook, in meiner bayerischen Bubble, geteilt. Vermutlich hat sich von meinen Freund_innen dort aber eh niemand die Mühe gemacht die knapp halbstündige Enstehungsgeschichte und Analyse dieses Gesetzes anzuschauen und dieser grundrechtsbedrohende Stunt der Landesregierung ist schon wieder vergessen. Dabei wäre gerade der letzte Kommentar aus dem Publikum („Ich war mal Bundesinnenminister!“) wirklich sehenswert.

Podcasts!!1!!

Die Talks zum Thema Podcasting ließ ich mir natürlich nicht entgehen. In Go Podcasting! Unser Appell zur Rückeroberung der digitalen Öffentlichkeit erzählen Nicolas Wöhrl (minkorrekt) und Stefan Schulz (Aufwachen!) aus wissenschaftlichem und journalistischem Blickwinkel von meinem liebsten Audioformat, das sie als wirksames Mittel gegen Fake-News-Debatten sehen. Sehr sympatisch:

„Es gibt zu wenig Podcasts, deswegen sind wir hier“.

Kathrin Rönicke stellt in Mach langsam! Ein Podcastlabel als slow business hauseins vor. Schon auf der subscribe9 im vergangenen Herbst hatte sie gemeinsam mit Susanne Klingner über der Gründung des Unternehmens gesprochen:

Den Idealismus, der in der deutschsprachigen Podcastingcommunity verbreitet ist, scheint Kathrin Rönicke nach ein paar Monaten im Geschäft noch nicht verloren zu haben. Sie betont, dass sie weiterhin nur über für sie wichtige/interessante Themen podcastet, die nicht nur Geld sondern auch gesellschaftlichen Mehrwert bringen. Ich bin großer Fan ihres Lila-Podcasts und muss mich glaube ich jetzt auch mal durch die anderen Produktionen hören.

Insta-Aktivismus

Ziemlich viel Idealismus steckt auch hinter Milena Glimbovskis Vom Instagram-Hippie zum echten Öko-Aktivisten mit Zero Waste. Ich kann mir gut vorstellen, dass an ihrer These was dran ist. Auf die paar Accounts, denen ich zum Thema folge, bin ich zwar über Blogs aufmerksam geworden (@svenjasgodda hat mal bei Apfelmädchen & sadfsh gebloggt, @dariadaria folge ich, weil @fair_fetzt von ihr erzählt und vielleicht auch gebloggt hat) und nicht über Instagram selbst. Aber *meine Generation* hängt tendenziell eher bei Instagram herum als in RSS-Readern und deswegen könnte dort auch Potenzial für Aktivismus stecken. Oder zumindest Anstöße, seinen eigenen Lebensstil zu überdenken – so oberflächlich und heuchlerisch wie das Insta-Universum häufig dargestellt wird (wie so viele andere weiblich konnotierte Sphären, btw), ist es nämlich nicht.

Sophie Passmann redete auch über Instagram: Weniger Filterblase, mehr Detox-Tee!. Auch bei ihr ging es ums ernst-genommen-werden  (ich hatte sie hauptsächlich aus dem NEO Magazin Royale-Umfeld im Kopf, ich sollte mich mal umschauen, was sie sonst so macht!) und um Authentizität (nichts als eine Illusion) – und es gab ein tl;dl:

Influencer bleiben wichtig, sie müssen ihren Job allerdings in Zukunft sehr viel besser machen.

Gender und Tech

Fiona Krakenbürger (was für ein toller Nachname, jetzt versteh ich endlich auch mal den Witz hinter dem Emoji auf ihrem Twitterprofil!) sprach über The gendered shaping of Workplace Technology. Mich sprach das Thema sofort an, doch ein Blick ins Publikum (auf die Gefahr hin, dass die Kameraschwenks nicht repräsentativ sind), zeigt, dass das Interesse daran nicht brennend groß war und außerdem Frauen in der absoluten Mehrzahl – schade! Sie spricht sich dafür aus, die Digitalisierung nicht einfach so geschehen zu lassen, sondern aktiv Chancen zu ergreifen und das Problem der Diskriminierung anzugreifen.

Nachdem ich das „Rätsel“ um ihr Twitterhandle gelöst hatte, klickte ich mich noch auf ihre Webseite. Dort fand ich einerseits heraus, dass sie auch hinter dem großartigen n00bcore-Podcast steckt, den ich vor ein paar Jahren mal gehört habe. Andererseits stellte ich fest, dass sie ihre wissenschaftlichen Arbeiten (zumindest teilweise, scheint nicht auf dem aktuellsten Stand zu sein) inklusive Notizen online stellt (was mich wiederum an das großartige Blog von Anke Gröner erinnerte). Bin jetzt Fangirl.

Die Beharrlichkeit der Rechten

Ingrid Brodnigs Talk handelte auch von Aktivismus, aber von dem, der in einer offene Gesellschaft am besten nicht stattfände: Warum sind die Rechten so hip im Netz?. Wie immer, wenn Ingrid Brodnig redet (z.B. auch im Was Soll Das?-Podcast), war es sehr interessant – ich glaube, ich sollte mir mal eines ihrer Bücher zulegen. Ihren abschließenden Appell (es gibt ein komplettes Transkript in ihrem Blog!) werde ich mir sicherlich zu Herzen nehmen:

[…] wir sollten nicht die Ideen oder die Inhalte der Rechten kopieren. Wir sollten aber etwas von ihrer Beharrlichkeit lernen.

Richard Gutjahr, der zufällig sowohl beim Attentat von Nizza und am Münchner Olympia-Einkaufszentrum vor Ort war, hat seitdem mit Verschwörungstheoretiker_innen, Trollen und weltumspannenden Hasskampagnen zu kämpfen. In seinem Talk Nach Nizza und München – Anatomie eines Shit-Tsunamis erzählt er von seinem Umgang mit dem Hass und was er dagegen unternommen hat. Später übernimmt sein Anwalt für die rechtlichen Aspekte und das Schlusswort ging an Lenny Pozner, den Vater eines US-school-shooting-Opfers, der mit ähnlichem organisierten Hass im Internet konfrontiert ist. Auf seinem Blog hat Richard Gutjahr übrigens einen ausführlichen Post zu seinem Talk veröffentlicht.

Stalking mit Spyware

Ähnlich gruselig wie die Wahnsinnigen, die Richard Gutjahr verfolgen, fand ich die Apps, die Joseph Cox und Lorenzo Franceschi-Bicchierai vorstellten. When Spies Come Home: Inside the Consumer Spyware Industry. Es gibt offenbar eine große Nachfrage nach Spyware, die nicht nur Nachrichten abfangen, sondern auch den Standort einer Person weitergeben kann. Natürlich ist es illegal, eine solche App ohne die Zustimmung der Gerätebesitzer_innen zu installieren, aber Stalker_innen interessiert so etwas natürlich nicht. Teilweise irritierte mich die euphemistische Wortwahl der beiden Vortragenden, sie beschrieben die Stalkingopfer nämlich als „Loved Ones“ der kontrollsüchtigen Täter_innen.

Menschliche Bots

Luca Hammer hat auf der vergangenen re:publica über Trolle gesprochen (Mit den Trollen ums Datenfeuer tanzen), in diesem Jahr beschäftigte er sich mit Bots. Oder dem, was oft als solcher abgetan wird. Bist du ein Bot? ist ein bisschen weniger Datenanalyse-lastig als seine sonstigen Talks und erklärt, warum so viele Accounts wie Bots aussehen, ohne welche zu sein. Besonders cool finde ich, dass er am Ende noch Weiterles/schau/follow-Empfehlungen zum Thema gibt, nämlich Buzzfeed/34c3/@3r1nG.

Die Klassiker

In Pop, rights?! Zwischen Netz und Politik liefert Markus Beckedahl sozusagen den State of the Union der deutschen und europäischen Netzpolitik. Etwas pessimistisch, aber sehr informativ.

Sascha Lobo: Pop und Anti-Pop – Die zweite „Pflichtveranstaltung“ der Konferenz habe ich auch angeschaut. Dieses Jahr war Lobos Vortrag noch politischer als letztes Jahr, konnte mich insgesamt aber nicht so recht mitreißen.

Sein völlig überspitztes Intersektionalitäts-Zitat wurde sogar zum tagesschau-Shareable, und außerdem heftig für seine Wortwahl kritisiert.

https://twitter.com/marthadear/status/991979163195203584

Anne Wizoreks Tweet hat zwar einen wahren Kern, ich finde ihn trotzdem ein bisschen gemein. Es ist wirklich dämlich, dass Sascha Lobo zugehört wird (s. Tagesschau-Shareable!), den vielen Feminist_innen, die lange schon für Diskriminierungsfreiheit kämpfen, aber nicht. Das ist aber nicht direkt seine Schuld, und er ist sich seiner Position (und wer ihm alles zuhört) bewusst, wie es aussieht. In einem Blogpost hat er sich entschuldigt.

Bundeswehr

Ein viel größerer Skandal als Sascha Lobos misslungene Wortwahl war der merkwürdige Auftritt der Bundeswehr. Deren „mimimi, wir dürfen nicht auf die #rp18“ hat es sogar in meinen Facebook-Feed geschafft, aus einer Ecke, die mit der re:publica gar nichts am Hut hat. Auf der Webseite der Konferenz gab es recht schnell eine Chronologie zu lesen und viele Einschätzungen bzw. Kommentare in verschiedenen Blogs (z.B. bei recht energisch, Indiskretion Ehrensache oder Volker König)

Mittlerweile hat Anke Domscheit-Berg gemeinsam mit anderen der Linksfraktion sogar eine kleine Anfrage an den Bundestag gestellt – mal sehen, was dabei herauskommt!

Das wars mit meiner Rückschau einer Konferenz, auf der ich nichtmal war. Natürlich war ich aber nicht die einzige, die einen solchen Blogpost geschrieben hat – sehr lesenswert finde ich z. B. den von Kopfkompost.

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